Brugg

Sie überlässt ihrem Partner ihre Postcard – er räumt das Konto leer

Unmittelbar nach der Kartenübergabe hebt Marius 400 Franken von Tamaras Sparkonto ab.

Unmittelbar nach der Kartenübergabe hebt Marius 400 Franken von Tamaras Sparkonto ab.

Wenn eine Liebe vor Gericht landet: Die 41-jährige Tamara hatte ihrem ex-Freund ihre Kreditkarte ausgeleht. Diese kam aber nie zurück. Am Bezirksgericht Brugg treffen die beiden aufeinander.

«Ich habe ihm absolut vertraut», sagte die 41-jährige Tamara und meinte damit ihren Ex-Freund, den gleichaltrigen Marius (Namen geändert). Ein Vertrauen, das dieser so weit missbraucht hatte, dass die Angelegenheit ein Fall für die Justiz wurde. Erstmals sahen sich die beiden diese Woche am Bezirksgericht Brugg wieder, wo der Fall vor dem Gesamtgericht unter Vorsitz von Präsidentin Gabriele Kerkhoven verhandelt wurde. Tamara war es sichtlich unwohl, im selben Raum mit Marius zu sein. Auch er würdigte sie keines Blickes. Doch was war geschehen?

2016, einen Tag vor Heiligabend, suchte der Beschuldigte die Krankenschwester an ihrem Arbeitsort im Spital auf. Er habe sein Portemonnaie samt Bankkarte verloren und bat seine Partnerin um Bargeld. Da Tamara jedoch kein Bargeld auf sich hatte, übergab sie ihm die Postcard ihres Sparkontos und die PIN-Nummer dazu. Seit sechs Monaten waren die Zürcherin und der Aargauer damals ein Paar. «In einer Beziehung gehört es für mich dazu, dass man sich unterstützt», sagte Tamara im Prozess, wo sie als Privatklägerin auftrat.

Beschuldigter machte seiner Freundin falsche Angaben

Vereinbart hätten die beiden damals, dass er ihr die Karte zurückgibt, sobald er von seiner Bank eine Ersatzkarte erhalte und wieder an sein Geld komme. «Ich ging davon aus, dass er ein geregeltes Einkommen hat», sagte sie. Tatsächlich gab Marius sich vor seiner Freundin als erfolgreicher Architekt aus.

«Hat es sie nicht stutzig gemacht, dass er als Architekt angeblich nur ein Bankkärtchen hat?», fragte Gerichtspräsidentin Kerkhoven. Tamara wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Wovon der gelernte Zimmermann und selbst ernannte Künstler tatsächlich lebt, bleibt auch vor Gericht unklar. Seine Einnahmen betrügen monatlich zwischen 0 und 2000 Franken, sagte er. Sozialhilfe bezieht er jedoch keine.

Erhielt ihre Karte nie zurück

Auch über sein Privatleben hat Marius seiner Freundin nicht die Wahrheit gesagt. So wohnte er noch während der Beziehung mit Tamara mit seiner Ex-Partnerin und den drei gemeinsamen Kindern im Raum Brugg. Für den Unterhalt der drei Kinder würde seine Ex-Partnerin sorgen. Noch am Abend der Kartenübergabe bezog Marius auf dem Spitalgelände 400 Franken von Tamaras Sparkonto. Ihre Karte erhielt Tamara nie zurück. Ende März 2017 wurde sie von der Post darüber informiert, dass ihr Konto im Minus sei. Insgesamt waren über 13'000 Franken abgehoben worden. Die Zürcherin liess daraufhin ihr Konto sperren und stellte ihren Liebsten zur Rede. Es sollte das Ende der Beziehung sein. Was er mit dem Geld gemacht hat, konnte Marius vor Gericht nicht erläutern.

Betrügerisches Verhalten bereits seit längerem bekannt

Zu jenem Zeitpunkt sass Marius bereits in Untersuchungshaft – nicht wegen der Veruntreuung an seiner Freundin, sondern wegen Betrugsvorwürfen. 2014 soll er bei einer Baselbieter Firma Elektrowerkzeug samt Zubehör im Wert von 17'300 Franken bestellt, jedoch niemals bezahlt haben. Mittels einer erfundenen Firma soll er seine eigene Zahlungsunfähigkeit verschleiert haben, warf ihm die Staatsanwaltschaft vor.

Weitere Vergehen betreffen Fahrradhändler. So soll Marius im Herbst 2016 unter falschem Namen bei einem Aarauer Velohändler sieben Fahrräder im Gesamtwert von 36'250 Franken bestellt haben. Als Rechnungsadresse gab er eine Adresse in Zürich an, obschon er dort niemals wohnte. Anfang Februar 2017 holte Marius vier der Fahrräder ab und sagte, er würde die restlichen Fahrräder zu einem späteren Zeitpunkt abholen und dann den Gesamtbetrag überweisen. Beides ist nie geschehen. Für das Velogeschäft war Marius unter falschem Namen und falscher Adresse nicht mehr erreichbar. Die Velos konnten später bei einer Hausdurchsuchung sichergestellt werden.

Weitere Fälle waren geplant, wurden aber nicht ausgeführt

Bei zwei weiteren Velohändlern in Aarau und Baden soll Marius 2018 ebenfalls Velos im Wert von 40'050 respektive 44'000 bestellt haben, diese aber weder bezahlt noch abgeholt haben. Die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach geht davon aus, dass Marius, wie im ersten Fall, einen Teil der Fahrräder vorab abholen wollte, ohne sie zu bezahlen, und warf ihm deshalb mehrfachen versuchten Betrug vor. Gemeinsam mit der Veruntreuung an seiner Ex-Freundin sowie wiederholtem Nichteinrückens in den Zivilschutz forderte sie eine teilbedingte Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren.

«Es ist an der Zeit, Ihren Lebensplan zu korrigieren», fand auch Gerichtspräsidentin Kerkhoven in der Urteilsbegründung. Das Richtergremium sprach Marius schuldig des mehrfachen Betrugs, der Veruntreuung sowie des Nichteinrückens in den Zivilschutz und verurteilt ihn zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, sechs Monate davon unbedingt. Vom Vorwurf des versuchten Betrugs wurde er freigesprochen. Da er in diesen beiden Fällen seine richtigen Kontaktdaten angegeben habe, wäre eine Bonitätsprüfung seitens der Velohändler problemlos möglich gewesen. Die Forderung Tamaras nach Wiedergutmachung hiess das Gericht gut.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1