Als kleines Mädchen wollte Bigna Lüthy Lehrerin oder Handarbeitslehrerin werden. Heute arbeitet sie als Stadtplanerin von Brugg im kleinen Häuschen der Abteilung Planung und Bau – direkt unter dem Dach. Für die 40-Jährige wurde eine ehemalige Abstellkammer in ein helles Büro umgewandelt mit zwei grossen Schreibtischen und zahlreichen Regalen. Auf einem Schreibtisch steht an diesem Morgen ein Holzmodell des Brugger Stadtzentrums. An der Wand hängen Pläne. Besonders auffallend ist der bunte Zonenplan.

Es war im Wahljahr 2017, als die Pensenaufstockung von 20 auf 60 Prozent für die Stadtplanung sowie deren Integration in die städtische Verwaltung die Politiker auf Trab hielt. An der Sitzung im Mai 2017 wurde das Geschäft – auf Antrag er FDP – noch ganz knapp zurückgewiesen, Anfang September dann wurde es von den Einwohnerräten mit 24 zu 17 Stimmen angenommen. Da war allerdings noch nicht klar, dass die neue Stadtplanerin dereinst aus Villnachern kommen wird.

Stadtplanerin Bigna Lüthy: «Ich wünsche mir, dass die Gesprächskultur in Brugg noch besser wird.»

Stadtplanerin Bigna Lüthy: «Ich wünsche mir, dass die Gesprächskultur in Brugg noch besser wird.»

Viele Projekte laufen parallel

Inzwischen arbeitet Lüthy seit elf Monaten im Prophetenstädtchen. Die Gesamtrevision der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) «Raum Brugg Windisch» ist seit ihrem Stellenantritt ein dominantes Thema. Damals liefen die Einigungsverhandlungen, nun führt Lüthy Protokoll bei den Sitzungen der Spezialkommission des Einwohnerrats, die das Geschäft für die Beschlussfassung im Herbst vorbereitet. Zudem liegen aktuell der Gestaltungsplan «Alte Post» und die Teiländerung Gestaltungsplan «Annerstrasse» öffentlich auf. Für die zukünftige Nutzung des Effingerhofs hat sich die Stadt am – ebenfalls öffentlichen – Partizipationsprozess beteiligt und gleichzeitig wird das von vielen Bewohnern längst erwartete Altstadtentwicklungskonzept erarbeitet.

Bei all den erwähnten Projekten sowie bei der Weiterentwicklung des Rütschi-Werkareals ist die Stadtplanerin involviert. «Der Gestaltungsplan für das Rütschi-Areal sollte noch vor den Sommerferien ins Mitwirkungsverfahren gehen», sagt Bigna Lüthy.

Bruggs Stadtplanerin ist in Zürich, Luzern und Herisau aufgewachsen. Ihr Vater ist Historiker und wurde erst als Staatsarchivar von Appenzell Ausserrhoden richtig sesshaft. Lüthy machte die Matura in Trogen AR, folgte ihrem Kindheitstraum und absolvierte die Lehrerausbildung in Kreuzlingen TG. Während dreier Jahre arbeitete sie als Primarlehrerin. Doch sie sah in diesem Beruf nur wenige Entwicklungsmöglichkeiten und vermisste den Austausch mit anderen Fachrichtungen. Gleichzeitig hatte sie Kontakt zu Freunden und Bekannten, die in Rapperswil SG studierten. Mit 25 Jahren reifte ihr Wunsch, eine Zweitausbildung anzupacken, bei der mehrere Disziplinen zusammenkommen. Nach einem einjährigen Praktikum bei der Stadtplanung St. Gallen entschied sich Lüthy für das Raumplanungs-Studium. Zur Finanzierung arbeitete sie vorerst Teilzeit als Primarlehrerin weiter. Mit zunehmenden Fachkenntnissen wechselte sie studienbegleitend zum Raumplanungsbüro Remund + Kuster in Pfäffikon SZ.

Nach dem Studium war Lüthy während zehn Jahren als Projektleiterin beim Amt für Städtebau der Stadt Zürich tätig. Dort beschäftigte sie sich unter anderem mit der Gebietsentwicklung des südlichen Stadtteils Manegg, wo in den nächsten Jahren ein neuer Stadtteil mit 1500 Wohnungen und 3000 Arbeitsplätzen sowie als städtisches Projekt ein Primarschulhaus entstehen wird. «Ich pflegte einen intensiven Austausch mit den verschiedensten Grundeigentümern. Das war sehr interessant», erzählt Lüthy.

Umgang mit Niederlagen ist zentral

Als sie vor sechs Jahren mit ihrer kleinen Familie das Haus ihrer Grosseltern in Villnachern übernahm, lernte Bigna Lüthy das ländliche Leben mit allen Vor- und Nachteilen kennen. Mit dem Umzug aufs Land wuchs allmählich auch der Wunsch nach einer beruflichen Veränderung mit – im Vergleich zur Stadt Zürich – weniger Hierarchiestufen. In der Stadt Brugg mit anderen kantonalen Bau- und Planungsgesetzen hat sich Lüthy inzwischen gut eingelebt. Sie schätzt das gute Team mit Abteilungsleiter Stefan Hein sowie den regen Austausch. Da in der Stadt Brugg in den letzten Jahren viele Projekte mangels Ressourcen liegen geblieben sind, nimmt Bigna Lüthy auch den grossen Frust in der Bevölkerung deutlich wahr. «Diese Unzufriedenheit bezieht sich nicht nur auf die Altstadt, sondern verteilt sich über die ganze Stadt», hält sie fest.

Gleichzeitig hat sie vor kurzem bei der Tempo-30-Abstimmung hautnah miterlebt, wie schwierig es ist, Projekte durchzubringen, wenn die Angst vor Veränderung dominiert. «Ich wünsche mir schon, dass die Kompromissbereitschaft zugunsten einer Qualitätssteigerung in der Stadt wächst.» Zur Raumplanung gehöre es, dass man mit Niederlagen umgehen könne, aus Fehlern lerne und am Thema dranbleibe, sagt die Stadtplanerin, die schrittweise daran ist, ihr Netzwerk in Brugg zu erweitern.

Antrag für Sitztreppe beim Salzhaus

Lüthy wünscht sich ein belebtes und funktionierendes Stadtzentrum, in dem alle Erdgeschosse – eventuell mit einer Neuausrichtung – genutzt, die Gegend um die Altstadt sowie der öffentliche Raum qualitativ aufgewertet sind. Sie hat grosse Hoffnung, dass im Gebiet «Alte Post» und «Annerstrasse» mit einer zentral gelegenen Verwaltung und einer modernen Stadtbibliothek bald eine sichtbare Veränderung möglich sein wird. Dieses Projekt werde oft zu Unrecht etwas verurteilt, sagt Lüthy. Denn hier bestünden gute Voraussetzungen, mit mehreren Grundeigentümern das Areal als Gesamtkonzeption mit verschiedenen Ausrichtungen etappenweise attraktiv weiterzuentwickeln. Dazu gehört auch, dass die Parkplätze in der Schulthess-Allee verschwinden werden und ein belebter Ort entsteht.

Wo sonst könnten demnächst noch Veränderungen sichtbar werden? Die Stadtplanerin überlegt einen Moment und sagt mit Verweis auf das entstehende Altstadtentwicklungskonzept, dass die Abfallbewirtschaftung die Bevölkerung und das Gewerbe beschäftige und hier eine bessere Lösung gesucht werden sollte. Auch eine einfache Sitztreppe vor dem Salzhaus könnte die Aufenthaltsqualität in der Hofstatt aufwerten. Hier liegt der Ball aktuell bei der Stadt, die einen entsprechenden Antrag des Quartiervereins Altstadt und Umgebung zu prüfen hat.

Kann man sich mit 60 Stellenprozenten gut um all die vielen Projekte kümmern und bei allen wichtigen Sitzungen dabei sein? «Einfach ist das Ganze nicht», gibt Lüthy zu bedenken. Tatsächlich seien die 60 Stellenprozente die grösste Herausforderung, obwohl sie flexibel sei. Wichtig sei es, die Prioritäten richtig zu setzen. Gegenüber der früheren Lösung, als sich eine externe Stadtplanerin mit lediglich 20 Stellenprozenten um Brugg kümmerte, sei die aktuelle Situation schon eine deutliche Verbesserung. Die Arbeit wird aber so schnell nicht ausgehen.

Dazu kommt, dass die Stadt durch die Fusion mit der Gemeinde Schinznach-Bad auf den 1. Januar 2020 nochmals deutlich wachsen wird. Hier ist vorgesehen, dass die Bevölkerung von Schinznach-Bad an der Gemeindeversammlung im Herbst die Gesamtrevision der BNO noch selber verabschieden kann. Eine Angleichung an die städtische BNO ist bereits erfolgt. Grosses Entwicklungspotenzial für eine neue Wohnungsüberbauung besteht ausserdem Richtung Lauffohr.

Bei den öffentlichen Projekten ist die Stadt auch immer auf die Unterstützung des Stimmvolks angewiesen. Hier gehe es darum, fair miteinander zu diskutieren und das für die Allgemeinheit möglichst optimale Projekt zu realisieren. Bigna Lüthy ist es – grundsätzlich sowie in diesem Zusammenhang – wichtig, dass die Gesprächskultur in Brugg noch besser wird.