Brugg
Sollte der Rutenzug 1912 letztmals stattfinden?

Ein Stadtrat forderte die Abschaffung des Traditionsanlasses – um den städtischen Haushalt zu verbessern.

Titus J. Meier
Drucken
Teilen
Festzug durch die geschmückte Hauptstrasse in Brugg: Wie heute standen auch damals viele Zuschauer Spalier. ZVG

Festzug durch die geschmückte Hauptstrasse in Brugg: Wie heute standen auch damals viele Zuschauer Spalier. ZVG

Der Brugger Rutenzug als traditionelles Jugendfest besteht aus verschiedenen Elementen, von denen einige von Jahr zu Jahr gleich bleiben, während andere dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend angepasst werden. Wie war er nun, der Rutenzug 1912?

Am Montagmorgen zogen die Knaben in den Brugger Wald, um Moos «Mies» und anderes Material zu holen, das anschliessend zu Kränzen gewunden werden konnte. Diese Arbeit wurde nur zum Teil durch die Schüler ausgeführt: wie bereits früher, wurden auch 1912 mittels Inserat «verehrliche Damen» gesucht, die beim Kränzen mithalfen, wobei die jüngeren Schülerinnen und Schüler ihnen das «gebüschelte» Kranzmaterial reichten.

Es scheint, dass das Kränzen nicht bei allen Schülern auf die gleiche Begeisterung stiess oder das Sommerwetter zumindest verlockende Alternativen anbot – die Schulpflege jedenfalls erinnerte die Lehrerschaft daran, «den Schülern einzuschärfen», dass auch die Tage vor dem Jugendfest Schultage seien und Absenzen gleich behandelt würden wie an anderen Schultagen.

Tagwache bereits um fünf Uhr

Um neun Uhr abends fand am Mittwoch der Zapfenstreich der Kadetten und der Stadtmusik statt. Bereits wenige Stunden nach dieser ersten Festankündigung, genau um fünf Uhr in der Früh, kündeten die Böllerschüsse vom Hexenplatz und der Trommelwirbel der Kadetten die Tagwache an. Die zeitliche Festsetzung von Zapfenstreich und Tagwache liessen beim Redaktor den Wunsch aufkommen, man möge sich doch zukünftig an den Jugendfesten in Aarau und Zofingen orientieren: «Es läge dies sehr im Interesse der lieben Jugend, die einen etwas verlängerten Schlaf sehr nötig hat.» Weshalb die Tagwache 1912 gegenüber dem Vorjahr eine Stunde früher angesetzt worden war, lässt sich nicht mehr eruieren und dürfte eine einmalige Aktion gewesen sein.

So wie sich die dichte Nebeldecke langsam lichtete und den Sonnenstrahlen Platz machte, so erwachte auch das Leben in der Stadt: Immer mehr festlich gekleidete Frauen und Männer stellten sich entlang der Umzugsroute auf und standen Spalier, ehe sich um neun Uhr der Festzug in Bewegung setzte.

Ziel war die schön dekorierte Stadtkirche, wo die steigende Kinderzahl von Jahr zu Jahr mehr Platz beanspruchte. Für die Schülerinnen und Schüler gab es nach der Feier die obligate Gabenverteilung: Ein Jugendfestbrot sowie einen -batzen, der von 30 Rappen pro Kindergartenkind bis zu 1.50 Franken für die ältesten Oberstufenschüler reichte.

Wie schon seit alters her und zuletzt 2011, begann der Nachmittag mit einem weiteren Festzug, diesmal vom Eisi zur Schützenmatt. Im Schachen brachten sich derweil die Kadetten in Stellung: Wenngleich 1912 keine Freischaren mitwirkten, so lieferten sie sich doch eine veritable Schlacht, an deren Ende sich Sieger und Besiegte schliesslich versöhnten und im Hof der Kaserne ein gemeinsames Defilee durchführten. Auf dem Festplatz Schützenmatt herrschte schon bald ein dichtes Gedränge: Zu Gross und Klein aus der Stadt gesellten sich viele Menschen aus den umliegenden Dörfern, die sich das Fest und die Gelegenheit zum Tanz nicht entgehen lassen wollten – wobei die Erwachsenen erst am Abend nach dem Heimzug die Tanzfläche betreten durften – zuvor war dies ein Privileg der Jugend, die davon ausgiebig Gebrauch machte.

Zum Glück auf verlorenem Posten

Am Abend zogen drei Turnreigen der Mädchen viele Besucher an, bevor kurz vor zehn Uhr ein prächtiges Feuerwerk den Himmel erhellte. Den Abschluss bildete der Lampionzug durch die mit Bengalen beleuchtete Altstadt vor das Rote Haus, wo Pfarrer Jahn den Tag der Jugend mit einer launigen Abdankungsrede beschloss.

Der Rutenzug 1912 dürfte bei allen Bruggerinnen und Bruggern noch lange in bester Erinnerung geblieben sein. Trotzdem rüttelte einer der Stadträte, Depotchef Eduard Grob, in der stadträtlichen Budgetsitzung einmal mehr an diesem traditionsreichen Tag, indem er zwecks Verbesserung des städtischen Haushaltes kurzerhand die Abschaffung des Rutenzuges forderte. Aber wie schon einige Jahre zuvor, als er die Streichung des Jugendfestbatzens forderte, blieb er mit seinem Antrag – zum Glück – auf verlorenem Posten.

Aktuelle Nachrichten