Barbara Horlacher
«Sinkende Steuereinnahmen sind ein bekanntes Problem» – Bruggs Stadtammann im grossen Interview

Bruggs Stadtammann Barbara Horlacher spricht im Interview unter anderem über das Coronajahr, den budgetlosen Zustand, die «Alte Post» und eine Kandidatur zur Wiederwahl.

Claudia Meier
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Barbara Horlacher (49, Grüne) ist seit Januar 2018 die erste Frau Stadtammann von Brugg.

Barbara Horlacher (49, Grüne) ist seit Januar 2018 die erste Frau Stadtammann von Brugg.

Sandra Ardizzone

Was hat das Coronajahr mit Ihnen persönlich gemacht?

Barbara Horlacher: Die Pandemie hat mich unvermittelt und unvorbereitet getroffen. Ich konnte mir so etwas vor einem Jahr noch nicht vorstellen. Es zeigte mir, wie verletzlich unsere Gesellschaft und unser System sind. Und ich staune, wie vieles plötzlich möglich ist, im Digitalbereich oder in Sachen Solidarität. Das macht Mut und stimmt mich zuversichtlich.

Sie leiden also nicht direkt unter der Krise?

Ich schätze mich glücklich, dass ich persönlich recht wenig betroffen bin. Ich habe keine wirtschaftlichen Sorgen und auch keine schweren Coronafälle im direkten Umfeld. Das Jahr hat mich aber viel Energie gekostet durch die dauernde Unsicherheit und das Abwägen von Risiken. Jetzt habe ich über die Festtage ein paar ruhige Tage.

Was hat dieses Jahr mit der Stadt Brugg gemacht?

Wir mussten lernen, trotz Abstandhalten näher zusammenzurücken. Vor allem im Frühling im ersten Lockdown. Die Akzeptanz, sich an die Regeln zu halten, war gross. Man lamentierte nicht, sondern suchte Wege, um mit der neuen Situation fertig zu werden. Ich habe aber Respekt vor den wirtschaftlichen Auswirkungen, die das Coronajahr haben kann. Was passiert mit der Kultur, mit dem Gewerbe und mit der Gastronomie? Ich mache mir auch Sorgen, dass es vor allem die trifft, die schon zuvor nicht viel hatten.

Spüren Sie Auswirkungen auf die Gesellschaft?

Wir haben noch nicht gemerkt, dass die Sozialhilfefälle zunehmen würden. Doch in der Gesellschaft fehlt der Austausch. Spontane Begegnungen an Grossanlässen wie dem Jugendfest waren nicht möglich. Gerade auch im politischen Umfeld wäre dieser Austausch wichtig, damit wir einander besser verstehen und aus unserer eigenen Welt rauskommen.

Wenn Sie auf dieses Jahr zurückblicken: Auf was sind Sie besonders stolz?

Wir konnten die Verwaltung und den Politbetrieb das ganze Jahr aufrechterhalten. Das freut mich und darauf bin ich auch etwas stolz. Es erforderte viel Flexibilität von allen Seiten. Dazu kam der Stellenantritt unseres neuen Stadtschreibers Matthias Guggisberg. In der Stadtverwaltung hatten wir bisher keine Corona-Erkrankung. Die Stadtratssitzung hielten wir digital oder mit viel Abstand ab.

Was ist sonst noch gelungen?

Der Zusammenschluss mit der Gemeinde Schinznach-Bad ab dem 1. Januar war erfolgreich. Wir konnten dort Tagesstrukturen aufbauen, kombiniert mit einer Kita. Auch die Neuorganisation der Feuerwehr funktioniert. Wir haben die Zertifizierung für das Energiestadtlabel geschafft. In Zusammenarbeit mit der IBB wurde die neue Weihnachtsbeleuchtung innert kurzer Zeit realisiert, was die Leute freut. Neu sind wir mit Baden in einem Bildungsnetzwerk vereint. Der Abschluss der Stadtmuseumssanierung war für mich sehr schön. Ich freute mich auch über das Alternativprogramm Jugendfest(t)raum, das unser designierter Jugendfestredner Urs Augstburger zusammen mit vielen weiteren Beteiligten realisiert hat. Trotz Coronakrise fanden die Literaturtage statt. Es war also nicht einfach nichts.

Die Einwohnergemeinde startet ohne Budget ins 2021: Eine spezielle Ausgangslage für eine reiche Stadt mit knapp 90 Millionen Franken Nettovermögen und einem unveränderten Steuerfuss von 97%. Welche Rolle spielt hier Corona?

Erklärt im Interview unter anderem, warum es neue Schalteröffnungszeiten gibt: Barbara Horlacher.

Erklärt im Interview unter anderem, warum es neue Schalteröffnungszeiten gibt: Barbara Horlacher.

Sandra Ardizzone

Corona prägte die Budgetierung sehr stark. Nachdem der Einwohnerrat das überarbeitete Budget im zweiten Anlauf gutgeheissen hat, sind wir zuversichtlich, dass das Stimmvolk am 24. Januar an der Urne auch Ja sagt. Ab Februar sollten wir wieder klare Rahmenbedingungen haben. Sinkende Steuereinnahmen und steigende Ausgaben sind ein Problem, das dem Stadtrat bekannt ist. Wir brauchen eine Strategie, um das zu beheben und mittelfristig zu einem ausgeglichenen Budget zu kommen. 2021 müssen wir diese Thematik angehen.

Aktuell entstehen auf dem Einkaufszentrum Neumarkt Wohnungen. Doch auf dem Platz passiert weiterhin nichts. Wo klemmt es?

Wir sind an der Erarbeitung einer Einwohnerratsvorlage, um einen Kredit für ein Vorprojekt zu beantragen. Das Geschäft sollte in der ersten Hälfte 2021 in den Rat kommen. Dass es länger dauert als geplant, hat mit den Ressourcen bei Planung und Bau sowie der Prioritätensetzung des Stadtrats zu tun.

Sind die knappen Personalressourcen der Grund, dass die Schalteröffnungszeiten ab 2021 angepasst werden?

Bisher hatten wir sehr lange Schalteröffnungszeiten. Dass wir diese jetzt angepasst haben, dient einerseits dazu, dass man sich innerhalb der Verwaltung besser organisieren kann. Andererseits ist es eine Reaktion auf ein geändertes Kundenverhalten. Grundsätzlich nehmen die Schalterbesuche ab, weil es mehr digitale Angebote gibt. Die Verwaltung arbeitet auch diese Woche. Am 31. Dezember sind unsere Schalter von 8 bis 12 Uhr geöffnet.

Das Regionale Gesamtverkehrskonzept Ostaargau (Oase) hat die Bevölkerung 2020 stark beschäftigt und wird uns auch im neuen Jahr begleiten. Macht es Sinn, im Landwirtschaftsgebiet und neben der Auenschutzzone eine neue Strasse im Richtplan festzusetzen, ohne dass auch in der Region Siggenthal eine Lösung in Sicht ist?

Das regionale Gesamtverkehrskonzept Ostaargau (Oase) dargestellt.     

Das regionale Gesamtverkehrskonzept Ostaargau (Oase) dargestellt.     

zvg

Die Oase ist ein kantonales Projekt. Als Nächstes muss der Grosse Rat über den Richtplaneintrag entscheiden. Der Stadtrat konnte im Vorfeld erwirken, dass die Zentrumsentlastung mit Tunnel geschieht und nicht über eine oberirdische Aarequerung. Wir werden uns weiterhin für eine umwelt- und siedlungsverträgliche Umsetzung einsetzen, bei der alle Verkehrsträger und Regionen involviert sind. Das heisst, der Badener und Brugger Ast müssen gemeinsam weiter geplant und realisiert werden.

Als Grüne erfahren Sie nicht nur bei der Oase Widerstand aus den eigenen Reihen, sondern auch bei der Überbauung «Alte Post» für die zentralisierte Verwaltung. Wie steht es damit?

Vorausschicken möchte ich, dass ich als Stadtammann Entscheide des Gesamtstadtrats vertrete. Anfang Jahr verabschiedete der Stadtrat die Gestaltungspläne, welche die Grundlage für die weiteren Planungsarbeiten bilden. Dagegen gab es zwei Beschwerden, vom Aargauer Heimatschutz und von einer privaten Gruppierung. Solange diese nicht behandelt sind, ist das Projekt blockiert. Der Schriftenwechsel zwischen den verschiedenen Parteien scheint jetzt abgeschlossen. Wir sind zuversichtlich, dass von Seiten des Kantons der Beschwerdeentscheid bald kommen wird. Wegen der Beschwerden ist es schwierig, einen Zeitplan für das weitere Vorgehen zu definieren.

Welche Projekte kann die Brugger Bevölkerung im neuen Jahr erwarten?

Beispielsweise soll ein Teil der öffentlichen Abfallsammelstellen auf Unterfluranlagen umgestellt werden. Mit einem 1:1-Modell kann hinter dem Salzhaus in der Hofstatt eine neue Treppenanlage mit Sitzgelegenheiten ausprobiert werden. Und für das Projekt «Stadtraum Bahnhof Brugg Windisch» wird ein Kredit für erste Planungsschritte beantragt. Beschäftigen wird uns 2021 nach dem Volksentscheid zur Abschaffung der Schulpflege auch die Umsetzung der neuen Führungsstrukturen in der Volksschule.

Was hätten Sie der Brugger Bevölkerung in Ihrer Neujahrsansprache gewünscht?

Horlacher möchte bleiben: «Ich habe immer noch Freude am Amt»

Horlacher möchte bleiben: «Ich habe immer noch Freude am Amt»

Sandra Ardizzone

Zuerst hätte ich Danke gesagt, dass die Gesellschaft in dieser schwierigen Zeit funktioniert hat. Ich danke der Bevölkerung für ihre Solidarität und Disziplin, aber auch für ihre Kreativität, dank der wir trotz Einschränkungen immer wieder Momente der Freude erleben durften. Ich wünsche allen für 2021 Gesundheit und Optimismus und hoffe, dass wir zu einer gewissen Normalität zurückkehren und uns wieder ungezwungen und persönlich begegnen können.

2021 finden Gesamterneuerungswahlen statt: Treten Sie als Frau Stadtammann zur Wiederwahl an?

Ja, ich habe immer noch Freude am Amt und an den Herausforderungen, die dieses mit sich bringt.

Wird es im Stadtrat Vakanzen geben?

Diese Frage müssen Ihnen meine Stadtratskollegen beantworten. Ich kann nur für mich persönlich sprechen.