Brugg

Songs über ihre Depression: Bruggerin Nina Caruso hat Musik im Blut

Nina Caruso war zum ersten Mal im Musikstudio. In ihren Songs verarbeitete sie einen schwierigen Lebensabschnitt.

Nina Caruso war zum ersten Mal im Musikstudio. In ihren Songs verarbeitete sie einen schwierigen Lebensabschnitt.

Unter dem Namen Nana schrieb und produzierte die Badener Kantischülerin für ihre Maturaarbeit fünf Songs. Sie verarbeitet damit eine schwierige Zeit nach der Pubertät. Hier hören sie die Lieder.

Nina Caruso steigt die Treppe hinunter ins Untergeschoss des Wohnhauses in einem Brugger Quartier. Im Keller rumort eine Waschmaschine. Die 21-Jährige öffnet eine Tür, betritt den dahinterliegenden Raum und steht mitten in einem Musikstudio. Verschiedene Gitarren sind an den Seiten aufgereiht, in der Ecke steht ein Keyboard. Hinter einem Glasfenster verbirgt sich der Aufnahmeraum mit Mikrofon. Caruso setzt sich vor den Computer und öffnet das Programm. «Seit Neuestem ist das auch mein Büro», sagt sie und schmunzelt.

Das Musikstudio ist das Reich ihres Vaters Roberto Caruso, der sich als selbstständiger Musiker und Eventorganisator einen Namen gemacht hat. Ninas Mutter Claudia Piani sang früher ebenfalls oft und war mit Roberto Caruso in einer Band. Auch die elf Jahre ältere Schwester Jasmin Piani singt und spielt Klavier. Nina Caruso scheint die Musik im Blut zu haben. Als Kind habe sie viel vor sich hin gesungen, zehn Jahre lang ging sie in den Klavierunterricht. In der zweiten Kanti wechselte Caruso zum Gesang, um etwas Neues auszuprobieren. «Und weil ich zu selten Klavier geübt habe», sagt sie und lacht.

Wer Nena sucht und sich vertippt, findet Nanas Songs

«Ich habe immer Musik gehört und liebe sie», betont die Bruggerin, die Musik auch als Schwerpunktfach in der Kantonsschule gewählt hat. «Vor einigen Jahren schenkte mein Vater mir eine Musikproduzenten-Startbox. So habe ich erste Erfahrungen damit gemacht.» Sie schrieb Lieder für sich selbst, aber keiner dieser Songs sei fertig geworden. «Ich wusste von Anfang an, dass ich meine Maturaarbeit mit Musik verbinden will», sagt Caruso.

Entstanden sind fünf Songs, die Caruso selbst komponiert und mithilfe ihres Vaters zu Aufnahmen programmiert hat. «Ich war vorher noch nie im Studio und habe viel gelernt», sagt sie. Viele Entscheidungen habe sie intuitiv getroffen, denn Musiktheorie sei nicht ihre Stärke. Beim Produzieren seien die Nuancen der Richtungen, die sie beeinflusst haben, zum Vorschein gekommen.

Das reicht von Reggae über Hip-Hop bis zu Oldies. Veröffentlicht hat Caruso die Lieder unter ihrem Künstlernamen Nana. «Nana ist mein Spitzname, er ist cool und einfach. Ausserdem finden mich so alle, die Nena suchen und sich vertippen», sagt Nina Caruso und grinst.

Die Kantischülerin wirkt offen und fröhlich, aber in den Liedern verarbeitet sie eine schwierige Lebensphase. «Es gab eine Zeit nach der Pubertät, in der ich nichts auf die Reihe gekriegt habe», sagt Caruso. «Ich war während zweier Jahre depressiv. Damals schrieb ich meine Erfahrungen in Tage- und Notizbücher.»

Für die Maturaarbeit holte sie diese hervor und bearbeitete die Texte, einige Passagen übernahm sie sogar vollständig. Während der Arbeit habe sie in den Sozialen Medien einen Spruch gelesen: «Depression ist, wenn du farbenblind bist, während dir alle sagen, wie farbig die Welt ist. Das fand ich sehr passend.» Daher nannte Caruso die entstandene EP so wie einen der Songs: «Colourblind».

Depression soll nicht totgeschwiegen werden

Die fünf Lieder setzen das Thema Depression musikalisch um, indem sie den Verlauf einer Depression chronologisch aufzeigen. Caruso arbeitet mit Metaphern, die die Erfahrungen aus ihrem depressiven Lebensabschnitt illustrieren. Die Texte handeln von Leere, Einsamkeit und Angst, aber auch vom befreienden Gefühl, wenn diese Ketten gesprengt und endlich aus dem geistigen Gefängnis ausgebrochen werden kann. «Colourblind», «Intoxicated», «Dear Demon», «Something Has Changed» und «Couldn’t Leave You» lauten die Songtitel.

Einige Songs sind an einem Nachmittag entstanden, andere benötigten mehr Zeit. Schwierig war die Auseinandersetzung mit alten Gefühlen, weil die Texte Caruso an vieles erinnerten. «Aber der Prozess hat mir dabei geholfen, alles besser zu verarbeiten. Zudem ist diese Zeit jetzt vier Jahre her.» Diese Gefühle wollte Caruso weitergeben, sodass einerseits Menschen, die Depressionen nicht selbst kennen, die Songs hören können und es besser verstehen.

Andererseits wissen Betroffene dadurch, dass sie damit nicht allein sind und dass diese Gefühle vorbeigehen. «Mir ist wichtig, dass das Thema nicht totgeschwiegen wird. Es gehört zu mir, so ticke ich. Das Endprodukt ist ehrlich», betont Caruso.

Entstanden ist eine EP, die auch den Vater überzeugt

Die Badener Kantischülerin hat ihre Arbeit erst kürzlich abgegeben. Sie ist stolz auf das Ergebnis. Dass sich dieses sehen lassen kann, findet auch ihr Vater. Er schrieb in seinem Newsletter, Nina habe ein unglaublich tolles, reifes Erstlingswerk hingelegt. «Wir hätten nicht unbedingt erwartet, dass die erste Zusammenarbeit so gut läuft», sagt seine Tochter. «Bei der Produktion haben wir uns super verstanden und harmoniert.»

Die 21-Jährige wird musikalisch sicher weitermachen. «Ich habe jetzt immer ein Buch dabei, in dem ich meine Ideen festhalten kann. Regel Nummer eins: Ich muss alles notieren, sonst vergesse ich es», sagt sie und lacht. «Mir gefällt es, eine Geschichte mit einem Song erzählen zu können.» So könne sie ihre Eindrücke und Inspirationen verarbeiten. «Das Tolle ist ja, dass jeder die Songs anders hört. Aber ich stehe noch ganz am Anfang.»

An ihrer Bühnenangst will Caruso zukünftig arbeiten

Vorerst ist Musik nicht Carusos Berufsziel. Sie möchte an der Fachhochschule Kommunikation mit Vertiefung Journalismus studieren. Auch Auftritte sind keine geplant, denn Caruso hat starke Bühnenangst. An dieser möchte sie zukünftig arbeiten.

Durch die Maturaarbeit traue sie sich immerhin, vor der Familie zu singen. «An Weihnachten sitzen wir zwar nicht alle um den Baum und singen zusammen Lieder», sagt Caruso. «Aber spontan machen wir so was schon auch.»

Die Songs liess Nina Caruso als Endprodukt auf eine Schallplatte pressen. «Mit dem Plattenspieler meiner Eltern bin ich voll auf den Geschmack gekommen. Das Knistern im Hintergrund gefällt mir. Und du musst aufstehen, um die Platte zu wenden, kannst nicht einfach vor- oder zurückspringen. Es ist eine Art Flucht davor, dass aktuell täglich etwas Neues auf den Markt kommt.»

Die Songs sind zudem bei Youtube, Spotify oder iTunes zu finden. Vielleicht liest man den Namen Nana einmal in den Charts. «Ich bin hin- und hergerissen, irgendwie möchte ich auch unsichtbar bleiben. Aber super fände ich das schon», sagt Caruso und lacht. Vermutlich wird sie das Studio ihres Vaters hin und wieder mitnutzen.

Hier noch zwei weitere Kostproben:

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