Fast auf den Tag genau ein Jahr ist er her, der Vorfall, den Blerim (Name geändert) vor das Bezirksgericht Brugg brachte.

Die Anklage lautete auf Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, Drohung, Beschimpfung, Hinderung einer Amtshandlung und Übertretung gegen das Personenbeförderungsgesetz. Die Staatsanwaltschaft forderte eine unbedingte Freiheitsstrafe von vier Monaten, dazu eine Geldstrafe und eine Busse.

Im November 2017 wollte Blerim wie jede Woche auf der Gemeindekanzlei seines Wohnorts im Bezirk Brugg sein Sozialhilfegeld abholen. Doch die Gemeindemitarbeiterin Fabienne (Name geändert) verweigerte ihm die Auszahlung, da Unterlagen fehlten. Laut Anklageschrift wurde Blerim in der Folge aggressiv, zog seine Jacke aus, krempelte seine Ärmel hoch und plusterte sich auf. Er drohte Fabienne, indem er sagte, er werde schon dafür schauen, dass sie nicht mehr lange bei der Gemeinde arbeite. Dazu nannte er sie eine «Bitch», zu Deutsch Schlampe.

Gar kein Arztzeugnis vorhanden

Fabienne rief daraufhin die Polizei. Blerim verliess in der Zwischenzeit die Gemeindekanzlei und kehrte in seine Wohnung zurück. Die Polizisten tauchten in der Folge bei ihm zu Hause auf und forderten, er solle sie begleiten. Zuerst weigerte er sich, öffnete die Tür dann aber doch und begleitete die Polizisten die Treppe hinab. Plötzlich stürmte er an den zwei Beamten vorbei und verschwand. Die Polizisten kehrten zur Gemeindekanzlei zurück, wo auch Blerim wieder aufgetaucht war. Dort wollten sie ihn festnehmen, um ihn auf den Posten zu bringen. Doch Blerim widersetzte sich der Festnahme und schlug mit den Fäusten gegen die Oberkörper der Polizisten. Nach einem Handgemenge gelang es den Beamten schliesslich, ihm Handschellen anzulegen.

Bei der Gerichtsverhandlung sagte die Gemeindeangestellte Fabienne als Auskunftsperson als Erste aus. Die zierliche junge Frau erzählte, dass das Arztzeugnis fehlte, das Blerim geltend gemacht habe, um sich von seiner Pflicht, Bewerbungen zu schreiben, entbinden zu können. Wenn er dieses habe, könne das Geld ausgezahlt werden, hätte sie Blerim erklärt. Fabienne anerbot sich, selber im Spital wegen dem Zeugnis nachzufragen. Dort teilte man ihr mit, Blerim sei nur ambulant behandelt worden und es sei kein Arztzeugnis vorhanden. Fabienne sagte Blerim, dass sie ihm das Geld deswegen nicht auszahlen könne, da sie keine Befugnis habe. Zudem war an diesem Tag ihre Chefin abwesend.

«Blerim wurde immer lauter, sagte, er werde erst gehen, wenn er das Geld habe», sagte Fabienne. Dann nannte er sie eine «Bitch», fing an, sie zu duzen. «Ich sagte ihm, das sei die letzte Chance, den Raum zu verlassen, sonst würde ich die Polizei rufen.» Blerim habe gehöhnt, die kämen sowieso nicht, dann ging er. Die Geschehnisse nahmen Fabienne emotional sehr mit. Sie hätte Angst gehabt, er käme zurück. «Für mich gehört sich so ein Verhalten einfach nicht. Wir machen nur unseren Job. Ich hatte immer Freude an meiner Arbeit, jetzt nicht mehr», sagte Fabienne unter Tränen.

Dann ging Gerichtspräsident Rossi zur Befragung des Beschuldigten über. Der 29-jährige Kosovare ist mittlerweile in einen anderen Bezirk gezogen, hat drei Kinder und arbeitet seit Kurzem in einem 60%-Pensum als Lagerist bei einem Detailhändler. Blerim sagte, er habe nur wie immer sein Geld holen wollen, was bis dahin jedes Mal geklappt habe. «Meine Frau teilt das Geld genau für eine Woche ein», erklärte er. Er gab unumwunden zu, er habe Fabienne «Bitch» genannt, wollte von Drohungen aber nichts wissen. «Es war so warm im Raum, deswegen habe ich meine Jacke ausgezogen. Und meine Ärmel kremple ich immer hoch.»

Altes Gesetz kommt ihm zugute

Als die Polizisten bei ihm zu Hause aufgetaucht seien, hätten sie sich wie Einbrecher verhalten. «Sie polterten an die Tür und sagten, ich käme ins Gefängnis und könne mich jetzt gleich von meinen Kindern verabschieden.» Diese seien so verschreckt gewesen, dass sie sich unter dem Bett versteckt und noch Tage später Albträume gehabt hätten. Die Drohung mit dem Gefängnis sei auch der Grund gewesen, warum er vor den Polizisten geflüchtet sei. «Warum sind Sie später zum Gemeindehaus zurückgekehrt?», wollte Gerichtspräsident Rossi wissen. «Weil ich wusste, dass ich ja nichts gemacht und ein Recht auf Sozialhilfe habe», antwortete Blerim. Auf der Gemeinde, wo mittlerweile der Gemeindeammann sowie Fabiennes Chefin anwesend waren, habe er das Geld dann plötzlich doch bekommen. Danach hätten ihn die Polizisten festnehmen wollen und er wäre auch kooperativ gewesen, doch die Beamten hätten seinen Arm so brutal verdreht, dass er sich hätte wehren müssen.

Der Beschuldigte anerkenne die Anklagepunkte, sagte Blerims Verteidiger in seinem Plädoyer. Die unbedingte Freiheitsstrafe sei aber die falsche Bestrafung. Er forderte deshalb, es sei darauf zu verzichten und stattdessen sei der bedingte Strafvollzug zu gewähren. Blerim sei jetzt auf dem richtigen Weg, lebe momentan in stabilen Verhältnissen. «Blerim ist sich seiner dummen Handlung bewusst», schloss der Verteidiger.

Unter aller Kanone, eine Frau als ‹Bitch› zu bezeichnen

Nach einer kurzen Unterbrechung verkündete Gerichtspräsident Rossi das Urteil. Es lautete auf schuldig in allen Punkten. Blerim wird zu einer unbedingten Geldstrafe von 300 Tagessätzen à 25 Franken, gesamthaft 7500 Franken, sowie zu einer Busse von 100 Franken, die bei Nichtbezahlung in eine Ersatzfreiheitsstrafe von 4 Tagen umgewandelt wird, verurteilt. Er muss zudem für die Verfahrenskosten aufkommen.«Nicht Sie und auch nicht Ihr Verteidiger haben Sie vor einer Freiheitsstrafe bewahrt. Es ist das Gesetz», erklärte Rossi dem Beschuldigten. Denn Blerim hatte seine Taten noch unter altem Strafgesetz verübt. Wären die Vorfälle im Jahr 2018 passiert, würde das Urteil heute anders lauten, sagte Rossi.

Danach redete er Blerim ins Gewissen: «Ich weiss nicht, aus welchem Kulturkreis Sie kommen, aber in der Schweiz ist es unter aller Kanone, eine Frau als ‹Bitch› zu bezeichnen», sagte Rossi mit Nachdruck. Wegen Blerims langem Vorstrafenregister könne ihm zudem keine gute Prognose erteilt werden. Sollte er auf diesem Weg bleiben, würden ihm in Zukunft Freiheitsstrafen oder sogar die Ausweisung aus der Schweiz drohen, schloss Gerichtspräsident Rossi die Verhandlung.