Brugg
Solar-Kochanlagen: Mit seiner Erfindung hilft ein Brugger den Ärmsten

In Haiti, einem der ärmsten Länder der Welt, baut der pensionierte Elektroingenieur Elmar Eberle aus Brugg zusammen mit einer kleinen, lokalen Hilfsorganisation Solar-Kochanlagen.

Michael Hunziker
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Die Versuchsanlage in Elmar Eberles Garten in Brugg.
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Drei schwenkbare Photovoltaik-Panels werden auf dem Dach angebracht.
Elmar Eberle in Haiti
Solar-Kochanlage in einem Gebäude in Saint-Marc.
Gekocht wird wie auf jedem anderen Herd.
Es sei Dankbarkeit zu spüren, sagt Elmar Eberle über die Menschen in Haiti.

Die Versuchsanlage in Elmar Eberles Garten in Brugg.

Aargauer Zeitung

Zwei Solar-Kochanlagen sind in Saint-Marc, rund 80 Kilometer nördlich von Port-au-Prince, bereits in Betrieb, eine dritte wird beim nächsten Besuch im Februar erstellt. «Mit Sonne und heutiger Technik kann enorm viel erreicht werden. Die Sache ist unerhört interessant und herausfordernd», sagt der pensionierte Elektroingenieur Elmar Eberle aus Brugg mit ansteckender Begeisterung. «Erfindungen und Innovationen machen mir Freude – besonders, wenn Arme davon profitieren.»

Sonnenenergie ist für den bald 71-Jährigen «ein Riesenthema, eine Technik mit Zukunft und einem unerschöpflichen Potenzial». Alleine mit der Sonne könnten die Haitianer fast immer kochen: gratis und ohne Rauch wohlverstanden. Auf diese Weise sei es möglich, ihre prekäre Situation etwas aufzubessern.

Eberle schildert die bestehenden Begebenheiten: Rund die Hälfte der Menschen lebt unter dem Existenzminimum. Sie müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Von diesem Geld wird bis zur Hälfte für die teure Holzkohle zum Kochen aufgewendet. Bäume sind deshalb gesucht als Brennholz. Die Wälder werden geplündert, 98,5 Prozent sind mittlerweile abgeholzt. «Die Lebensgrundlage für die Kinder und Kindeskinder wird zerstört», fasst Eberle zusammen.

Nach seiner Pensionierung vor acht Jahren begann er sich intensiv mit dem Thema «solares Kochen» zu befassen, baute selbst entwickelte Spiegel-Kocher im afrikanischen Tansania – «die funktionieren zwar einwandfrei, bedingen aber einen sehr sorgsamen Umgang» – und sammelte Erfahrungen. Es sei ein Herangehen und Herantasten gewesen. Später rüstete der Allrounder sein Haus in Brugg im Eigenbau mit einer Photovoltaikanlage aus. Der tiefe Preis der Solar-Module sowie die Faszination für diese einfache, wartungsfreie Stromerzeugung bewogen ihn dazu, eine photovoltaisch gespeiste Solar-Kochanlage zu realisieren.

Aufgestellt trotz Armut

Er habe während seiner Aufenthalte in Haiti sehr eindrückliche Begegnungen gehabt, erzählt Eberle. «Die Armut ist schlimm, die meisten Leute besitzen nichts und leben teilweise in katastrophalen Unterschlüpfen. Ganz viele haben Hunger.» Vor allem die Mädchen hätten kaum Perspektiven. Weil ihren Eltern das Geld fehlt, können mehr als die Hälfte keinen Tag im Leben zur Schule. Trotz allem seien die Menschen hoch anständig, zuvorkommend, kultiviert – und betteln nicht, sagt der Brugger und schwärmt: «Der Umgang ist sehr angenehm und man spürt Dankbarkeit.»

Auf den Strassen in Saint-Marc fühle er sich auch als Weisser sicher. Ehrliche Kinderaugen schauten ihm, dem «Blanc», stets freundlich-fragend entgegen. Er habe an Gottesdiensten und Hochzeiten anwesend sein dürfen, habe fröhliche, tanzende, singende und gläubige Menschen erlebt. Anders als in anderen armen Ländern sei kaum Neid oder Egoismus zu spüren.

Eberle muss es wissen: Als Elektroingenieur kam er für die ABB in der Welt herum und lernte unterschiedlichste Mentalitäten kennen. «In schlimmen Situationen würde man gerne überall helfen», stellt er fest. Es sei aber wichtig, betont er, sich auch abgrenzen zu können und sich auf ein bestimmtes Hilfsprojekt zu konzentrieren.

Der Brugger macht sich keine Illusionen: Wirklich helfen könnten sich die Haitianer am Ende nur selber. Sie müssten vor allem ihre Familienplanung in den Griff bekommen. Heute habe eine Frau im Schnitt fünf Kinder. Sinke die Geburtenrate nicht markant, biete die geschundene Natur keine genügende Lebensgrundlage und jede, nicht nachhaltige Hilfe verlaufe am Schluss im Sand.

40 bis 50 Familien profitieren

Eberle hat letztes Jahr 32 Photovoltaik-Panels per Schiff nach Haiti geliefert. Mit diesen sollen 10 Anlagen realisiert werden, auf denen 40 bis 50 Familien kochen können. Fast zur Verzweiflung gebracht hätten ihn die Zollformalitäten mit hohen Geldforderungen, blickt er zurück. Ziel sei es, in Haiti eine Werkstatt einrichten zu können, damit die Haitianer die Anlagen dereinst lokal und selbstständig bauen und betreiben können. Als Herausforderung bezeichnet Eberle die Organisation und Überwachung, die praktische Ausbildung der Menschen vor Ort sowie die Beschaffung des Materials und der nötigen Gelder. Derzeit finanziere er alles selber, früher oder später werde er auf Sponsoren angewiesen sein.

Ein solches Engagement kann er jedem empfehlen. «Ich lerne jeden Tag Neues. Die Erfahrungen, die ich mache, sind sehr viel wert. Es kommt viel mehr zurück, als man gibt.»

Gekocht wird wie auf anderem Herd

Die Solar-Kochanlagen von Elmar Eberle bestehen aus drei in Serie geschalteten, schwenkbaren PhotovoltaikPanels mit je 190 Watt Leistung. Auf einem geschweissten Rahmen werden sie auf den Wellblechdächern der Hütten in Haiti montiert und können manuell auf die Sonne ausgerichtet werden. Über eine vierstufige Regelelektronik, die der pensionierte Elektroingenieur selber fertigt, gelangt die Energie zum Kochherd. Dieser – ebenfalls von Eberle entwickelt – besteht aus zwei elektrischen Kochplatten, ausgedienten Bremsscheiben dazwischen, einem Beton-Zylinderblock als Wärmespeicher sowie Isolation. «So kann komfortabel gekocht werden wie auf jedem anderen Herd», sagt Eberle. Durch den thermischen Speicher sowie die spezielle Anordnung und Beschaffung sei ein schnelles Kochen ohne Übersieden möglich. Morgens entsteht die Kochtemperatur unverzögert, am Abend wird die Kochzeit durch den Speicher verlängert.

Die Anlage sei sehr robust und langlebig, könne für voraussichtlich 30 bis 50 Jahre praktisch wartungsfrei betrieben werden, nennt der Brugger einen weiteren Vorteil gegenüber Spiegel-Kochern. Wenn eine Anlage von vier Familien genutzt werde, sei sie bereits nach einem Jahr bezahlt – alleine durch das Geld für die eingesparte Holzkohle. Damit nicht genug: Als kleiner Zusatz baut Eberle ein kleines Batterie-System an. In den Gegenden, die fast immer ohne elektrischen Strom auskommen müssen, «erhellt das sparsame, aber lichtstarke LED-Lämpchen die dunklen Abende und alte, geschenkte Handys werden geladen».