Bezirk Brugg
So unterstützen sich Frauen in der Politik

Zweimal pro Jahr treffen sich die amtierenden Gemeinderätinnen des Bezirks Brugg zu einem ungezwungenen Austausch. Beim Netzwerken haben sie auch schon zur Pistole gegriffen.

Claudia Meier
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Vizeammann Susanne Käser (links) aus Elfingen hat für die Politikerinnen ein feines Fondue im Wald organisiert. ZVG

Vizeammann Susanne Käser (links) aus Elfingen hat für die Politikerinnen ein feines Fondue im Wald organisiert. ZVG

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Nächste Woche wählt die Vereinigte Bundesversammlung zwei neue Regierungsmitglieder und definiert, wer die Nachfolge von Bundesrätin Doris Leuthard und Bundesrat Johann Schneider-Ammann antreten wird. Gut möglich, dass ab 2019 drei anstatt wie bisher zwei Frauen in der Landesregierung vertreten sein werden.

In Politik und Wirtschaft sind Frauen eher weniger gut vernetzt als Männer. Sie stehen oft unter besonderer Beobachtung. Frisur und Kleider von Politikerinnen scheinen manchmal eine grössere Rolle zu spielen als die Fach- und Sozialkompetenz. Dies dürften auch Gründe dafür sein, warum fast 48 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz und im Kanton Aargau die Frauen in den meisten politischen Gremien nach wie vor in der Minderheit sind. Bis zur möglichst ausgewogenen Verteilung von Männern und Frauen in der Politik wird es noch viele Jahre dauern.

Im Kanton Aargau blieb der durchschnittliche Frauenanteil in den Gemeinderäten zwischen 2013 und 2017 gleich. Er betrug bei beiden Gesamterneuerungswahlen 25,7 Prozent. Im Bezirk Brugg hingegen ist er in dieser Zeit um 5 Prozentpunkte gestiegen: Von 26,23 Prozent im Jahr 2013 auf 31,26 Prozent im letzten Jahr.

Eine Führung bei den Naturisten

Nur einem kleinen Teil der Bevölkerung dürfte bekannt sein, dass sich die amtierenden Gemeinderätinnen im Bezirk Brugg zweimal pro Jahr zu einem ungezwungenen Austausch treffen. Dieses Frauennetzwerk scheint schon seit Jahrzehnten zu bestehen. Speziell ist, dass sich von den angefragten ehemaligen Politikerinnen niemand erinnern kann, wer diese Treffen ursprünglich initiiert hat.

Der Austausch findet jedes Mal in einer anderen Gemeinde statt und wird von einer ortsansässigen Gemeinderätin organisiert. Meistens kommen die rund 20 Teilnehmerinnen an einem späteren Mittwochnachmittag zusammen. Der erste Programmpunkt ist immer von der Organisatorin abhängig.

Im Idealfall lernen die Frauen in einer bekannten Bezirksgemeinde etwas Neues kennen. Das kann beim Dorfrundgang geschehen, auf einer Wanderung in den Rebbergen oder bei der Besichtigung einer frisch sanierten Badi. Doch auch schon haben die Frauen zur Pistole gegriffen. Unter fachkundiger Anleitung von Männern führte Gemeinderätin Marianne Möckli aus Villnachern etwa ein Pistolenschiessen durch. Ein anderes Mal liessen sich die Gemeinderätinnen den Heliosport Aargau – den einzigen Naturisten-Verein im Kanton Aargau – im Wald oberhalb von Auenstein zeigen und erklären.

Nach dem kleinen Ausflug gibts jeweils einen gemeinsamen Apéro sowie ein Nachtessen, das jede Gemeinderätin selber bezahlt. Nicht zu kurz kommen darf bei diesen Treffen der persönliche und fachliche Austausch. Da dreht sich das Gespräch auch mal um Macht, Spesen, Eigeninteressen und unterschiedliche Erfahrungen mit Männern im Gremium. Als einzige Frau im Gemeinderat kann man schnell unter die Räder kommen. So bekam eine Politikerin auch schon zu spüren, dass die Männer sie lieber am Kochherd sehen würden. Oder Asylbewerber wollen unbedingt mit dem Chef reden und haben Mühe damit, wenn es eine Chefin ist. Auf der anderen Seite staunen Gemeinderätinnen auch über Amtskollegen, die Anspruch auf Sitzungsgeld erheben, obwohl sie gar nicht an der Sitzung teilgenommen haben. Der meist lustige Netzwerkanlass endet für die Frauen so zwischen 22 oder 23 Uhr.

Das Amt als beste Lebensschule

Insgesamt wird das Gespräch unter den Gemeinderätinnen als lockerer und vertrauter beschrieben, als wenn noch Männer dabei sind. Marianne Möckli, die 2010 in den Gemeinderat gewählt wurde und von 2013 bis 2017 Ammann war, ist froh, dass sie gleich zu Beginn ihrer politischen Tätigkeit an diesen Frauentreffen teilgenommen hat, und würde das allen Politikerinnen empfehlen. «Ich war damals neu und jetzt habe ich ein tolles Netzwerk, in dem ich mir unkompliziert Unterstützung holen kann», sagt Möckli. Sie bezeichnet das politische Amt als die beste Lebensschule, die es gibt. Dabei lerne sie viel über wichtige Themen des Alltags und die grösseren Zusammenhänge. Im Fokus stehe für sie stets der Nutzen für die Bevölkerung. Sie merke schnell, ob ein Politiker mit Herzblut dabei sei oder ob es ihm primär um Geld und Macht gehe. Möckli ist überzeugt, dass Frauen in der Politik sowie im Beruf einem Team guttun. Sie seien oft sozialer und objektiver, zudem könnten sie besser zuhören als Männer.

Der erste Frauennetzwerkanlass im 2019 wird in Villnachern stattfinden. Marianne Möckli und Veronika Widmer warten mit einer «lässigen Überraschung» auf; mehr sei hier nicht verraten. Nur noch: Gutes Schuhwerk ist von Vorteil. Das zweite Treffen im Herbst wird in Schinznach-Bad durchgeführt, bevor die Gemeinde dann per 2020 mit der Stadt Brugg fusioniert. Und wer von der Leserschaft weiss, wem dieses Netzwerk zu verdanken ist, wird gebeten, sich zu melden. Die Frauen würden nämlich auch gerne mal ein Jubiläum feiern, doch wann bloss?