Bözberg

Sie suchen den Seelenfrieden in der Natur – und den Weg aus der Krise

Roland Honegger, 70, will mit seinem Wirkungsweg auf dem Bözberg Menschen zurück zu den Wurzeln und aus der Krise führen.

«Ich musste lernen, die Veränderung anzunehmen», sagt Melanie Häfeli aus Buchs. Die 36-jährige leidet am seltenen Arnold-Chiari-Syndrom, einer angeborenen Hirnerkrankung. Erst vor zwei Jahren erhielt sie die Diagnose. Ein Schock für die alleinerziehende und berufstätige Mutter. Sie musste sich einer Operation unterziehen und sich durch eine lange Rehabilitationsphase zurück ins Leben kämpfen. «Man hat das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden und keinen Platz mehr in der Gesellschaft zu haben», sagt sie. Geholfen, ihr Schicksal zu akzeptieren, hat ihr auch der Aufenthalt in der Natur.

«Alltagsprobleme und Ausnahmesituationen können dazu führen, dass wir aus dem psychischen Gleichgewicht geraten», sagt Roland Honegger. Der Küttiger musste selbst diese Erfahrung machen, nachdem 2017 seine Partnerin verstarb. Auf dem Bözberg entdeckte er die heilsame Wirkung der Natur. So kam der 70-Jährige auf die Idee, als Mentor und Prozessbegleiter auch andere Menschen in schwierigen Situationen zu begleiten, und entwickelte das Konzept des Wirkungswegs.

Die Natur kann helfen, Blockaden zu lösen

«Verschiedene Studien zeigen, dass schon die Betrachtung der Natur und erst recht der Aufenthalt sich positiv auf das psychische, physische und soziale Wohlbefinden auswirken», sagt er. Mit dem Wirkungsweg, der aus einem passiven und einem aktiven Bereich besteht, sollen die eigenen Impulse und die Wirkung der Natur für die mentale Gesundheit genutzt werden. Blockaden, Widerstände, aber insbesondere Ängste seien dabei zentral. Die Natur könne helfen, diese zu lösen. An der Volkshochschule Zürich absolvierte Honegger einen dreijährigen Kurs in Psychologie. Die AZ begleitet Honegger und eine Teilnehmergruppe auf den Wirkungsweg. Gegliedert in mehrere Etappen führt dieser auf dem Natur- und Kulturweg von Linn in die beeindruckende Naturlandschaft des Bözbergs. Startpunkt ist jeweils die imposante Linner Linde. «Zu-sich-Kommen» heisst das Motto des ersten Abschnitts. Schweigend gehen die Teilnehmer in Richtung Wald. Bewusstes Atmen und Gehen sollen dabei helfen, den Verstand in den Griff zu bekommen und abzuschalten.

Nicht jedem fällt es leicht, einen Baum zu umarmen

Nach diesem ersten Wegstück fragt Honegger die Teilnehmer, wie sie diese Situation erlebt haben. «Vielen Menschen fällt es schwer, mit sich selbst zu sein und ohne Ablenkung die Ruhe zu ertragen.» Weiter geht es in den Wald. «Bäume stehen sinnbildlich für unser Leben. In einem Sturm, einer Krise, wackeln wir zwar, aber auf die Stärken unserer Wurzeln können wir uns immer verlassen», sagt Honegger. Auf einer Waldterrasse werden Achtsamkeits- und Entspannungsübungen gezeigt. Das Umarmen eines Baums fällt dabei nicht jedem Teilnehmer auf Anhieb leicht. «Mentale Veränderung kann man nur mit viel Disziplin und Training erreichen», sagt Honegger.

Nach weiteren Stationen wie dem intuitiven Bogenschiessen, dem Balkenschweben sowie dem gemeinsamen Malen am Rande eines Teichs, lässt man den Tag beim gemütlichen Zusammensein am Feuer ausklingen, und reflektiert gemeinsam über die Erlebnisse und Erfahrungen des Tages. «Ich freue mich immer, wenn die Teilnehmer die Anregungen und Erkenntnisse, die sie erhalten haben, in ihren Alltag übernehmen können», sagt Honegger. Jeweils donnerstags und samstags führt er durch den Wirkungsweg. Pro Teilnehmer kostet das ganztägige Angebot 110 Franken, die Teilnehmerzahl ist auf fünf Personen beschränkt. ­Melanie Häfeli hat auch dank des Wirkungswegs ihr Selbstvertrauen, ihre Selbstsicherheit und nicht zuletzt die Freude am Leben wiedergewonnen.

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