Jugendprojekt Lift
Statt zu faulenzen, gehen sie arbeiten

Schülerinnen und Schüler der Realschule Birr erhoffen sich mit ihrem Einsatz im Projekt Lift bessere Chancen auf eine Stelle.

Janine Müller
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Projekt Lift

Projekt Lift

Janine Müller

Sie sind in der Oberstufe und gehen jeden Mittwochnachmittag freiwillig arbeiten. In der Hoffnung, später bessere Chancen auf eine Lehrstelle zu haben und im Arbeitsmarkt zurechtzukommen. Schülerinnen und Schüler der Oberstufe Birr machen beim Jugendprojekt Lift (Leistungsfähig durch individuelle Förderung und praktische Tätigkeit) mit.

Seit vier Jahren bietet die Schule Birr dieses Projekt an. Vor allem für Schülerinnen und Schüler der Realschule und der Kleinklassen soll es eine Möglichkeit sein, Erfahrungen im Arbeitsmarkt zu sammeln und bei einer Bewerbung einen Leistungsausweis vorweisen zu können. Denn: «Oft trauen sich die Schüler selber gar nicht zu, dass sie so arbeiten können», sagt Schulsozialarbeiter Roger Frick.

«Bei der Arbeit merken sie dann, dass es doch geht. Und mit dem Zeugnis können sie sich später von anderen Bewerbern für eine Lehrstelle abheben.» Momentan existieren mehr Lehrstellen als Bewerber, doch es gibt rund zehn Berufe, die 80 Prozent der potenziellen Lehrlinge wählen möchten. Auch hier will das Jugendprojekt Lift Abhilfe schaffen und Einblicke in weniger bekannte Berufe bieten.

Roger Frick berichtet von durchweg positiven Rückmeldungen von Schülern, Eltern und Unternehmen. «Schüler, die sich manchmal frech verhalten oder den Unterricht stören, haben sich in den Betrieben tadellos verhalten», erzählt er.

Die Ziele von "Lift"

Lift ist ein schweizweites Integrations- und Präventionsprogramm an der Nahtstelle zwischen der Volksschule (Sek I) und der Berufsbildung (Sek II). Das Projekt wurde vom Netzwerk für sozial verantwortliche Wirtschaft NSW/RSE in Bern gegründet. Zielgruppe sind Jugendliche ab der 7. Klasse mit erschwerter Ausgangslage bezüglich späterer Integration in die Arbeitswelt. Kernelement sind regelmässige Kurzeinsätze. Die Einsätze in den lokalen Betrieben erfolgen auf freiwilliger Basis in der schulfreien Zeit. Angesprochen sind Jugendliche mit ungenügenden Schulleistungen, fehlender Unterstützung aus dem Umfeld, wenig Selbstwertgefühl oder Motivationsproblematiken. Auch Jugendliche, die aufgrund ihres sozialen oder familiären Umfeldes Gefahr laufen, den Berufseinstieg nicht zu schaffen gehören zum Zielpublikum.

18 Wochenarbeitsplätze bietet die Schule in insgesamt 13 Firmen aus der Region an. Doch wesentlich mehr Schüler – 31 nämlich – würden gerne mitmachen. Darum wird immer nach einem halben Jahr gewechselt. Dann darf jeder, der will, ein halbes Jahr arbeiten gehen. Beliebt ist das Projekt vor allem auch bei Schülern mit Migrationshintergrund. Über die Hälfte, die beim Projekt mitmachen, haben ihre Wurzeln im Ausland.

Sarina (15) und Stefan (13) von der Oberstufe Birr sind Teil des Projekts. Sie haben sich, gemeinsam mit vielen anderen Schülern, dazu entschlossen, statt am Mittwochnachmittag die freie Zeit zu geniessen, drei bis vier Stunden in einem Unternehmen in der Region zu arbeiten. Die az hat sie an ihrem Wochenarbeitsplatz besucht und stellt eine Firma vor, die sich im Projekt engagiert:

Sarina, 15 Jahre alt, 3. Real, Haus Eigenamt (Altersheim), Lupfig
Im Altersheim Haus Eigenamt in Lupfig bastelt Sarina mit Bewohnern Masken und Hüte für die Fasnacht. Sie verziert gemeinsam mit einer betagten Frau eine Maske mit Klebern, Federn und Farbe. Sie fragt die Frau immer wieder: «Gefällt es Ihnen. Was möchten Sie noch machen?» Sie hört der Frau interessiert zu, nimmt ihre Wünsche ernst, plaudert freundlich mit den Leuten.

Man merkt: Die Altersheim-Bewohner mögen das aufgestellte Mädchen mit dem blonden Pferdeschwanz. Und auch Sarina fühlt sich wohl. «Es ist perfekt, dass ich jetzt während der Schulzeit hier Erfahrung sammeln kann. Denn ich habe meinen Traumberuf definitiv gefunden», sagt Sarina und strahlt. Sie könne sich sehr gut vorstellen, eine Lehre im Pflegebereich zu absolvieren. «Es gefällt mir, mit den Menschen zusammen zu sein. Sie sind alle so herzlich. Das ist schön.» Dass sie am Mittwochnachmittag – statt die Freizeit zu geniessen – arbeitet, stört sie keineswegs. «Wenn ich da bin, weiss ich, dass ich etwas Gutes tue.»

Sandra Wüst, Ausbildungsverantwortliche im Haus Eigenamt, weiss nur Positives über das Jugendprojekt Lift zu berichten. Und sie verteidigt auch Schüler mit angeblicher Lernschwäche: «Das heisst ja noch lange nicht, dass sie im sozialen Umgang oder auf der Arbeit nicht fähig sind.» Schülerinnen wie Sarina helfen im Altersheim in der Aktivierung der Bewohner, spielen, basteln und machen auch mal Ausflüge. «Das gibt ihnen das Gefühl, dass sie gebraucht werden», sagt Wüst. «Und die Mitarbeiter sind froh, dass sie unterstützt werden.» Dass der Wochenarbeitsplatz im Haus Eigenamt ein besonders guter ist, hat sich unter den Schülern herumgesprochen. Gleich fünf Bewerbungen hat Wüst für die zwei Plätze, die bald frei werden. In einem Vorstellungsgespräch müssen die Schüler zeigen, warum sie sich für diesen Platz interessieren.

Projekt Lift Stefan (13) schneidet gerne Fleisch. Er möchte eine Kochlehre machen.

Projekt Lift Stefan (13) schneidet gerne Fleisch. Er möchte eine Kochlehre machen.

Janine Müller

Stefan, 13 Jahre alt, 3. Real, Metzgerei Wernli, Birr
Während Sarina schon länger am Basteln ist, beginnt für Stefan der Arbeitsnachmittag erst um Viertel vor drei in der Metzgerei Wernli mitten im Dorf Birr. Er begrüsst Teilzeit-Mitarbeiterin Ursula Käser, dann schnappt er sich die gestreifte Schürze, die er am ersten Arbeitstag vom Chef bekommen hat. Er wäscht sich die Hände, desinfiziert sie gründlich. Dann wartet er auf die Anweisungen von Ursula Käser. Währenddessen erzählt er davon, warum er ausgerechnet in die Metzgerei wollte.

Ein ungewöhnlicher Wunsch. Denn Metzgereien sind bei den heutigen Jugendlichen nicht sonderlich beliebt. Ursula Käser weiss, warum: «Sie haben Angst, dass sie tote Tiere oder Blut sehen.» Dabei sei das doch gar nicht so. Stefan jedenfalls wollte in die Metzgerei, weil er später vielleicht Koch werden möchte. Da sei es sicher nützlich, wenn er schon wisse, wie man Fleisch schneidet. Das macht er nämlich besonders gerne.

Auch an diesem Nachmittag darf er – nachdem er 20 Eier für Sandwiches geschält hat – zum Messer greifen und Fleisch schneiden, das dann später zu Hackfleisch verarbeitet wird. Dass er auch noch Lohn dafür bekommt, das findet er grossartig. Er grinst schelmisch, sagt, dass es ihn schon stolz macht, wenn man Geld für die geleistete Arbeit erhält.

Je länger Stefan über seine ersten Erfahrungen im Arbeitsleben erzählt, desto mehr taut er auf. Dann sagt er Dinge wie: «Die Erwachsenen müssen schon viel arbeiten, das ist anders als in der Schule.» Doch nicht immer reicht es dem 13-Jährigen zur Arbeit. Denn Stefan hat noch einen anderen Traum: Eishockey-Profi werden. Zurzeit spielt er bei den Minis bei den Kloten Flyers. Da kann es mal passieren, dass er dreimal Training hat pro Woche.

Ein Problem ist das für die Metzgerei nicht. Die Schüler müssen einfach eigenverantwortlich handeln und sich frühzeitig abmelden. Denn wichtig für das ganze Projekt ist: Die Arbeit ist freiwillig. Niemand muss sich anmelden, der nicht will.