Stadtammann-Kandidatin Barbara Horlacher hat für das Gespräch mit der Aargauer Zeitung den Garten hinter dem Brugger Kulturhaus Odeon gewählt. Noch während gut einer Stunde vermag die Sonne an diesem Abend den Innenhof aufzuwärmen, bevor sie dann hinter der Häuserzeile verschwindet.

Nicht ganz so sonnig war es diesen Sommer auf dem Bözberg, als die 46-Jährige an ihrem ehemaligen Schulort im Ursprung zum ersten Mal eine 1.-August-Rede halten durfte. Zur Feier begleitet wurde sie von ihrem Lebenspartner. In einer persönlichen Rede schilderte Horlacher, wie sie zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester in einem typischen Einfamilienquartier im benachbarten Rüteli aufgewachsen war.

Vater Samuel arbeitete als Fahrlehrer und Mutter Rita als Primarlehrerin und Logopädin. Barbara Horlacher genoss eine unbeschwerte Kindheit mit viel Zeit und jeder Menge Bewegung beim Räuber- und Poli-Spielen oder Rollschuhfahren auf der Quartierstrasse. Der Wunsch, nach Brugg in die Pfadi zu gehen, sei jeweils mit dem Satz «Pfadi ist etwas für Stadtkinder, ihr könnt selber in den Wald gehen» quittiert worden.

Hat sich für Mitschüler eingesetzt

Eine wichtige Rolle spielte für Klein-Barbara der Schulweg. Der Weg zu Fuss vom Ortsteil Hafen in den Ursprung sei ihr damals unendlich lang vorgekommen. Doch es gab immer viel zu entdecken, es wurden Konflikte ausgetragen und wieder Friede geschlossen. Horlacher machte in der Meitliriege mit. Die Teilnahme am Turnerabend war ein Jahreshöhepunkt.

Überhaupt war der Schulbesuch für sie eine Freude, schon wegen des Kontakts mit den Mitschülern. Da konnte es auch vorkommen, dass sich die junge Barbara bei der Lehrerin meldete, wenn sie das Gefühl hatte, dass ein Mitschüler ungerecht behandelt worden war. Auf dem Bözberg lernte sie, wie befriedigend und identitätsstiftend es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Und noch eine andere wichtige Erfahrung machte Barbara Horlacher auf dem Bözberg: Sie hat zum ersten Mal an einer Gemeindeversammlung teilgenommen. Die Politikerin kann sich noch genau erinnern, wie unangenehm es ihr als junge Frau war, als sich ihr Vater bei einem Geschäft – es ging um den Vogelschutzweiher im Kirchbözberg – an der Diskussion beteiligte.

Heute sieht sie das natürlich anders und weiss, dass es fast zu jedem Thema unterschiedliche Ansichten und Werte gibt, und wie wichtig es ist, diese zum Ausdruck zu bringen, die Standpunkte zu verteidigen und um Positionen zu ringen.

Diskutiert wurde im Hause Horlacher manchmal auch am Stubentisch. Die Eltern unterstützten ihre beiden Töchter darin, sich nach eigenen Interessen und Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Sie hätten sich Barbara Horlacher zwar als Juristin vorstellen können, hatten aber auch nichts gegen das ETH-Studium in Umweltnaturwissenschaften einzuwenden.

Vermittelt Komplexes verständlich

«Ich interessierte mich schon immer für Naturwissenschaften. Die Fähigkeiten zur Analyse, zum strukturierten Denken und entsprechenden Argumentieren sind auch in diesem Bereich wichtig», sagt die heutige Leiterin der Umweltabteilung am Euro-Airport Basel-Mulhouse. Horlacher vergleicht die Umweltnaturwissenschafter mit den Architekten im Bauwesen.

Es gehe darum, komplexe Sachverhalte zu analysieren und verständlich zu vermitteln. Im Beruf heisst das etwa, die Fluglärmproblematik zu thematisieren und mit den Beteiligten unter Berücksichtigung der technischen, ökonomischen und sozialen Aspekte nach Lösungen zu suchen. Horlacher findet es spannend, dass man oft mehrere Anläufe nehmen muss, bis man dem Ziel einen Schritt näher kommt.

Nur einen Anlauf musste sie 2009 nehmen, als sie für den Einwohnerrat der Stadt Brugg kandidierte. Auf der Liste der Grünen schaffte sie den Sprung auf Anhieb ins Gemeindeparlament, das sie seit 2016 sogar präsidiert. Möglich wurde ihre Kandidatur, weil sie in Umiken das Haus ihrer Grosseltern übernommen hatte und die Gemeinde per 2010 mit der Stadt Brugg fusionierte.

Es sei nicht ein spezielles Thema oder Ereignis gewesen, das sie zum Beitritt in die Grüne Partei bewogen habe, erklärt Barbara Horlacher. In jener Zeit war sie als Projektleiterin der Umweltfachstelle bei der Stadt Aarau angestellt, wo sie in direktem Kontakt mit der Politik stand. Sie entwickelte ein grundsätzliches Interesse an gesellschaftspolitischen Fragen und an politischen Prozessen.

Für die Grünen hat sich Horlacher entschieden, weil die Partei das Prinzip der Nachhaltigkeit sowohl in ökologischer wie auch ökonomischer und sozialer Hinsicht am konsequentesten verfolgt. Eine Grundvoraussetzung ist der respektvolle und sorgfältige Umgang mit der Umwelt.

Die Stadtammann-Kandidatin sagt von sich, dass sie ein ausgeprägtes soziales Gerechtigkeitsempfinden hat. Von ihrer Ausbildung und Grundpersönlichkeit her sei sie sehr realistisch und neige nicht zu Extrempositionen. Viel wichtiger sei ihr, mehrheitsfähige Kompromisse zu finden.

Hinterfragt das Mobilitätsbedürfnis

Kompromisse muss Barbara Horlacher auch im Alltag immer wieder eingehen. Auf ihrem Arbeitsweg fährt sie normalerweise mit dem Velo zum Bahnhof und nimmt dort den Zug nach Basel. Es kann aber vorkommen, dass sie auf ihren VW up mit Erdgasantrieb ausweicht. Etwa dann, wenn sie sehr früh zu einer Sitzung am Flughafen erwartet wird oder wenn abends noch Treffen mit Behörden oder Bevölkerung der Gemeinden um den Flughafen herum stattfinden.

Auch wenn sie persönlich das ausgeprägte Mobilitätsbedürfnis der Gesellschaft immer wieder hinterfragt, ist für die grüne Flughafen-Angestellte das Fliegen kein Tabu. So verbrachte Horlacher schon mehrere Monate in Südamerika und Kanada. Solche längeren Reisen seien immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst und den Werten, die man vertritt, sowie eine Horizonterweiterung, stellt sie fest. «Wenn ich jetzt in die Ferien verreise, steht die Erholung im Vordergrund. Da gehe ich gerne an Orte, deren Kultur mir vertraut ist. Diese sind meist sehr gut mit dem Zug erreichbar.» Am einfachsten mit den Leuten in Kontakt komme man auf Veloreisen.

Barbara Horlacher lebt stark von der Beziehung zur Familie und zu ihren Freunden. «Ich koche sehr gerne und liebe es, in Gesellschaft zu essen.» Die Einwohnerratspräsidentin ist ledig und hat keine Kinder, freut sich aber, wenn sie mit den drei Nichten, die in der Nähe wohnen, oder der Familie des Lebenspartners etwas unternehmen kann.

So wie früher ihre Grossmutter lädt sie beispielsweise an Ostern ihre Familie zum Braten-Essen nach Umiken ein. Natürlich gehört dann auch das Osternestlisuchen im Garten zum Programm. Das Haus teilt sich die 46-Jährige mit der Katze Romina. Für die Pflege der Umgebung engagiert sie aus Zeitgründen einen Gärtner.

Im «Odeon»-Garten verabschieden sich die letzten Sonnenstrahlen. Barbara Horlacher hat am Nebentisch Bekannte entdeckt und nimmt sich Zeit für ein kurzes Gespräch mit ihnen. Dann macht sie sich auf ins Zimmermannhaus zu einem klassischen Konzert. Musikalisch sei sie breit interessiert, sagt sie. Manchmal greift sie auch zu Hause zur Querflöte, während ihr Lebenspartner auf dem Cello spielt.