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Sprung nach London: Aargauer wirkt an «Avengers»-Film mit

Vorlauter Waschbär: Auch Rocket Raccoon hat seinen Auftritt im neuen Science-Fiction-Actionfilm «Avengers: Endgame»

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Hinter den visuellen Effekten im neuen «Avengers»-Film steckt der Aargauer Silvio Alberti. In Brugg erzählt er dem Kinopublikum von seiner Arbeit und beantwortet Fragen.

Am Mittwoch ist der Science-Fiction-Actionfilm «Avengers: Endgame» in die Schweizer Kinos gekommen. Der krönende Abschluss der Superhelden-Trilogie wird unter anderem durch seine vielen, technisch modernsten visuellen Effekte herausstechen.

Dafür mitverantwortlich ist ein Aargauer: Silvio Alberti, in Aarau aufgewachsen, Mitorganisator des Filmfestivals One Minute und vor elf Jahren mit einem Kurzfilm an der Offenen Leinwand im Kino Odeon zu sehen. Am Freitag, 26. April, kommt er ins Cinema Excelsior an die Vorstellung von «Avengers: Endgame» um 20.15 Uhr – die einzige, die in Originalton gezeigt wird. Unter dem Motto «Behind the magic» – hinter der Magie – wird er dem Kinopublikum von seiner Arbeit erzählen und Fragen beantworten.

Brugg kommt dabei eine besondere Ehre zu: Es ist schweizweit die einzige Stadt, in der ein Mitglied des Visual Effect Teams des Films vorbeischauen wird. Dies wurde möglich durch die Freundschaft mit Stephan Filati, dem Geschäftsführer des Cinema Excelsior.

«Avengers: Endgame» – der Trailer zum Film:

Silvio Alberti gibt sich stolz und geehrt darüber, beim Film mitgewirkt zu haben. Das Universum, dass die Produktionsfirma Marvel Studios in den letzten rund zehn Jahren mit Filmen wie «Doctor Strange», «Guardians of the Galaxy» oder eben der «Avengers»-Trilogie aufgebaut hat, sei filmgeschichtlich hoch interessant, sagt er. Der aktuelle Film sei nun das grosse Finale, das diese Reihe von Filmen abschliesst.

«Sie haben eine ganze Kino-Generation geprägt», sagt Silvio Alberti. «Avengers» sei für die heutigen Jugendlichen etwa so bedeutsam wie «Indiana Jones» oder «Star Wars» für die heute 30- oder 40-Jährigen. Bei Letzterem konnte der 41-jährige Alberti bereits mitwirken: Er arbeitete an den «Star Wars»-Episoden VII und VIII, dazu noch an Filmen wie «Ant-Man», «Jurassic World» oder dem letzten der «Avengers»-Reihe, «Infinity War». Es sind allesamt Filme mit einem hohen Anteil an visuellen Effekten.

Arbeit nur im Ausland möglich

Am aktuellen «Avengers» habe er rund sieben Monate lang gearbeitet, erzählt Silvio Alberti von London aus per Telefon. Er wohnt heute dort und arbeitet bei der Firma Industrial Light & Magic, die für die Effekte im Film mitverantwortlich ist. Seinen Werdegang begann er indes als Elektromechaniker-Lehrling in Baden. Zwei Jahre blieb er auf dem Beruf. «Ich merkte aber bald, dass ich kreativ arbeiten wollte», sagt er, der schon in seiner Freizeit gerne gestalterisch tätig war.

Als Ende der 90er-Jahre das Internet aufkam, machte er eine Ausbildung zum Webpublisher. «Websites waren damals gestalterisch noch sehr kreativ und experimentell. Später wurde alles sehr technisch und programmierlastig.» Silvio Alberti nahm so in Aarau ein Studium in Medienkunst in Angriff und kam da erstmals mit Filmen in Berührung, arbeitete viel mit Animation oder Collage-Techniken mit Bildfreistellungen von Greenscreen-Aufnahmen.

2008 absolvierte er dann an der Zürcher Hochschule der Künste – als bis heute einziger – einen Master mit Fachrichtung Visual Effects. Das damalige Pilotprojekt wurde später aufgegeben, in der Schweiz gibt es bis heute fast keine Angebote für Menschen, die sich gerne im Bereich der visuellen Effekte professionalisieren möchten.

Auch Silvio Alberti holte sich seine Erfahrung auf dem Gebiet vor allem dank verschiedener Praktika: Er arbeitete in Zürich bei Elefant Studios, eines der wenigen professionellen Visual-Effects-Studios in der Schweiz, das es ebenfalls nicht mehr gibt. «Zu professionell» und demnach wohl zu teuer sei es gewesen, sagt er. «Es gibt ja auch keine richtige Filmindustrie in der Schweiz, keine grossen Blockbuster.» Schweizer, die in diesem Bereich arbeiten, tun dies so meistens freischaffend. Auch Silvio Alberti hat sich das spezifische Arbeitsgebiet, auf dem er sich heute bewegt, weitgehend selber beigebracht, mithilfe von zwei Mentoren bei Elefant Studios.

Schichtweise wie eine Skulptur

«Compositing» nennt man das, was er heute macht: Silvio Alberti bekommt verschiedene Filmaufnahmen und/oder computergenerierte Bilder zugestellt und kombiniert diese zum finalen Bild. Mithilfe des Computers nimmt er gerade bei «Avengers» zum Beispiel eine Aufnahme mit den Superhelden und baut bei dieser den Himmel, die Stadt im Hintergrund oder atmosphärische Aspekte wie Regen oder Staubwolken ein. «Es ist wie eine Art Photoshop mit bewegten Bildern», versucht er die Arbeit zu erklären.

Die Bildeinstellungen – «Shots» genannt – werden schrittweise zusammengesetzt, jedes Mal wenn eine neue Aufnahme dazukommt. «Ähnlich wie man schichtweise an einer Skulptur arbeitet.» Viel gestalterische Teamarbeit sei es insgesamt, im Abspann des Films sieht man Silvio Alberti denn auch als einer von vielen Digital Artists aufgeführt.

Wie hat es Silvio Alberti eigentlich bis nach London geschafft? «Ich wollte ins Ausland an den grossen Filmen arbeiten und habe unzählige Bewerbungen geschickt», sagt er. Eines Tages bekam er dann den lang ersehnten Anruf mit einem Jobangebot – und musste dann praktisch von einem Tag auf den anderen nach England. Er sei froh, heute seine Leidenschaft mit seiner Arbeit vereinbaren zu können. «Jedes Mal, wenn ich zur Arbeit gehe, spüre ich eine grosse Zufriedenheit und Freude», sagt er. «Die Arbeit beschäftigt mich aber auch intensiv. Man gibt viel von sich und sie nimmt viel von einem.»

Erinnerung ans «Odeon»

Silvio Alberti ist seiner Leidenschaft gefolgt und hat es also bis in die grossen Filme geschafft. Kann er sich aber noch an den Kurzfilm erinnern, den er 2008 noch als Student im «Odeon» an der Offenen Leinwand laufen liess? «Es war ein Projekt für die Kunstschule. ‹The 3rd Flower› hiess der sehr effektlastige Film, den ich mit einer Super-8-Kamera gedreht habe.» Entstanden seien die dafür nötigen Greenscreen-Aufnahmen in seinem damaligen Atelier im Kulturlokal KIFF in Aarau.

Letztes Jahr konnte die Offene Leinwand im Brugger «Odeon» nicht durchgeführt werden, da zu wenige Filmbewerbungen eingegangen waren. Auch das One-Minute-Festival gibt es nicht mehr. Wollen Filmstudierende heute nicht mehr ins Kino? «Ich denke, heute sind die Beachtung auf den Sozialen Medien oder die Clicks auf Youtube wichtiger als die Auftritte an kleinen Festivals.»

«Behind the magic»: Silvio Alberti erzählt von seiner Arbeit als visueller Künstler im Film «Avengers: Endgame»; Fr, 26. April, 20.15 Uhr, Cinema Excelsior Brugg.

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