«So schön!» Schreien ist nicht die Sache der Bruggerinnen und Brugger – schon gar nicht am Rutenzug. Aber wenn sich das Wetter derart kaiserlich gebärdet wie gestern, lässt man diese Worte – ohne jede Bedeutungsschwere – bereits im frühmorgendlichen Small talk geniesserisch auf der Zunge zergehen. Dass jeder Rutenzug der schönste ist, versteht sich, selbst wenn er im Regen (wie schon passiert) zu ertrinken droht.

Begonnen hat der gestrige Festtag zu unüblich: nämlich nicht mit den traditionellen elf Böllerschüssen (für jeden Bezirk im Aargau), sondern mit zwölf. «Der letzte», sagt ein sichtlich bewegter Stadtammann Daniel Moser, «galt Werner Guhl». Der Bürgermeister aus Rottweil, der deutschen Partnerstadt von Brugg, war am vergangenen Sonntag überraschend im Alter von 58 Jahren gestorben. Werner Guhl liebte das Brugger Jugendfest: Erst vor zwei Jahren hatte er eine allseits begeisternde Rede an der Morgenfeier gehalten.

Kunstvolle Dekoration

Zurück zum Rutenzug. Ringsum wird die festliche Dekoration mit ihren rot-weissen, kunstvoll gedrehten Papierblumen und den prachtvollen Kränzen gerühmt. Tatsächlich leuchten die Farben in diesem heissen, prallen Sommer derart intensiv, dass sie die Zuschauer blenden. Man kann sich kaum losreissen von diesem Anblick, doch jetzt steht das Wichtigste an: der Rutenzug. Die Fans gehen in Stellung. Wo erzielt man in der Altstadt die besten Schnappschüsse? Hier ... und schon geht es pünktlich um 8.45 Uhr mit dem Hochschiessen der Wasserfontäne im Erdbeeribrunnen los.

«Jöö» feiert Hochkonjunktur

Trommelwirbel, Marschmusik, Glockengeläut: Der Zug setzt sich mit der Jugendmusik Brugg an der Spitze in Bewegung. Hinter ihr folgt das, was Eltern und Grosseltern auch in diesem Jahr selig lächeln lässt: Kinder, Kinder, Kinder. Buben und Mädchen – diese mit entzückenden Blumenkränzchen im Haar – ganz in Weiss gekleidet. Kinderhände umklammern gefaltete Papierrondellen in leuchtendem Orange-Gelb, Grün, Rot oder Blau-Weiss. Der Zusammenklang der Farben ist derart hinreissend, dass die Zuschauer spontan applaudieren. Nicht verwunderlich, feiert das Wörtchen «Jöö» Hochkonjunktur an diesem Tag.

«Was ist für euch das Schönste am Jugendfest?» Ausschnitte aus der Festrede. Und natürlich: Das Bruggerlied.

«Was ist für euch das Schönste am Jugendfest?» Ausschnitte aus der Festrede. Und natürlich: Das Bruggerlied.

Was wäre ein Rutenzug ohne seine speziellen Gäste – in diesem Jahr aus Schinznach-Bad – sowie die vielen Protagonistinnen und Protagonisten der Musikgesellschaften und -vereine aus nah und fern. Man hört ihnen allen gerne zu; im Hinblick auf das nur alle drei Jahre in Brugg gastierende Spiel der Kantonspolizei Aargau erst recht. Erneut brandet Applaus auf – auch das ist kein Wunder, fesseln die Musiker mit ihrem gepfefferten Rhythmus doch im Handumdrehen das Publikum.

Warm wird einem dabei, was aber zum Rutenzug gehört. Insbesondere dann, wenn der Blick auf die Jugendlichen fällt, die lange Haselruten tragen. Welch ein Bild! Es ist, als ob sich ein ganzer Wald die Altstadt hinauf bewegte. «Das ist Shakespeares ‹Sommernachtstraum›», geht es der Besucherin durch den Kopf – und sie überlegt sich, welche Brugger und Bruggerinnen welche Rollen in einem erst noch zu schreibenden Theaterstück namens «Rutenzug» übernehmen könnten.

An Hinguckern mangelt es nicht

Die Gedankenspiele machen Spass, wenn man sich einige der Umzugsteilnehmer vergegenwärtigt. Beispielsweise den Brugger Einwohnerratspräsidenten Jürg Baur im eleganten, figurbetonenden Gehrock oder den Brugger Stadtrat Reto Wettstein im Frack, mit bordeauxroter Krawatte und hellem Zylinder.

Und was tragen die Damen? Weiss, aber auch andere helle Farben; vor allem aber luftige Kleider, die zum Hochsommer passen. Hüte? In diesem Jahr weniger als auch schon. Schuhe? Weniger ausgefallene als bequeme. Verständlich, schliesslich sind die Temperaturen schon am Morgen hoch – da ist bequemes Schuhwerk mit Platz für die Füsse gefragt. Wie auch immer: An Hinguckern mangelt es nicht. Schauen will man immerzu. Doch da ist alles nach einer halben Stunde vorbei. Von wegen. Jetzt spute sich, wer kann: Denn nun steht die Morgenfeier an.

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