«Es kann doch nicht sein, dass in Villnachern über 1500 Einwohner leben und sich nicht fünf Personen für den Gemeinderat finden lassen», sagt Veronika Widmer an ihrem Stubentisch. Die 64-Jährige hat sich als einzige Kandidatin für den ersten Wahlgang am 28. September innerhalb der Anmeldefrist gemeldet.

Rückblick: Seit der Gesamterneuerungswahl im letzten Jahr, bei der alle vier Bisherigen wiedergewählt wurden, ist der Gemeinderat noch nicht komplett (die az berichtete). Sämtliche Bemühungen, den fünften Sitz zu besetzen, verliefen bisher erfolglos. Geht das so weiter, schreitet unter Umständen der Kanton ein und stellt dem Gemeinderat eine externe Person zur Seite. Das käme Villnachern aber teuer zu stehen. Die Rede ist von 250 Franken pro Stunde, ein Gemeinderat kommt auf 35 Franken pro Stunde. Diese Ausgangslage war für Veronika Widmer einer der Gründe, sich als Kandidatin zu melden: «Ich bin auch Steuerzahlerin und kann mir nicht vorstellen, dass jemandem vom Kanton die Gemeinde Villnachern gleich stark am Herzen liegt wie einer einheimischen Person.»

44 Jahre Berufserfahrung

Widmer ist mit vier Geschwistern – alle sind von Beruf Lehrer – in Olten aufgewachsen und lebt seit 14 Jahren in Villnachern: «Ein schönes Dorf. Es gefällt mir gut hier. Die Natur und das Freibad tragen viel zur Wohnqualität bei.» Während 44 Jahren war sie als Lehrerin an verschiedenen Schulen in den Kantonen Solothurn und Aargau tätig. Zuletzt in einem Teilzeitpensum an der Aargauischen Sprachheilschule in Turgi. Ihre Dritt- und Viertklässler liessen sie vor den Sommerferien nur ungern in den Ruhestand treten. Das zeigen die vielen persönlichen Widmungen, die sie zum Abschied erhalten hat. Die Schüler hatten auch Widmers Hündin, Englisch Springer Spaniel «Zylane», ins Herz geschlossen.

«Ich arbeite sehr gerne mit Leuten zusammen und habe mir natürlich schon lange überlegt, wie ich meinen Ruhestand gestalten möchte», sagt die Gemeinderatskandidatin. Sie kenne zwar ihre Nachbarn, würde aber gerne noch mehr Kontakte im Dorf knüpfen. Beruflich war sie immer so stark absorbiert, dass sie in keinem Verein mitmachen konnte. In der Freizeit ist sie oft mit ihrer Hündin im Wald unterwegs. «Da kann ich gut abschalten und die Jahreszeiten beobachten. Diese täglichen Spaziergänge sind auch gut für mein Immunsystem. Ich bin praktisch nie krank.»

Mag keinen Wahlkampf führen

Widmer erkundigte sich im Juni bei Gemeindeammann Marianne Möckli über den vakanten Sitz. Diese lud die parteilose Interessentin gleich an eine Gemeinderatssitzung ein. Widmer erfuhr, dass die Aufgaben spannend sind und der Zeitaufwand je nach Ressort und laufenden Projekten 20 bis 50 Stunden pro Monat betragen kann. Noch vor den Sommerferien sammelte sie zehn Unterschriften für das Anmeldeformular. «Ich bekam nur positive Rückmeldungen. Alle haben mir ihre Unterstützung zugesichert», sagt sie. Einen richtigen Wahlkampf mit Plakaten und Flugblättern mag sie aber nicht führen. Falls sie nicht gewählt wird, wäre das für sie keine Katastrophe. «Ich engagiere mich einfach gerne so, dass es der Gesellschaft auch etwas bringt.»

Widmer war an einem früheren Wohnort auch schon Mitglied der Schulpflege. «Aufgrund meiner Ausbildung liegt mir natürlich die Schule nahe. Ich bin aber lernfähig und könnte mich gut in ein anderes Ressort einarbeiten», sagt sie weiter. In den Sommerferien hat sie ihr Schulmaterial aufgeräumt. Das Amt als Gemeinderätin traut sie sich zu, auch wenn sie nicht genau weiss, wie sie auf allfällige persönliche Angriffe reagieren würde. «Ich bin kein Übermensch, kann aber gut mit Leuten umgehen, und ich habe Zeit.»