Es regnet in Strömen. Der kleine Fussballplatz mit dem Kunstrasen ist leer. Zum Fussballspielen hat heute niemand Lust. In den Dohlendeckeln gluckert das Wasser, in den Ställen schnauben die Islandpferde, denen das garstige Wetter egal ist. Auf dem Bauplatz, dort wo zuvor das Knabenhaus des Schulheims Effingen stand, brummen die Baumaschinen.

Im neuen Gruppenhaus – es riecht noch nach Holz – sitzen Robin (8) und Colin (12) mit ihrer Betreuerin an einem grossen, massiven Eichentisch. Sie sind die einzigen, die zurzeit im Schulheim Effingen ihre Ferien verbringen.

Während die Kinder, die normal in Familien aufwachsen, ihre fünf Wochen Sommerferien zu Hause oder irgendwo an einem Strand oder in den Bergen verbringen, bleiben diese beiden Jungs im Schulheim. Colin war nur für kurze Zeit zu Hause bei seiner Mutter.

Dann brachte sie ihn früher als geplant wieder zurück ins Heim. Robin verbrachte ebenfalls einen Teil seiner Ferien bei seiner Mutter und seiner Schwester. Doch weil die Mutter wieder arbeiten musste, kehrte Robin wieder ins Heim zurück.

Gemeinsam wohnen sie nun im neuen Gebäude, das im April erst fertiggestellt wurde. Colin darf im Gästezimmer übernachten, da er eigentlich in einem anderen Gebäude wohnt. Aus Schutz der Privatsphäre wird er nicht in einem Zimmer eines anderen Jungen untergebracht.

Kein «Gstürm» beim Spielen

Die beiden haben es gut zusammen. Im Wohnzimmer haben sie aus Kissen, Decken und Hockern Höhlen gebaut. Vergnügt tollen sie darin herum. Colin hat sogar einen Radio in seiner Höhle. Robin filmt und fotografiert gerne mit seiner kleinen Kamera.

Richtige Actionfilme produziert er manchmal mit Colin. Er möchte auch den Besuch der az auf seiner Kamera festhalten. Doch plötzlich sind die Batterien alle. Flugs bringt ein Betreuer die begehrten Teile zu Robin. Noch ein paar Tipps von der az-Fotografin und – klick – hat Robin sein Bild.

Der 8-Jährige, der seit gut zwei Jahren im Schulheim Effingen betreut wird, findet es überhaupt nicht schlimm, dass zurzeit nur wenige seiner Kollegen ihre Ferien im Heim verbringen. «So gibt es wenigstens kein Gstürm beim Spielen», sagt er.

Jetzt kann sich Robin auch um seine Pflanzen kümmern. Auf dem Sitzplatz hat er in einen grossen Topf einen Avocado-Kern gepflanzt. «Schau nur, er hat bereits Wurzeln geschlagen», ruft er und zeigt stolz darauf.

Colin hat sich damit abgefunden, dass gegenwärtig die Kollegen von seiner Gruppe nicht da sind. Doch so richtig langweilig wird es ihm trotzdem nicht. So durfte er am letzten Samstag mit einem Betreuer zum Super-League-Spiel zwischen dem FC Basel und den Grasshoppers. «Basel hat 3 zu 2 gewonnen», sagt der FCB-Fan und grinst verschmitzt.

Ferienhöhepunkt steht bevor

Die Tiere, die zum Schulheim gehören, vertreiben den Jungs ebenfalls die Zeit. Und bei Regenwetter liegt auch mal eine DVD oder ein Playstation-Spiel drin. Auch Brettspiele gibt es zuhauf im Schrank im Wohnzimmer.

Später erklärt uns Heimleiter Hans Röthlisberger in seinem Emmentaler Dialekt, dass drei Jungs ihre Ferien in Pflegefamilien verbringen. Diese Pflegefamilien werden sorgfältig vom Heim ausgesucht und betreut. «Die Pflegefamilien kommen dann zum Einsatz, wenn die Herkunftsfamilie so zerrüttet ist, dass dort ein Aufenthalt nicht zumutbar wäre», sagt Hans Röthlisberger.

Das ist dann der Fall, wenn die Knaben weniger als zehn Tage in ihrer ursprünglichen Familie verbringen können. Röthlisberger erzählt von einem Jungen, dessen Vater vor Jahren Suizid begangen hat und dessen Mutter drogenabhängig ist und auf der Strasse lebt. Dieser Junge nennt seine Pflegefamilie mittlerweile sein zu Hause. Seine Ferien und auch die Wochenenden verbringt er gerne dort.

In den Herbstferien bietet das Heim auch ein Kletterlager in den Bergen an. Hans Röthlisberger, der im Militär als Gebirgssoldat ausgebildet wurde, findet es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen lernen, einander zu vertrauen. «Wo sonst muss man das noch stärker, als wenn der eine am Seil ist und der andere sichert?», merkt der Heimleiter an.

Für Colin und Robin steht ein Ferien-Höhepunkt noch bevor: Nächste Woche kommen einige ihrer Heimkollegen zurück. Und dann gibt es tierischen Besuch. Jeder Knabe erhält einen ausgewachsene Bernhardiner zum Betreuen. Ebenfalls vor Ort sein werden Tierpädagogen.

Danach aber gilt es auch für Robin, Colin und alle anderen Heimkinder wieder ernst: Die Schule geht los.