Remigen
So profitiert eine Aargauerin vom Berliner Frauenpreis

Karolin Roelcke-Farrenkopf aus Remigen lebt in Berlin und ist Teil des Musik-Kabarett-Duos Loosefit. Dank einer gütigen Preisträgerin kann sie im Sommer die zweite CD aufnehmen. Auftritte in der Schweiz sind geplant.

Claudia Meier
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Seit sich Karolin Roelcke-Farrenkopf (links) und Caspar Gutsche im Herbst 2014 begegnet sind, treten sie als kreatives Frauen-Duo auf – bald auch in der Schweiz.

Seit sich Karolin Roelcke-Farrenkopf (links) und Caspar Gutsche im Herbst 2014 begegnet sind, treten sie als kreatives Frauen-Duo auf – bald auch in der Schweiz.

zvg

«Frauen haben Potenzial», singt das Musik-Kabarett-Duo Loosefit am Internationalen Frauentag im Berliner Rathaus. Dann steht die Pianistin auf und sagt mit einem übertriebenen Schweizer Akzent: «Ich wurde 1987 geboren. Die Schweiz, wo ich herkomme, hatte erst 16 Jahre zuvor das Frauenstimmrecht eingeführt.» Das Publikum im grossen Saal lacht, denn die Deutschen haben das aktive und passive Wahlrecht für Frauen bereits vor 100 Jahren eingeführt. Anschliessend darf Christine Vogler an diesem Abend den mit 3000 Euro dotierten Berliner Frauenpreis für ihr Engagement für eine anspruchsvolle und attraktive Pflegeausbildung entgegennehmen. Loosefit sorgen für den musikalischen Rahmen dieses feierlichen Anlasses.

Mit ihrem Lockenkopf und ihrer unbeschwerten Art wirkt Karolin Roelcke-Farrenkopf wie das Heidi aus den Bergen. Die 30-Jährige ist aber nicht in den Alpen aufgewachsen, sondern am Fuss der Rebberge in Remigen. Inzwischen lebt die junge Schweizerin seit vier Jahren in Berlin. Am Morgen nach der Preisverleihung erzählt sie in einem Café, wie die Musik ihr Leben beeinflusst und wie die deutsche Hauptstadt zu ihrer neuen Heimat wurde.

Loosefit im "Wilden Oscar":

Mit eigenen Liedern im «Odeon»

Im Hause Roelcke in Remigen spielte die Musik immer eine wichtige Rolle. Karolins Mutter Beate ist Musiktherapeutin und der jüngere Bruder Moritz mittlerweile ein bekannter Klarinettist. Mit etwa 6 Jahren lernte die kleine Karolin Klavier spielen. Der Instrumentalunterricht hat sie während der ganzen Schulzeit begleitet. Simon Moesch, der Dirigent des Brugger Bezirksschulchors, erkannte ihr Talent und holte sie für die Begleitung bald ans Klavier. «A sip of wine» (ein Schluck Wein) hiess eines von Karolin Roelckes ersten Liedern, die sie selbst geschrieben und komponiert hatte. Damit ist sie unter anderem in der Odeon-Bar in Brugg aufgetreten. 2007 war sie Gewinnerin des Spitzenförderungsprogramms Aargauer Talente mit anschliessender CD-Einspielung in Boswil.

Da erstaunt es nicht, dass sich die Remigerin für ein Musikstudium an der Hochschule Luzern entschied und die Aufnahme ohne Vorkurs schaffte. «Ich fühlte mich da sehr wohl», erinnert sich Roelcke. Nach dem Bachelor-Abschluss legte sie ein Zwischenjahr ein. Während dieser Zeit absolvierte sie Praktika in den Bereichen Medien- und Öffentlichkeitsarbeit am Konzerthaus Berlin sowie im Kulturmanagement und bei musikalischen Projekten. «Es war mir wichtig, beruflich einiges auszuprobieren», betont Roelcke. In der Freizeit sang sie im anspruchsvollen Laienchor Berliner Kantorei mit und lernte da ihre heutige Lebenspartnerin kennen.

Musik-Projekte mit Flüchtlingen

Von ihrem Studienziel liess sich Karolin Roelcke jedoch nicht abbringen. Sie kehrte nach Luzern zurück und schloss 2014 das Master-Studium in Musikpädagogik mit den Hauptfächern Instrumentalpädagogik Klavier sowie Schulmusik II ab. Dann folgte die Aargauerin ihrer Liebe nach Berlin. Inzwischen unterrichtet Roelcke an zwei Musikschulen Klavier. An der Westerlandschule arbeitet sie zudem bei Projekten im Bereich Musiktheater, mobile Musikwerkstatt und Flüchtlinge mit. Diese Vielfalt mit Unterricht, Projektarbeit und selber Musik machen ist es, die Karolin Roelcke in der Grossstadt Berlin so gut gefällt und sie auch inspiriert.

Über das Unternehmerinnenzentrum «Weiberwirtschaft», wo ihre Ehefrau die Werbeagentur «Agentur 33» betreibt, lernte Roelcke die gebürtige Ostdeutsche Caspar Gutsche kennen, die da als Haushandwerkerin tätig ist. Die 56-Jährige brachte von einem früheren Musik-Kabarett-Duo schon viel Erfahrung in der Kleinkunstszene mit. «Caspar und ich sind sehr unterschiedlich. Daraus ergibt sich viel spielerisches Potenzial», erzählt Karolin Roelcke begeistert. Während Caspar, die alle Texte selber schreibt und singt, als Diva mit der grossen Schnauze auftritt, schlüpft Karolin in die Rolle der eingewanderten Schweizerin, welche die Berge vermisst und Skipisten-Markierungen sammelt. Roelcke komponiert die passende Musik zu Caspars Texten, begleitet auf dem Klavier und singt mit. Der Name Loosefit bezieht sich auf einen Modeschnitt bei Jeans, der nicht so eng anliegt, und wie die beiden Frauen locker und lässig daherkommt. Im Frühling 2016 nahm das Duo die erste CD «Gerne wieder» auf. Als Gast leistete auch Moritz Roelcke mit seiner Klarinette einen Beitrag. Mit dem Lied «Die Hoffnung stirbt im Netz» ist Loosefit letztes Jahr in der Liederbestenliste auf Platz 9 der Top 20 der deutschsprachigen Liedermacher gelandet. Das Stück dreht sich um die Schattenseiten des Internets.

Will in der Schweiz Fuss fassen

Diesen Sommer nehmen Loosefit die zweite CD auf, was nicht zuletzt dank dem Berliner Frauenpreis 2018 möglich ist. Preisträgerin Christine Vogler hat sich entschieden, das Preisgeld für das CD-Projekt ihrer Lebenspartnerin Caspar Gutsche zur Verfügung zu stellen. Somit profitiert dieses Jahr auch eine Aargauerin von dieser Auszeichnung, die seit 1987 an weibliche Persönlichkeiten der Stadt Berlin vergeben wird. Zudem planen Loosefit im Herbst mit dem neuen Programm mehrere Auftritte in der Schweiz. Sicher im Kino Meiringen, vielleicht im Kleintheater Luzern und wenn möglich im Raum Baden/Brugg. Das kreative Frauen-Duo ist offen für weitere Auftrittsmöglichkeiten. «Wir möchten uns auf jeden Fall weiterentwickeln, noch professioneller werden und vermehrt an Kleinkunstwettbewerben teilnehmen», so Roelcke zur musikalischen Zukunft.

Die Remigerin schätzt die vielen Möglichkeiten und das im Vergleich zur Schweiz grössere Publikum in Deutschland. Wird sie in Berlin bleiben? «Nein, nicht unbedingt. Meine Frau und ich können uns vorstellen, in etwa zwei Jahren in die Schweiz zu ziehen», sagt die Pianistin. «Einerseits vermisse ich meinen engsten Freundeskreis und andererseits ist das Lohnniveau in der Schweiz doch deutlich höher. Wenn ich in Berlin ein Kind während einer halben Stunde pro Woche am Klavier unterrichte, bekomme ich dafür 30 Euro pro Monat.»

www.loosefit.berlin