Das Paul-Scherrer-Institut (PSI) beschäftigt 1900 Mitarbeitende, und dazu kommen jährlich rund 2200 Gastwissenschafter aus der ganzen Welt. Es ist damit das grösste Forschungsinstitut der Schweiz, aber eine richtige Campus-Atmosphäre herrscht im und ums Gelände beidseits der Aare in Villigen und Würenlingen trotzdem keine.

Denn viele PSI-Forscher pendeln ins untere Aaretal. Gastronomie abends und am Wochenende, oder vielleicht sogar mal ein abendliches Jazzkonzert? Fehlanzeige. «Es gibt hier lediglich einen 24-Stunden-Automaten im Gästehaus», sagt Daniel Kündig. Als CEO der Innovaare AG soll er dafür sorgen, dass sich an diesem Zustand bald etwas ändert.

Ein Pavillon steht bereits

Zusammen mit sechs Mitarbeitern hat er die Aufgabe, den Park Innovaare – einer der fünf Standorte des nationalen Innovationsparks – aufzubauen und Hightech-Firmen anzulocken, die sich von der Nähe zur PSI-Forschung Vorteile erhoffen. Ein erster sichtbarer Schritt ist bereits gemacht: Im Deliverylab mit einer Raumfläche von 400 Quadratmetern haben sich drei Unternehmen eingemietet und zwei weitere nutzen die Infrastruktur regelmässig, zum Beispiel für Meetings und Investorenpräsentationen.

Verglichen mit den Plänen für die nähere Zukunft – bis 2020 sollen neben dem PSI in einer ersten Etappe 165 Millionen Franken verbaut werden — ist der Pavillon zwar nur ein kleiner Wurf, nichtsdestotrotz aber ein sehr wichtiger. «Mit der Fertigstellung des Gebäudes im Herbst 2015 wurde plötzlich deutlich, dass hier etwas am Entstehen ist», erinnert sich Nils Gebhardt, Managing Director der Innovaare AG. «Alleine, weil hier ein Gebäude steht, gibt es überhaupt erst Anfragen» – und auch erste Campus-Lebenszeichen: Jeweils am ersten Donnerstag im Monat bietet das unweit vom PSI-Gästehaus gelegene Deliverylab auf seiner Terrasse «good music & free drinks». Ziel der Veranstaltungsreihe, der schon bald weitere folgen sollen, ist eine bessere Vernetzung zwischen PSI-Forschern und dem Park Innovaare.

Noch sind die Forscher natürlich in der Überzahl. Falls die erste Ausbauetappe aber wie geplant realisiert wird, könnte sich dies rasch ändern. Vor allem Firmen mit Bezug zur Material-, Bio- oder Energietechnologie sollen sich beim PSI ansiedeln. «Vereinfacht gesagt», so Kündig, «dreht sich hier alles um die Beschleunigertechnologie». So lässt sich mit der neuen PSI-Grossforschungsanlage Swissfel, in der beschleunigte Elektronen Blitze von Röntgenlicht erzeugen, zum Beispiel beobachten, wie Moleküle neue Verbindungen eingehen. Dieses Wissen wiederum ermöglicht die Entwicklung von neuartigen Materialen oder Medikamenten.

Beschleunigen würden Kündig und Gebhardt natürlich gerne auch den Aufbauprozess des Innovationsparks. Wobei die Hindernisse anders als im Swissfel weniger physikalischer als bürokratischer und finanzieller Natur sind. Zudem, so Kündig, seien die geplanten Bauten komplex. «Sie müssen in der Lage sein, verschiedenste Klassen von Labors aufzunehmen, in denen Grundlagen und Innovationen konkurrenzfähig entwickelt bzw. erforscht werden können.»

«Das Marktpotenzial ist riesig»

Als Zwischenschritt, sozusagen um die Lücke bis 2020 zu füllen, eröffnet die Innovaare AG im Februar neben dem PSI einen Co-Working-Space mit rund 24 Büroplätzen. «Wir haben schon Anfragen von Zweier- und Dreiergruppen», sagt Gebhardt. Ein Bedarf an reiner Bürofläche hätten etwa Forscher, die ihren Schreibtisch am PSI einem Nachfolger übergeben müssten und trotzdem in der Nähe des Instituts bleiben wollten. Zu den möglichen Mietern gehören aber auch Firmen, «die hier zwei, drei Mitarbeiter ins PSI-Ökosystem reinpflanzen wollen, damit sie aus ihren gewohnten Strukturen rauskommen und neue Ideen entwickeln können».

Für die Ansiedlung von gestandenen Firmen sind Büroräume derweil nicht ausreichend. «Während PSI-Spinoffs die Labors des PSI benutzen können, brauchen Firmen eine entsprechende Infrastruktur», so Kündig. Die erste Frage von Interessenten sei denn jeweils auch, wie viel Reinraum- oder Laborfläche im Park Innovaare zur Verfügung stehe. Bis 2020 lautet die Antwort auf diese Frage noch «fast Null», langweilig wird es Kündig und Gebhardt in der Zwischenzeit natürlich trotzdem nicht. Denn ihre Kernaufgabe lautet: «Cases» entwickeln. Ein solcher war die Advanced Accelerator Technologie AG (AAT), ein Joint Venture aus fünf internationalen Firmen, dessen Ziel die Kommerzialisierung des PSI-Know-hows im Bereich der Beschleuniger-Anlagen ist. «Weltweit gibt es rund 35 000 wissenschaftliche oder industriell genutzte Teilchenbeschleuniger», sagt Kündig. «Das Marktpotenzial ist also riesig, ebenso wie die Expertise, die hier am PSI vorhanden ist.»

Die Hauptleistung des Innovaare-Teams sei es gewesen, «die richtigen Leute zusammenzubringen und in die richtige Richtung zu fokussieren». Tönt einfach, war es aber natürlich nicht. «AAT war unser erster Case und nicht nur deshalb sehr arbeitsintensiv», so Gebhardt. «Aber umso intensiver der industrielle Austausch hier wird, desto besser wird es laufen.»