Windisch

Sie zieht die Bühne dem Stricken vor: «Das Theater hält mich fit und aktiv»

Die 79-jährige Marlies Nauer lebt seit Geburt in Windisch. Hier trat sie vor 14 Jahren der Theatergruppe Herbschtrose bei.

Die 79-jährige Marlies Nauer lebt seit Geburt in Windisch. Hier trat sie vor 14 Jahren der Theatergruppe Herbschtrose bei.

Die Windischerin Marlies Nauer ist die älteste Schauspielerin der Seniorentheatergruppe Herbschtrose. Ans Aufhören denkt sie aber noch lange nicht.

Die Seniorin wartet vor dem katholischen Kirchenzentrum St. Marien in Windisch. Schnellen Schrittes geht sie voran ins Gebäude, in dem die Theatergruppe Herbschtrose jeweils probt. Auf der Bühne steht die Kulisse fürs aktuelle Stück «D Geischter vom Lindehof» bereit.

Es bleibt etwas Zeit, bevor die anderen Gruppenmitglieder zur Probe eintrudeln. Auf dem Tisch steht eine Flasche Rosé. Der saure Tropfen wird im Lustspiel von der Magd Annekäthi aufgetischt, gespielt von Marlies Nauer. Die Flasche enthält Sirup, wie Nauer verrät. Die Seniorin wirkt seit 14 Jahren bei der Theatergruppe Herbschtrose mit. Aktuell startet ihre 15. Saison. Mit 79 Jahren ist sie die älteste Spielerin auf der Bühne, ihren Auftritten ist das nicht anzumerken. Betritt Nauer die Bühne, strotzt sie vor Energie.

Turnverein, Reisen, Enkel: Langweilig wird es nicht

Nauer hatte fast jede Vorstellung der Herbschtrose besucht, bevor sie selbst Mitglied der Theatergruppe wurde. «Das Theater braucht Freude und Zeit. Es ist intensiv. Als ich angefangen habe, bin ich zuerst erschrocken.» Sie meldete sich kurz nach ihrer Pension, damals löste sich die Theatergruppe von Pro Senectute. Das hatte zur Folge, dass auch die Buchhaltung selbstständig geführt werden sollte. Nauer brachte Berufserfahrung als Sekretärin mit, was zu diesem Zeitpunkt sehr nützlich war. Seither übernimmt sie diverse Aufgaben.

Sie ist verantwortlich für die Terminabsprachen, kümmert sich um die Verträge mit den Aufführungsorten. Nauer ist bemüht, dass die Termine jeweils für alle Beteiligten passen. «Ich kenne viele Leute, das hilft bei der Organisation», sagt sie. Während der Pause in der Theaterprobe lässt die Windischerin eine Dankeskarte durch die Gruppe gehen, die von den Anwesenden unterschrieben wird.

Nauer geniesst die Abwechslung, die das Theaterspielen in ihren Alltag bringt. Aufgewachsen ist sie mit ihren drei Geschwistern in Windisch. Der Vater arbeitete im Kabelwerk, grosse Sprünge hätten sie nicht gemacht. Aber in den Sommerferien sei die Familie immer ins Tessin gefahren. Auch heute reist Nauer noch. Letztes Jahr besuchte sie ihren Sohn, der seit sieben Jahren in Kuala Lumpur und jetzt in Kuching in Malaysia eine Schreinerei führt. Zusammen erkundeten sie die Ost- und Westinsel.

Ihre Tochter Daria Nauer ist ehemalige Spitzensportlerin. In den 90er-Jahren war sie die stärkste Schweizer Langstreckenläuferin. «Mein Vater war schon Läufer. Das hat er an meine Tochter vererbt», sagt Marlies Nauer. Auch sie selbst scheint sportliche Gene zu haben. Mit 16 Jahren trat sie dem Damenturnverein bei, war dort später Präsidentin sowie Aktuarin. Im Frauenturnverein ist sie seit 30 Jahren Mitglied und war als Aktuarin, Präsidentin und Vizepräsidentin im Amt. Nebenbei schreibt sie für die Windischer Zeitung WiZ. «Ich bin immer ein wenig beschäftigt», sagt Nauer. Zum Beispiel, wenn sie zum «Tschutten» ihres 16-jährigen Enkels fährt. Umgekehrt besuchen die beiden Grosskinder ihre Theateraufführungen.

Die Seniorentheatergruppe «Herbschtrose» bei den Proben für ihr aktuelles Stück «D Geischter vom Lindehof»

Die Seniorentheatergruppe «Herbschtrose» bei den Proben für ihr aktuelles Stück «D Geischter vom Lindehof». Marlies Nauer mimt die Magd Annekäthi.

Die Freude beim Publikum motiviert für die Auftritte

Die Senioren der Herbschtrose spielen an jeder Vorstellung. «Ein Ausfall liegt nicht drin. Mir musste der Doktor auch schon etwas für meine Stimme geben, damit ich überhaupt auftreten konnte.» Ende der Saison merke man es ein wenig, sagt Nauer. Ihre Motivation ist aber die Freude, die sie dadurch zum Beispiel den Leuten im Altersheim machen könne. «Diese Freude gibt einem etwas zurück.» Zudem sei das Team gut. Schwierigkeiten in der Gruppe gebe es schon ab und zu. «Wir haben aber noch nie eine Schlägerei gehabt», sagt Nauer und lacht. Verschiedene Meinungen müssten akzeptiert werden.

Als Herausforderung bezeichnet Nauer das Auswendiglernen der Dialoge. «Ich decke die Passagen jeweils für mich ab und versuche, den Satz zu sagen. Die Textstelle sehe ich während der Vorstellung vor meinem inneren Auge. Ich weiss dann zum Beispiel, das steht zuoberst auf der Seite.» Als sie aus gesundheitlichen Gründen ans Aufhören dachte, riet ihre Tochter ihr davon ab. «Sie sagte, das Theater halte mich fit und aktiv, das Auswendiglernen sei gut für den Kopf», so Nauer. «Zudem ist der Winter schneller durch, als wenn ich zu Hause Socken stricke.»

Termine für die nächste Saison stehen schon fest

Meist tritt die Gruppe im Aargau auf. Am weitesten entfernt sei bisher die Aufführung in Unterengstringen gewesen. Die knapp 40 Auftritte in dieser Saison lägen an der oberen Kapazitätsgrenze. Nauer ist darum besorgt, dass nur drei Vorstellungen pro Woche stattfinden. Anfragen erhält die Gruppe sogar mehr.

«Ich werde im Frühling 80», sagt Nauer. «Irgendwann mögen wir alle nicht mehr.» Daher hält sie für die Herbschtrose Augen und Ohren nach neuen Senioren offen. Vorläufig ist es bei Nauer aber noch nicht so weit, der Rücktritt ist im Moment noch kein Thema. «Ich bin zufrieden. Klar gibt es Gebrechen, aber ich gebe mir Mühe und mache das, was möglich ist. Wenn man das akzeptiert, ist auch das Allgemeinbefinden besser.» Auf die Frage, ob sie Pläne für ihr Jubiläum habe, antwortet Nauer: «Ich feiere jeden Tag ein wenig. Man weiss ja nie.»

Nach der Saison geniessen Nauer und die Herbschtrose-Senioren die verdiente Pause. Aber nicht lange: Ab Juni starten die Vorbereitungen für die nächste Saison. Die Termine für 2020 stehen teilweise schon fest – dafür hat Marlies Nauer gesorgt.

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