Bözberg
Streit um Adressänderung: Pro Linn hat sich in Aarau Hilfe geholt

Der Generalsekretär des kantonalen Innendepartements hat das Gesuch zur Wiederherstellung des Ortschaftsnamens Linn durchgesehen.

Claudia Meier
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Seit der Fusion per 2013 zur Gemeinde Bözberg steht in Linn die neue Ortstafel.

Seit der Fusion per 2013 zur Gemeinde Bözberg steht in Linn die neue Ortstafel.

efu (18. Januar 2013

Derzeit herrschen frostige Temperaturen auf dem Bözberg, ein kalter Wind weht über die idyllische Winterlandschaft. Das liegt nicht nur an der Jahreszeit, sondern auch an der neu entfachten Diskussion um die Adressen im Ortsteil Linn. Geht es nach dem Verein Pro Linn mit mehr als 400 Mitgliedern, soll Linn bald wieder Linn heissen. Der mit der Fusion zur Gemeinde Bözberg gelöschte Ortschaftsname soll wiederhergestellt werden. Linn soll keine Strassenbezeichnung mehr sein, wie es heute der Fall ist, sondern wieder Ortschaftsname mit der Bözberger Postleitzahl 5225.

Dieses Vorhaben des Vereins Pro Linn ist das Resultat jahrelanger akribischer Vorbereitungen durch den Aufbau eines grossen Netzwerkes mit freundschaftlichen Kontakten zur Aargauer Regierung und zu zahlreichen Grossräten. Ein vor einem Jahr vom Regierungsrat beantworteter Vorstoss hat den Weg frei gemacht, ein Gesuch zur Wiederherstellung des Ortschaftsnamens aufzusetzen.

Kritisch sieht dies der Bözberger Gemeinderat. Vor Weihnachten schrieb die Behörde in einem offenen Brief, es stimme sie zutiefst nachdenklich, «dass der Verein Pro Linn in dieser Zeit, in welcher auch der Alltag vieler Menschen in unserer Gemeinde von grossen Sorgen, Existenzängsten und quälender Ungewissheit geprägt ist, nichts Besseres weiss, als erneut mit der längst entschiedenen Adressfrage aufzuwarten».

Unterschreiben können alle, handeln müssen die Linner

Was vielen nicht bewusst ist: Die Unterlagen vom Verein Pro Linn können alle Personen unterschreiben, auch von ausserhalb der Gemeinde Bözberg. Eine erneute Adressänderung betrifft die ganze Bevölkerung und alle Arbeitgeber im Ortsteil Linn, ob sie das wollen oder nicht.

Im Gegensatz zum 2012 gegründeten Dorfverein Linn, der die Pflege und den Aufbau von Dorftraditionen bezweckt, bemüht sich der Verein Pro Linn darum, die Linner Linde sowie das Dorf Linn und dessen Interessen auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene in Erinnerung zu halten. So etwa in den sozialen Medien auf Facebook mit den Fanseiten «Linn, Aargau» und der «Linner Linde». Pro Linn setzt sich gemäss den Statuten auch auf politischer Ebene für Anliegen des Dorfs Linn ein.

Zuerst die Unterschrift, danach das Aktenstudium

Seit dem 9. Dezember putzen Vorstandsmitglieder des Vereins Pro Linn die Klinken. Bewohner, Bekannte, Freunde – über die Gemeindegrenze von Bözberg hinaus – werden gebeten, das Gesuch zu unterschreiben und dem Verein die Vollmacht zu erteilen für die Vertretung aller Gesuchsteller gegenüber dem Kanton. Vorgelegt werden ein 14-seitiges Gesuch, eine Vollmacht und das 52-seitige Begleitdossier «Erhalt unseres kulturellen Erbes». Die Rede ist von einem reinen Verwaltungsakt. Den Unterzeichnenden entstünden dadurch keine Kosten.

Wer nicht gleich unterschreibt, wird ein paar Tage später nochmals kontaktiert. Das berichten der AZ mehrere voneinander unabhängige Quellen. Einige unterschrieben nicht aus Überzeugung, sondern um die gute Nachbarschaft oder Freundschaft nicht aufs Spiel zu setzen. In Linn gibt es Leute, die diese Situation bedauern. Jetzt, wo sich die Wogen nach der Fusion geglättet haben und die Einwohner an der Gemeindeversammlung oder bei anderen Gelegenheiten aufeinander zugegangen seien, würden alte Wunden wieder aufgerissen, ist zu hören.

Am 21. Dezember teilte der Vorstand von Pro Linn mit, dass innert weniger Tage vier Dutzend Vollmachten eingegangen seien. Die Aktion laufe noch bis Ende Januar weiter. Ausserdem hält der Verein fest, man gehe «offen und wertschätzend auf alle Beteiligten und Betroffenen zu und suche das Gespräch».

Generalsekretär empfahl eine offene Kommunikation

Im Jahr 2013 übernahm der Kanton im Linner Adressenstreit die Rolle des Mediators. Damals sagte Generalsekretär Hans Peter Fricker vom Departement Volkswirtschaft und Inneres (DVI), man unterstütze die Parteien bei der Ausarbeitung eines neuen Initiativtextes rechtlich und begleite den Prozess.

Welche Rolle spielt das DVI, welches das Gesuch behandeln wird, dieses Mal? Sprecher Samuel Helbling sagt: «Hans Peter Fricker hat auf Anfrage der Initianten den Entwurf für das Gesuch, den die Initianten unter Beizug eines Juristen erarbeitet haben, durchgesehen.» Dabei sei es um die Frage gegangen, ob das Gesuch ausreichend Bezug nimmt auf die Begründung des Regierungsrats in der Stellungnahme zum Postulat von Gertrud Häseli. Wichtig sind dabei kulturhistorische Aspekte für den Erhalt oder die Wiederherstellung von Ortschaftsnamen bei Gemeindefusionen.

Helbling sagt: «Hans Peter Fricker hat den Initianten im Umgang mit dem Gesuch eine offene Kommunikation empfohlen.» Der DVI-Generalsekretär habe das Gesuch nicht unterzeichnet und werde auch am Entscheid über das Gesuch nicht beteiligt sein. Der ausgeschiedene SP-Regierungsrat Urs Hofmann habe das Gesuch ebenfalls nicht unterzeichnet und werde es auch nicht tun.