Auf der Leinwand schwingen Schweizer in volkstümlicher Kleidung die Fahnen vor dem Bergpanorama, dazu erklingen Alphörner. Es ist eine Aufnahme von der
1.-August-Feier auf dem Rütli.

Die vier Frauen und dreizehn Männer im Raum staunen. Sie alle sind Asylsuchende, Migranten oder Flüchtlinge – der Einfachheit halber Personen aus dem Asylbereich genannt. Und sie alle möchten die Schweizer Kultur, die Schweizer Gesellschaft, die hiesigen Regeln – die geschriebenen und ungeschriebenen – kennenlernen. Sie wollen verstehen, wie das Land funktioniert und warum die Menschen hier so sind, wie sie sind.

Kulturschule nennt sich dieses neue Angebot in der Region Brugg. Drei Kurse à drei Abenden werden seit September angeboten: Leben in der Schweiz, Wohnen in der Schweiz, Arbeiten in der Schweiz. Dank Spendengeldern betragen die Kosten für die Kursteilnehmer fünf Franken. Darin enthalten ist das Lernmaterial, das von der Kulturschule zur Verfügung gestellt wird. «Von Anfang an war das Interesse an den Kursen gross», sagt Leiterin Christiane Weber, die sich auch zur Integrationsbegleiterin ausbilden liess. Die Kurse sind begrenzt auf 30 Teilnehmende. Häufig sind die Klassen zwischen 20 bis 27 Personen gross.

  

Die Demokratie interessiert

Weber beobachtet, dass sich viele Besucherinnen und Besucher der Kulturschule für die Schweizer Demokratie interessieren. «Die meisten staunen, dass es nicht nur eine Regierungspartei gibt», sagt Weber. «Ein grosses Thema ist immer auch die Pünktlichkeit. Wir machen klar, dass es dabei auch um Respekt und Wertschätzung geht.» Die Leiterin spricht die ungeschriebenen Gesetze an, die es in jedem Land gibt.

«Als Ausländer eckt man immer wieder an und versteht nicht, warum. Versteht nicht, was genau man falsch gemacht hat.» An diesem Abend findet der letzte Unterricht des Kurses Leben in der Schweiz statt. Auf dem Programm stehen die Themen Gesundheit, Alkohol und Feiertage. An den vorhergehenden Abenden wurden unter anderem die Schweizer Demokratie, Pünktlichkeit und der öffentliche Verkehr besprochen

Kulturschule Brugg

Kulturschule Brugg

Eindrücke aus dem Kurs «Leben in der Schweiz».

Die Sache mit dem Bier

Judith Jung, ausgebildete Pflegefachfrau, tritt nach vorne ans Rednerpult. Weil über die Hälfte der Anwesenden aus Eritrea stammt, ist auch ein Übersetzer dabei, der vor der Gruppe laut übersetzt. Weitere Übersetzer für Tamilisch und Spanisch sind ebenfalls vor Ort. Sie setzen sich zu den entsprechenden Personen, übersetzen die Sätze laufend, leise flüsternd.
Judith Jung sagt Sätze wie: «Bei uns ist es üblich, Taschentücher zu verwenden.» Oder: «Regelmässiges Händewaschen ist wichtig, wenn Sie krank sind und Schnupfen haben.» Oder: «Wenn Sie krank sind, dann sollten Sie zuerst in die Apotheke, bevor Sie zum Arzt oder gar in den Notfall gehen. Beim Arzt müssen Sie zudem einen Termin abmachen und dann auch hingehen.»

Ein wichtiges Thema ist auch der Alkohol. Judith Jung macht klar: «Es wird nicht gerne gesehen, wenn man mit Bier auf dem Neumarktplatz herumhängt.» Einige nicken wissend und schmunzeln, als Judith Jung erzählt, dass es für Alkohol ein Mindestalter gibt. Ein Asylsuchender erzählt dann später in der Pause, dass er Schweizer gesehen habe, die an den Bahnhöfen oder auch in Basel am Rhein zusammen Bier getrunken hätten. Er habe gedacht, dass man das hier einfach so mache. Es sind Grundkenntnisse des Schweizers Gesundheitssystems, die Judith Jung weitergibt. Aber viele hören diese Regeln an diesem Abend zum ersten Mal.

Lernbegierige Teilnehmer

In der Pause – bei Kaffee, Tee, Früchten und Kuchen – erzählen die Anwesenden, was ihnen die Kulturschule bringt. So meint Luisa aus Äquatorialguinea: «Ich lerne hier viel über die Schweiz, weiss nun, was es für die Integration braucht.» Michael aus Eritrea wiederum sagt: «Wie man sich hier in der Schweiz begrüsst, ist speziell. Aber es ist wichtig für mich, die Kultur kennenzulernen.»

Bahta aus Eritrea erzählt, wie froh er ist, dass er jetzt weiss, wie der öffentliche Verkehr in der Schweiz funktioniert. Und: «Wenn ich in der Schweiz leben will, muss ich solche Dinge wissen.» Melese aus Äthiopien sagt: «Es gibt noch so vieles, das ich nicht weiss und verstehe. Darum bin ich froh, dass ich die Schule besuchen kann.»

Im zweiten Teil des Abends kommen die Asylsuchenden mit den Schweizer Feiertagen in Kontakt. Der 1. August und der Rutenzug in Brugg scheinen zu faszinieren. Die zweite Referentin, Christa Senn, klärt die Teilnehmenden auf, dass hier beispielsweise runde Geburtstage besonders gefeiert werden. Was denn ein runder Geburtstag sei, will daraufhin einer wissen. Auch die christlichen Feiertage wie Weihnachten und Ostern sind ein Thema; die Erklärungen dazu detailgetreu und ausführlich.

Bestätigung ist der grosse Moment

Dann ist der Unterricht beendet. Die Gelegenheit für die Teilnehmenden, ein Feedback zum Kurs zu geben. So möchte einer wissen: «Wie lernt man denn eigentlich Schweizer kennen?» Und ein anderer: «Wie genau funktioniert das Schulsystem in der Schweiz?» Christiane Weber notiert sich die Fragen. Weil die Kurse noch im Aufbau sind, werden die Themen aufgenommen und – womöglich – in anderen Kursen eingebaut.

Für die Asylsuchenden kommt jetzt der grosse Moment. Wer alle drei Kursabende besucht hat, erhält eine Bestätigung. Es sind strahlende, stolze Gesichter, die in die Kamera schauen. Es sind Menschen mit der Gewissheit, dass sie der Integration einen kleinen Schritt näher gekommen sind.

Interview Christiane Weber, Leiterin Kulturschule Brugg

Interview Christiane Weber, Leiterin Kulturschule Brugg

Christiane Weber erklärt, was im Kurs «Leben in der Schweiz» vermittelt wird und warum sie sich so engagiert.