Thalheim

Sie produzieren Schränke nach Mass für die ganze Schweiz

Mit Webschreiner.ch hat die Herbert Härdi AG aus Thalheim einen ersten Schritt in digitales Gefilde gewagt.

Ein farbenfroher Showroom im Dachstock des Bürogebäudes zeigt diverse Möbel aus der Produktpalette der Herbert Härdi AG. Darunter finden sich auch Schränke, massgefertigt von der firmeneigenen Online-Plattform Webschreiner.ch. Auf Webschreiner.ch können Kunden ihre eigenen Schränke erstellen und individuell anpassen.

Die Herbert Härdi AG – neben der Schreinerei gehört auch eine Zimmerei dazu – liegt mit ihren Fabrikgebäuden am unteren Ende von Thalheim. Sie ist unscheinbar, besonders wenn man beachtet, dass sich hinter der Fassade moderne Produktionsstrukturen verbergen.

Das Unternehmen setzt neben Ökologie und Regionalität neu auch auf Digitalisierung. Im vergangenen August hat das Unternehmen mit Webschreiner.ch ihren ersten Webauftritt im Online-Handel lanciert.

Endlich bietet eine kleine Firma den Grossen die Stirn

Die Industrie 4.0 ist seit geraumer Zeit in aller Munde. Besonders grosse internationale Unternehmen dominieren schon seit einiger Zeit den Online-Handel. Dass neuerdings ein Betrieb mit 27 Mitarbeitern und acht Lehrlingen aus dem Schenkenbergertal massgebend neue Akzente setzt, sorgt für positive Kritik. Nach dem Motto: Endlich bietet eine kleinere Firma den Grossen die Stirn.

Christoph Zehnder, Bereichsleiter Schreinerei bei der Herbert Härdi AG, hat vor drei Jahren eine Software der österreichischen RSO Group entdeckt und gleich deren Potenzial für den eigenen Betrieb erkannt. Bei der Software handelt es sich um einen Konfigurator, mit dem man online einen Schrank nach eigenem Belieben zusammensetzen kann.

Als eine von drei Schweizer Firmen – die zwei anderen befinden sich in der Ostschweiz – sind die Thalner von der RSO Group als Testnutzer für den Konfigurator eingesetzt worden.

Eine neue Maschine musste angeschafft werden

Mittlerweile entwerfen Kunden aus der ganzen Schweiz online bei Webschreiner.ch ihren eigenen Schrank. Dafür müssen sie Messlängen und Vorlieben selber im Internet erfassen sowie nach Belieben das Inventar und aus einer Bandbreite von 18 Farben – von Berglärchen-Weiss bis zu Sorbetorange – auswählen. Der Preis wird automatisch berechnet. Als Produkt erhält man fünf Tage später einen zusammensetzbaren Schrank.

Die Lieferung beschränkt sich auf den Kanton Aargau und Regionen angrenzender Kantone, die restliche Schweiz kann aber den Schrank in Thalheim vor Ort abholen. «Innerhalb von fünf Tagen von der Bestellung zum fertigen Produkt, das ist unser Anspruch», sagt Christoph Zehnder.

Für die Individualisierung der farblichen Präferenzen wird ein Farbmuster per A-Post innerhalb eines Tages an die Kunden verschickt.

Die Verwirklichung der digitalen Schritte musste mit der Anschaffung einer Maschine gekoppelt werden, ohne die diese Entwicklung nicht möglich gewesen wäre.

Die Maschine konzentriert zwei Arbeitsschritte in einem

Es handelt sich dabei um eine, zu zwei Dritteln automatische Holzbearbeitungsmaschine. Der Handarbeitsanteil wird auf einen Drittel reduziert. Die Maschine konzentriert zwei Arbeitsschritte in einem und ist dennoch millimetergenau. Dadurch wird wertvolle Zeit gewonnen.

«Webschreiner» aus Thalheim produzieren Schränke nach Mass

Eindrücklich: Die halbautomatische Maschine bei der Arbeit.

 

Die vom Kunden eingetragenen Vorlieben werden massgetreu umgesetzt. Ein tieferer Preis ist das Resultat der gesteigerten Effizienz. Der Preis wird direkt an den Kunden weitergegeben. Bei der Befürchtung, dass eine solche Maschine Arbeitnehmerstellen vernichten könnte, winkt Christoph Zehnder ab.

Man müsse keine Mitarbeiter entlassen. Es handle sich um eine Digitalisierung des Planungsschrittes, der neu vom Kunden selbst ausgeführt wird. Bei der Produktion selber werden nach wie vor Arbeiter zum Zuge kommen.

Der Fokus der Thalner Herbert Härdi AG liegt auf einer günstigeren Produktion und nicht auf tieferen Personalkosten. «Trotz Digitalisierung muss durch Menschen produziert werden», sagt Christoph Zehnder entschieden.

Positive Kritik an Webschreiner.ch

Diese Meinung unterstreicht Patrik Ettlin, Medienverantwortlicher beim Verband Schweizerischer Schreinermeister- und Möbelfabrikanten: «Die Digitalisierung, besonders die modernisierten und rasanteren Produktionsschritte, werden zu einer Personalveränderung führen, aber nicht unbedingt zu einer -abnahme.»

Zum einen ­­ sei eine Vereinfachung der Anforderungen an das Schreinerpersonal zu erwarten. Zum andern dürfte auch eine Spezialisierung erwartet werden.

Bildung neuer Berufsfelder ist möglich

Neue Berufe wie Schreiner-Planer, -Maschinist, -Zeichner oder -IT-Experte könnten entstehen. «Die digitale Produktion ist eine Chance für die ganze Branche. Es ist möglich, dass sich neue Berufsfelder bilden», sagt Patrik Ettlin.

Die Kritik an Webschreiner.ch fällt indes positiv aus. Die Kunden seien begeistert, sagt Christoph Zehnder von der Herbert Härdi AG. Besonders die Modernität wird gelobt.

Die Digitalisierung schreitet stetig voran. Sie wird wohl auch vor dem Schreinerberuf keinen Halt machen. In zehn Jahren werde ein namhafter Absatz online umgesetzt werden, meint Christoph Zehnder. Einen beachtlichen Anteil davon dürfte wahrscheinlich auch Webschreiner.ch haben.

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