Schenkenbergertal

So reagieren die Kirchengemeinden auf den Kostendruck

An vereinzelten Sonntagen bleibt die Kirche leer, im Bild diejenige in Schinznach-Dorf.

Reformierte Kirche Schinznach-Dorf

An vereinzelten Sonntagen bleibt die Kirche leer, im Bild diejenige in Schinznach-Dorf.

Statt zu fusionieren, festigen vier Kirchgemeinden ihre Zusammenarbeit mit einem Vertrag. In den Kirchen findet nicht mehr jeden Sonntag einen Gottesdienst.

Die Zeiten ändern sich: In gewissen Dörfern gibt es kaum noch einen Lebensmittelladen, eine Beiz oder eine Post. Und nun fehlt offenbar auch der allsonntägliche Gottesdienst.

Zugegeben: Diese Darstellung ist natürlich übertrieben. Die Kirchen bleiben im Dorf, doch es finden dort nicht mehr zwingend jeden Sonntag Predigten statt. Um Kosten zu sparen, vertiefen die vier reformierte Kirchgemeinden im Schenkenbergertal (Veltheim-Oberflachs, Thalheim, Schinznach-Dorf und Auenstein) ihre Zusammenarbeit. Seit Anfang Monat ist ein entsprechender Vertrag in Kraft. Dieser legt unter anderem fest, welche Kirchgemeinde bei gemeinsamen Gottesdiensten jeweils die Kosten und Organisation übernimmt. Denn: Um die Ausgaben in Schach zu halten, sollen Pfarrer an ihren freien Sonntagen nicht mehr oder nur noch selten durch bezahlte Prediger ersetzt werden. Dafür lädt eine andere Kirchgemeinde die Gläubigen der Nachbarsgemeinde zu sich ein, übernimmt die Kosten und organisiert einen Fahrdienst.

So fand am letzten Sonntag in Veltheim ein Gottesdienst statt, an dem auch Kirchgänger aus Thalheim und SchinznachDorf teilnahmen. «Kirche unterwegs» nennt sich die Aktion, die bereits früher zu Ferienzeiten durchgeführt wurde und nun vermehrt stattfinden wird. Am 31. März etwa findet wieder ein Gottesdienst in Veltheim statt, dem auch die Auensteiner beiwohnen werden, so steht es jedenfalls in den im Internet veröffentlichten Kalendern. Vier Mal wird Auenstein dieses Jahr in den anderen Kirchen zu Gast sein. Andere Kirchgemeinden werden bis zu neun Mal auswärts zum Gottesdienst fahren, sagt Ernst Hochstrasser, Präsident der Kirchenpflege Auenstein. «Pro Gottesdienst sparen wir so bis zu 900 Franken.» Auenstein organisiert dafür Ende April einen sogenannten Talgottesdienst, bei dem alle vier Kirchgemeinden gemeinsam die Sonntagspredigt durchführen. Gemäss Vertrag findet dies vier Mal im Jahr statt jeweils in einer der vier Gemeinden.

Ressourcen frei für andere Dinge

Durch die Zusammenlegung einzelner Gottesdienste und die Kooperation in anderen Bereichen wie zum Beispiel der Erwachsenenbildung werden offenbar Ressourcen frei für neue Projekte. So überlegt sich Schinznach-Dorf etwa, einen Mittagstisch für Alleinstehende zu lancieren. Thomas Gysel, Präsident der Kirchenpflege Veltheim-Oberflachs, strebt auch eine Partnerschaft in der Jugendausbildung an. Zum Spardruck sagt er: «Wir überlegen uns, welche Ansprüche zu erfüllen nötig sind.» Jeden Sonntag in der eigenen Kirche beten muss zum Beispiel nicht unbedingt sein, wenn man dafür andere wichtige Dinge anbieten kann.

Die sinkende Anzahl Gläubiger und der letztes Jahr veränderte Finanzausgleich führen dazu, dass gewisse Kirchgemeinden ihre Ausgaben kürzen müssen. Besonders Thalheim ist davon  betroffen: Mit 477 Mitgliedern ist sie die Kleinste der vier Kirchgemeinden im Schenkenbergertal, der Steuerfuss ist mit 24 Prozent hingegen der höchste. Bei den anderen drei liegt dieser bei 19 oder 20 Prozent. Erhöht hat ihn zuletzt Auenstein: Die Kirchgemeindeversammlung lehnte eine Reduktion der Stellenprozente von 100 auf 80 ab, hob dafür den Steuerfuss um zwei Prozentpunkte an. Auch Veltheim-Oberflachs, mit 890 Mitgliedern die grösste der vier Gemeinden, bleibt bei 100 Stellenprozenten. Thalheim kürzte diese von 80 auf 60. Schinznach-Dorf, das das Pfarrerpensum Anfang Jahr auf 90 Prozent verringert hat, will bis 2021 weiter auf 80 herunter.

Lösung könnte wegweisend sein

Die Lösung, die die vier Schenkenbergertaler Kirchgemeinden gefunden haben, könnte wegweisend sein für weitere Kirchgemeinden im Land. Thomas Gysel gibt sich jedenfalls stolz darüber: Vier Dörfer, die «völlig verschieden» seien, wie er sagt, hätten es geschafft, eine gemeinsame Sprache zu finden. «Vor zwei Jahren wäre dies noch unvorstellbar gewesen», sagt er. Die Verhandlungen begannen im letzten Sommer, nur ein halbes Jahr später ist die Zusammenarbeit Tatsache. «Solche Dinge dauern sonst Jahre.»

Gemäss ihm sei dies auch die erste vertraglich geregelte Kooperation im Kanton, «ohne dass Aarau es uns befohlen hätte». Während im Kanton Zürich etwa die Strukturierung der Kirchgemeinden «von oben her diktiert» würde, gäbe es im Aargau bisher noch keine entsprechende Strategie des Kirchenrats. Oder wie David Lentzsch, Gemeindeberater der Evangelisch-Reformierten Landeskirche Aargau, gegenüber dem «General-Anzeiger» sagte: «Anders als im Kanton Zürich liegt uns die Autonomie der Gemeinden am Herzen.»

Anfang Jahr schlossen sich alle 32 Kirchgemeinden der Stadt Zürich zu einer einzigen zusammen. Vor weniger als einem Jahr bezeichnete Thalheim eine Fusion noch als «unumgänglich». Nun habe das Schenkenbergertal mit seinem Lösungsansatz geholfen, eine neue Denkweise im Kanton zu lancieren, sagt Thomas Gysel. «Die Landeskirche muss wieder einfacher strukturiert werden», sagt er, der den Zusammenarbeitsvertrag als «ein Signal nach Aarau» wertet. «Es wird selbstverständlich, dass man einander hilft.»

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