Tiefenlager
Sind die Würfel für den Bözberg schon gefallen?

Ein internes Planungspapier der Nagra nennt bereits die Standorte für die Tiefenlager. Darunter ist auch der Aargauer Bözberg. Ist nun schon alles entschieden?

Urs Moser
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Seismische Messung der Nagra in Dättwil: Alles nur Show?

Seismische Messung der Nagra in Dättwil: Alles nur Show?

AZ

Ein vertrauliches Planungspapier vermittelt den Eindruck, der Standortentscheid zum Tiefenlager für radioaktive Abfälle sei längst vorgespurt. Die Nagra dementiert, für die Tiefenlager-Gegner hingegen ist das Dokument der Beweis, dass das Mitwirkungsverfahren eine Alibi-Übung ist.

Bözberg als Standort gesetzt?

Die Aktennotiz, die ein Szenario der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) aufzeigt, wurde von der «SonntagsZeitung» publik gemacht. Das Papier scheint hoch brisant zu sein. Der Bundesrat hatte vergangenen November entschieden, dass für die Standortwahl für ein Tiefenlager sechs infrage kommende Regionen weiterverfolgt und in einem aufwendigen Verfahren untersucht werden, worauf der Bundesrat dann frühestens 2014 die Auswahl weiter eingrenzen und zwei Standorte von der Liste streichen würde.

Das Nagra-Papier zeigt nun aber bereits ein «Bohrprogramm» auf, das den Beschluss des Bundesrates vorwegnimmt: Demnach würden die Regionen Wellenberg (OW/NW) und Jurasüdfuss (AG/SO) für ein Atommülllager ausser Betracht fallen. Die weitere Untersuchung der Standorte Nördlich Lägern (AG/ZH) und Südranden (SH) würde demnach nach ersten Bohrungen gestoppt. Nach weiteren Bohrungen würden Rahmenbewilligungsgesuche für ein Lager für hoch radioaktive Abfälle in der Region Zürich Nordost und ein Lager für schwach- und mittelaktive Abfälle in der Region Jura-Ost (Bözberg) eingereicht.

Die Nagra dementierte umgehend. Sie gehe ihre Arbeiten ergebnisoffen an, es gebe keine Vorfestlegung von Standorten, oberste Priorität hätten Sicherheit und technische Machbarkeit. Laut Nagra beschreibt die publik gewordene Aktennotiz ein mögliches Szenario und nicht die effektive Planung, wie sie gestern in einer Stellungnahme verlauten liess. Sie hat auch eine Begründung auf Lager, weshalb im «internen Nagra-Arbeitspapier» der Bohrplan nicht modellhaft, sondern mit den realen, infrage kommenden Standorten beschrieben wird: Es gehe auch darum die Kosten der Tiefenlagerung zu berechnen, und konkrete Kosten liessen sich nur anhand konkreter Szenarien an konkreten Orten ermitteln. Ein realistisches Referenzszenario lege aber noch nicht das zukünftige Vorgehen fest.

Verfahren erscheint als Alibiübung

SP-Grossrätin Elisabeth Burgener glaubt der Nagra schlicht nicht. Für die Co-Präsidentin des Vereins Kaib (Kein Atommüll im Bözberg) bestätigt das publik gewordene Papier nur, dass das Evaluationsverfahren für die Tiefenlager-Standorte der Politik entglitten ist und die Nagra die absolute Hoheit hat. Es sei schon früher durchgesickert, dass Zürich Benken und der Bözberg favorisiert werden. Das Nagra-Papier sei deshalb keine Überraschung, aber: «Es ist gut, dass das jetzt aufgedeckt wird. Ich hoffe, das öffnet der Bevölkerung die Augen», so Burgener. Beim Verein Kaib ist man mit dem Problem mangelnder Resonanz für seine Tiefenlager-Opposition konfrontiert. Die potenziellen Standortgemeinden für eine Oberflächenanlage, wo der Atommüll zur Endlagerung vorbereitet würde, verhalten sich moderat oder signalisieren zum Teil sogar Bereitschaft, eine solche Anlage zu übernehmen, sollte sich der Standort Bözberg tatsächlich als am geeignetsten herausstellen. Im Bericht der «SonntagsZeitung» über das Nagra-Planungspapier hiess es denn auch prompt: «In der Region Jura-Ost ist kein Widerstand gegen ein Lager erkennbar.»

Burgener fordert nun, dass der Regierungsrat klarer als bisher Stellung bezieht. Das hat die Schaffhauser Regierungspräsidentin Ursula Hafner in der «SonntagsZeitung» getan: Das Papier liefere einen «weiteren Hinweis auf die Voreingenommenheit der Nagra» und stelle die Bemühungen im Partizipationsprozess ernsthaft infrage. «Diese Bürger müssen sich verschaukelt vorkommen», meinte sie zum Engagement in den Regionalkonferenzen.

Es werde der Verdacht geschürt, dass es um eine reine Alibiübung geht, kritisiert auch die Regionalkonferenz der Region Nördlich Lägern, die vermeintlich bereits aus dem Rennen ausgeschieden ist. «Wir haben die aufwendige und belastende Arbeit auf uns genommen im Vertrauen darauf, dass für die verantwortlichen Bundesbehörden das Resultat ergebnisoffen ist», so Präsident Hanspeter Lienhart. Aus dem Departement von Regierungsrat Peter Beyeler hiess es, man nehme keine Stellung, bevor man offiziell von der Nagra über die internen Papiere informiert werde. Grundsätzlich wolle man kein Tiefenlager im Aaragu, sei aber gewillt, weiterhin konstruktiv in einem «transparenten und ergebnisoffenen Findungsprozess» mitzuarbeiten.»