Windisch

So geht die Psychiatrie mit Angriffen von Patienten um

Auf der forensischen Abteilung (im Bild) ist bereits ein interner Sicherheitsdienst im Einsatz.

Auf der forensischen Abteilung (im Bild) ist bereits ein interner Sicherheitsdienst im Einsatz.

Verschiedene Massnahmen sollen die Sicherheit der Mitarbeitenden der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) garantieren – neu wird der interne Sicherheitsdienst per Herbst auf die ganze Klinik ausgeweitet.

«Patient der Psychiatrischen Klinik rastet komplett aus», titelte diese Zeitung kürzlich einen Artikel über einen Gerichtsfall am Bezirksgericht Brugg. Hintergrund: Ein Patient der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) in Windisch bedrohte eine Mitarbeiterin und mehrere Polizisten massiv. Der Mann ist ausgerastet, musste von der Polizei mittels eines Tasers unter Kontrolle gebracht werden.

Im Alltag kommt es in der Psychiatrischen Klinik hin und wieder zu bedrohlichen Situationen, bei denen die Polizei hinzugezogen werden muss. «Unsere Mitarbeitenden machen einen anspruchsvollen Job, der manchmal auch gefährlich sein kann», sagt Chefarzt Wolfram Kawohl, der die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie leitet.

Doch was löst ein solcher Angriff, sei er physisch oder verbal, bei den Mitarbeitenden aus? Wie versuchen die PDAG, diese zu verhindern? Und wie oft kommt ein solcher Angriff überhaupt vor? Chefarzt Wolfram Kawohl und Aline Montandon, Leiterin des Bereichs Pflege, Fachtherapien und Sozialdienst (PFS), klären auf.

Kawohl sagt, dass auf 900 Patienten ein körperlicher oder schwerer verbaler Angriff kommt. «Trotz steigender Patientenzahlen stagnieren die Zahlen von solchen Vorkommnissen aber», ergänzt er. Verharmlosen will er die einzelnen Übergriffe keinesfalls. «Mir ist wichtig, zu betonen, dass jeder einzelne Fall einer zu viel ist. Wenn es passiert, dann ist es gravierend.» Montandon ergänzt: «Für jede Fachperson ist das etwas Schlimmes.»

Eine Richtlinie, ab wann ein solcher Angriff verzeigt wird, gibt es intern nicht. Diejenigen Fälle, die vor Gericht landen, enden meist damit, dass die beschuldigte Person aufgrund ihrer psychischen Erkrankung schuldunfähig ist. Primär geht es bei der Anzeige aber nicht darum, darauf zu hoffen, dass die betroffenen Patienten bestraft werden, sondern, dass das Gericht eine Massnahme anordnen kann. «So gibt es die Chance, die Person zu behandeln», sagt Kawohl.

Umgang ist individuell

Montandon und Kawohl haben in ihrer Karriere persönlich schon solche Angriffe erlebt. Wie das Fachpersonal damit umgeht, sei sehr individuell, gibt Montandon zu bedenken. Sie selber wollte nach dem Vorfall sofort wieder arbeiten. Kawohl, der massiv bedroht wurde, fühlte sich in dem Moment von seinem beruflichen Umfeld getragen. Zudem wurde der Patient verlegt.
Montandon sagt, dass es von Person zu Person unterschiedlich ist, was als Übergriff empfunden wird. Daher sei es wichtig, keinen der Fälle zu ignorieren. Und: «Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu Präsentismus kommt.» Heisst: Die Mitarbeitenden sollen erst wieder zur Arbeit kommen, wenn sie sich bereit dazu fühlen. «Uns ist es wichtig, dass unsere Leute gesund bleiben.»

Intern führen die PDAG ein zweistufiges Meldewesen, was Teil des Qualitätsmanagements ist. Zur unteren Stufe gehören kritische Situationen, in der zweiten Stufe erfasst werden aussergewöhnliche Ereignisse, darunter verbale oder körperliche Angriffe. Sämtliche Mitarbeitenden, von den Praktikanten bis in die Chefetage, haben Zugang zum System. Sich zu melden, soll möglichst einfach sein. Sämtliche Fälle werden zudem den Vorgesetzten, der Abteilung Human Resources sowie der Versicherung gemeldet. Ein Debriefing findet statt, wenn es der Mitarbeitende wünscht. «Selten ist das am gleichen Tag», sagt Kawohl. «Wir wollen diesbezüglich nichts aufzwingen und stellen es den Mitarbeitenden frei, ob sie intern oder extern über den Fall sprechen möchten.» Letztlich geht es darum, dass die Mitarbeitenden wieder angstfrei arbeiten können.

Weiter steht den Mitarbeitenden ein Care-Team zur Verfügung. Rund um die Uhr ist jemand auf Pikett. Das Team setzt sich aus den verschiedenen Berufsgruppen einer psychiatrischen Klinik zusammen. In einem Ethikforum, das regelmässig stattfindet, können zudem belastende Situationen vor- als auch nachbesprochen werden.

Schulungen zeigen Wirkung

Um Angriffen von Patienten vorzubeugen, haben die PDAG inzwischen auf der forensischen Abteilung einen internen Sicherheitsdienst eingesetzt. Dieser wird ab Herbst auf den restlichen Teil der Klinik ausgeweitet. Gleichzeitig wird weiterhin der Aufbau des zunächst auf Frühsommer 2019 angekündigten mobilen Interventionsteams geprüft.

Weiter finden angepasste Schulungen des Personals statt. Diese sollen bewirken, dass das Personal noch früher allfällige Gefahrensituationen erkennt. Bisher war eine Person für die Schulungen zuständig, nun kommt eine weitere dazu. «Die Resonanz auf die Schulungen ist gut», sagt Kawohl.

Zu den meisten Vorfällen kommt es übrigens auf den Akutstationen. Auch, weil die PDAG Aufnahmepflicht haben. Zudem werden schweralkoholisierte Menschen dort eingeliefert. Trotz steigender Fallzahlen, mehr Schwerkranken und weniger freiheitsbeschränkenden Massnahmen ist es den PDAG gemäss eigenen Aussagen gelungen, die Angriffe auf das Personal auf tiefem Niveau zu halten.

Der Kommentar: Die Klinik trifft die richtigen Entscheide

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