Die Stadt Brugg hat noch vor sich, was die Partnerstadt Rottweil (D) längst hinter sich hat: Gemeindezusammenschlüsse. Nach Lauffohr und Umiken strebt Brugg nun auch eine Fusion mit Schinznach-Bad an. Wobei Fusion für die einen oder anderen nicht das richtige Wort ist. Die Deutschen haben dafür einen treffenderen Ausdruck: Eingemeindung.

Die Stadt Rottweil – Brugg pflegt seit 103 Jahren die Partnerschaft mit der ältesten Stadt Baden-Württembergs – gliederte seit 1939 sieben Gemeinden ein: Die Gemeinde Bühlingen stiess im Jahr 1939 zu Rottweil. Dann dauerte es, bis die nächste Gemeinde dazu kam. Am 1. Dezember 1971 wurde Hausen ob Rottweil eingemeindet. Am 1. März 1972 folgte Feckenhausen, am 1. Oktober 1972 Göllsdorf, am 1. Januar 1973 Neukirch, am 1. Januar 1974 Zepfenhan und schliesslich am 1. Januar 1975 als bis anhin letzte Gemeinde Neufra. Weitere Eingemeindungen der Stadt Rottweil stehen zurzeit nicht an.

Bau des Aufzugstestturms im Zeitraffer (bis 244,1 Meter)

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Der Einfluss ist grösser geworden

Befürchtungen, wie sie bei Fusionen immer geäussert werden – beispielsweise, dass die kleinere Gemeinde ihre Selbstständigkeit aufgeben muss, dass die Identität verloren geht oder politisch weniger ausgerichtet werden kann, gab es auch in Rottweil. Heute sagt Tobias Hermann, Sprecher der Stadt Rottweil: «Die ursprüngliche Befürchtung, dass die Stadtteile durch die Eingemeindung ihre Selbstständigkeit aufgeben und an Bürgernähe verlieren, ist nicht eingetroffen.» Mit der Ortschaftsverfassung – also Ortsvorsteher, Ortschaftsrat und Ortsverwaltung – sei gewährleistet, dass die Stadtteile eine Verwaltung vor Ort haben und sich auch eine gewisse Eigenständigkeit bewahren. Im politischen System kam es zu Änderungen. «Nach der Gebietsreform in den 1970er-Jahren wurden in vielen Gemeinden in Baden-Württemberg zunächst die sogenannte unechte Teilortswahl eingeführt», führt Hermann aus. «Demnach hatten eingemeindete Ortschaften einen bestimmten Anteil Sitze im Gemeinderat.» Dies habe jedoch zu sehr grossen Gremien geführt. Nachdem die Integration der Teilorte fortgeschritten war, schafften viele die unechte Teilortswahl wieder ab, so auch Rottweil. «Es gibt heute keine Regelung mehr, wie viele Mitglieder aus der Kernstadt und wie viele aus den Stadtteilen kommen dürfen», sagt Hermann. «Die Wahlen in den Gemeinderat sind reine Persönlichkeitswahlen; der Wohnort im Stadtgebiet spielt keine Rolle.»

Markttreiben in Rottweil.

Markttreiben in Rottweil.

Ein weiterer Vorteil von Fusionen ortet Hermann darin, dass alle Gemeinden von den Synergien der grösseren Einheit profitieren würden. «Sei es durch die Aufgabenbündelung oder durch die räumliche Konzentration von Infrastruktureinrichtungen». In den letzten 40 Jahren seien Rottweil und die eingemeindeten Dörfer zu einer Gesamtstadt zusammengewachsen. Dadurch habe sich die Bedeutung der Stadt in der Region vergrössert.
Trotzdem gibt es in Rottweil heute noch kritische Stimmen zu den Eingemeindungen. Hört man sich auf dem gut besuchten Samstagsmarkt um, schnappt man Wörter wie «Original-Rottweiler» oder Sätze wie «die Stadt Rottweil ist heute so aufgebläht» auf. Dazu sagt Hermann: «Die Integration der Stadtteile ist unseres Erachtens nach unter Wahrung der eigenen Identität der Ortsteile gelungen.» Natürlich würden sich die Menschen nach wie vor mit ihrem Teilort identifizieren. «Und das ist auch gut so. Die Ortschaften», fährt Hermann fort, «haben sich ihren dörflichen Charakter und ihre Vereinsstruktur bewahrt.» Das soll auch so sein. «Es erscheint uns wichtig, dass die Stadtteile trotz Eingemeindung eine gewisse Eigenständigkeit und ihre Identität als Ortschaft bewahren können», führt der Mediensprecher aus.

Den Vorwurf, dass die Aussengemeinden nichts zu sagen hätten, weist Hermann zurück. «Es besteht nach unserer Einschätzung auf allen Ebenen ein gutes Miteinander. Auch haben unsere Stadtteile nach wie vor einen eigenen Verantwortungs-, Gestaltungs- und Handlungsspielraum.» Zudem sei die Verwaltung sehr schlank gehalten.

Was bedeutet für Sie Heimat? Können Sie verstehen, dass bei Fusionen Angst vor einem Identitätsverlust aufkommt?

Zwei Gemeinden wollten raus

Zu politischen Turbulenzen, beziehungsweise sogar Bestrebungen, die Eingemeindung rückgängig zu machen, gab es von zwei Gemeinden (Neukirch und Zepfenhan). Dies, weil ein neues Gefängnis in unmittelbarer Nähe gebaut werden sollte. «Dieser Konflikt ist mittlerweile aber beigelegt, nachdem ein anderer Standort gefunden wurde», sagt Tobias Hermann.