«Die Feuerwehr räumt im Quartier Hochwasserschutzelemente weg. Sie gehört nicht zum Theater»: So abwegig ist der Hinweis an die erwartungsfrohen Besucherinnen und Besucher von «Hinz und Kunz» nicht. Denn auf dem Rundgang mit den adretten Hostessen Helen und Karin – «von der Häusler Immobilien AG», wie sie betonen – verweben sich Fiktion und Realität.

So hat das Ständchen für die Frau Biland vom Quartierladen durchaus einen realen Hintergrund. Das Verkehrschaos auf der Kreuzung Dorfstrasse/Ländestrasse dagegen entpuppt sich zwar als inszeniert, aber im Publikum stellt jemand fest: «Das stimmt. Es hat wahnsinnig viel Verkehr im Quartier.» Auch die beiden Anwohnerinnen, die aus dem Fenster den Zug des Publikums durch die Ländestrasse kommentieren – «was ist denn das für ein Verein?» – sind, wie die Winterlandschaft auf der als Schlittelweg signalisierten Strasse und die Karibiklandschaft am Reussufer, Teil der Inszenierung.

Bei den aufdringlichen Petitionären vom Komitee «Kein Denkmal für den Spinnerkönig», die einem ungebeten ihre Unterschriftenbögen in die Hand drücken, tauchen aber leise Zweifel auf. Sollte tatsächlich geplant sein, beim Technopark eine Büste des Heinrich Kunz zu platzieren? Könnte doch sein. Das Unterdorf ist immer für eine Überraschung gut.

Zwei Jahre Arbeit

Eine Überraschung – und zwar rundum eine fantastische, so viel sei vorausgeschickt – ist auch «Hinz und Kunz», die Theaterproduktion, die zum 50-Jahr-Jubiläum des Quartiervereins Unterdorf entstanden ist. An die 200 Mitwirkende bespielen mit dem Stück, das Regisseur Adrian Meyer geschrieben hat, der auch beim Freiämter Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne» Regie geführt hatte, das Windischer Unterdorf.

Hinter der Produktion, die den Alltag und den Wandel des Quartiers zum Thema hat, stehen zwei Jahre intensiver Arbeit. 14 Vorstellungen sind vorgesehen – alle sind bereits ausverkauft. Mit dem Slogan «Unterdorf – Wunderdorf» der Hostessen Helen und Karin scheint es tatsächlich etwas zu haben.

«Lofties» und «Schwemmgut»

Zurück ins Unterdorf, ins Spinnereiareal. Mit ihren Erinnerungen ans Hochwasser im Jahre 2005 – «Hochwasser gehört zum Unterdorf, wenn Sie keine Gummistiefel haben und keine Sandsäcke heben können, wohnen Sie besser oben am Hang» – und ihren bissigen Kommentaren über das Verhalten einiger «Lofties», die, als Schwemmgut sozusagen, hin- und wieder weggespült werden, bringen vier Ur-Unterdörflerinnen den potenziellen Neuzuzügern, respektive dem Publikum, das Quartier näher und die Werbespots der Hostessen durcheinander.

Im «Showroom der Häusler Immobilien», im Diesellokal, geht, historisch abgestützt auf die «Geschichte von Windisch» von Max Baumann, der Showdown von «Hinz und Kunz» über die Bühne. An der (fiktiven) Generalversammlung des Quartiervereins löst das Traktandum «Denkmal für Heinrich Kunz» erwartungsgemäss Kontroversen aus. Spinnerkönig Heinrich Kunz – «ein Unternehmer braucht Leidenschaft, dann kommt das Geld von allein» – und sein Gegenspieler, der sozial engagierte Pfarrer Ami Constantin Pettermand, kreuzen über einem Bananendessert höchstpersönlich die Klingen, während gleichzeitig starke Eindrücke von den Zuständen in der Gründerzeit-Spinnerei vermittelt werden.

Den Bezug zur Jetztzeit schaffen auf Spinning-Velos der Banker Hilfiker und der smarte Jungunternehmer Künzli. Befürchtet Hilfiker «aus dem Mitarbeiterpool herausgespült» zu werden, verkündet Künzli forsch: «Windisch ist überall.» Dem hält die resolute Unterdörflerin entgegen: «Wenn ersaufen, dann lokal, nicht global.»

Zweifellos: «Hinz und Kunz» ist ein starkes Stück, vom Anfang bis zum Ende.