Villnachern
Sie kämpfen nicht gegen die Bahn, aber gegen den Lärm

Sie wollen nicht übergangen werden: Der Gemeinderat und das «Initiativkomitee zur Bekämpfung des Bahnlärms in Villnachern» setzen sich dafür ein, dass die heutige Lücke in der Lärmschutzwand geschlossen wird.

Michael Hunziker
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Sie setzen sich dafür ein, dass die Lücke geschlossen wird: Gemeindeschreiber Benjamin Plüss, Hauptinitiant Manfred Stampfli und Gemeinderat Donat Gubler.

Sie setzen sich dafür ein, dass die Lücke geschlossen wird: Gemeindeschreiber Benjamin Plüss, Hauptinitiant Manfred Stampfli und Gemeinderat Donat Gubler.

Michael Hunziker

Das Plangenehmigungsverfahren der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) lässt aufhorchen in Villnachern. Vorgesehen ist, auf der Strecke zwischen Effingen und Brugg die Kapazität zu erhöhen. Im Fachjargon ist die Rede von einer Zugfolgezeitverkürzung (die az berichtete). «Entlang der Bözberglinie, also auch bei uns, ist mit einer höheren Lärmbelastung zu rechnen», sagt Gemeinderat Donat Gubler. «Für uns als Gemeinde ist dies der richtige Zeitpunkt, unser Anliegen erneut zur Sprache zu bringen.»

Für SBB ist Steigerung nötig

Auf der Nord-Süd-Achse soll die Zugfolgezeit von vier auf drei Minuten verkürzt werden. Die Leistungssteigerung ist laut SBB nötig, um die Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene voranzutreiben - ein Hauptziel der schweizerischen Verkehrspolitik.

Auf der Bözberglinie sind auch anstehende Substanzerhaltungsmassnahmen im Stellwerkbereich und an der Fahrbahn geplant. Die Bauarbeiten sollen von Anfang 2015 bis Ende 2018 ausgeführt werden. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 85 Millionen Franken. (mhu)

Konkret: Der Gemeinderat fordert, dass die bestehende, rund 400 Meter lange Lücke in der Lärmschutzwand bis zum Tunnelportal geschlossen wird. Denn aus den heute rund 160 Zügen pro Tag könnten 280 werden – fast 80 alleine in der Nacht, so Gubler. Selbst wenn die SBB, wie in Aussicht gestellt, leiseres Rollmaterial einsetze, steige die Belastung aufgrund der Erhöhung des Zugverkehrs. Die Güterzüge würden länger und schneller. Kesselwagen für Flüssigkeiten beispielsweise können laut Gubler hohe Lärmimmissionen verursachen, vor allem dann, wenn sie leer seien. «Diese Lärmspitzen sind störend. Es gibt Dorfbewohner, die leiden, weil sie immer wieder aus dem Schlaf gerissen werden.»

Eine durchgehende Lärmschutzwand bringe eine sofortige, spürbare und dauerhafte Verbesserung, stellt Gubler fest. Der Gemeinderat werde deshalb – «wir handeln im Sinne unserer Dorfbevölkerung» – Einsprache gegen das Plangenehmigungsverfahren der SBB erheben. Nicht zum ersten Mal.

Heute fehlt ein rund 400 Meter langes Stück in der Lärmschutzwand (gelber Kreis)

Heute fehlt ein rund 400 Meter langes Stück in der Lärmschutzwand (gelber Kreis)

ZVG

Bundesamt wies Einsprachen ab

Zur Erinnerung: Bereits bei den vorgängigen Projekten, als es um die Erneuerung der Gleise-Infrastruktur ging, bildete sich ein «Initiativkomitee zur Bekämpfung des Bahnlärms in Villnachern». 2011 wurde eine Unterschriftensammlung lanciert. Hauptinitiant Manfred Stampfli erinnert daran, dass 38 Prozent der Stimmberechtigten das Begehren unterstützten – innert nur acht Tagen und in der Ferienzeit wohlverstanden.

Auch der Kanton hatte ein offenes Ohr für die knapp 400 Petitionäre sowie den Gemeinderat. Zum Vernehmlassungsverfahren betreffend den Bau und die Finanzierung eines 4-Meter-Korridors für den Schienengüterverkehr hielt der Aargauer Regierungsrat Ende 2012 fest, dass der Bözberg- und der Villnacherntunnel verfahrensmässig als eine Einheit zu betrachten seien. «Bei der Realisierung der nötigen Massnahmen am Villnacherntunnel ist gleichzeitig die bestehende Lärmschutzwand in Villnachern bis zum Tunnelportal zu verlängern. Dadurch können Synergien genutzt, Kosten gespart und die Gemeinde vollständig vor Lärm geschützt werden.» Allerdings: Das Bundesamt für Verkehr wies die Einsprachen allesamt ab.

Manfred Stampfli betont: «Wir sind keine Eisenbahngegner und wollen auch nie solche werden. Das heisst aber nicht, dass wir uns alles gefallen lassen müssen.» Die Gesundheit dürfe nicht den wirtschaftlichen Interessen hintenanstehen. Studien belegen, fährt der Hauptinitiant fort, dass Lärm krank mache und für enorme volkswirtschaftliche Schäden verantwortlich sei. «Wir alle haben das Recht dazu, durchgehend schlafen zu können.» Die bestehende Lärmschutzwand erfülle zwar ihren Zweck, nicht aber für alle Siedlungsgebiete. Auch deshalb, weil für den westlichen Teil des Dorfes die topografischen und meteorologischen Verhältnisse wie die Windrichtung nicht berücksichtigt oder falsch gewichtet worden seien.

1 Prozent der gesamten Bausumme

Hauptinitiant Stampfli und Gemeinderat Gubler sind überzeugt, dass ihre Forderung nicht überrissen ist, sondern zukunftsgerichtet, vernünftig und problemlos umsetzbar. Der finanzielle Aufwand halte sich in Grenzen, die fehlende Lärmschutzwand werde wohl weniger als 1 Prozent der gesamten Summe für den geplanten Ausbau von insgesamt rund 85 Mio. Franken ausmachen.

Eine massive Lärmschutzwand hat gemäss Stampfli einen weiteren Vorteil: Über den 4-Meter-Korridor von Basel nach Chiasso würden täglich Unmengen von Gefahrengütern jeder Art wie Benzin, Kerosin oder Gifte transportiert, führt der Initiant aus. Bei einem Unfall wäre das Dorf gefährdet. Eine Lärmschutzwand biete eine passive Sicherheit und würde bei einem Zwischenfall mithelfen, «unser Dorf vor solchen Gefahren objektiv zu schützen». Nebst der kantonalen Vernehmlassung hat übrigens auch der Regionalplanungsverband Brugg Regio eine unterstützende Stellungnahme abgegeben: Im Sinne der Verbesserung der Wohnqualität, die in regionalem Interesse stehe, sei die Lärmschutzlücke zu schliessen.

Das «Initiativkomitee zur Bekämpfung des Bahnlärms in Villnachern» sowie der Gemeinderat rufen die Bevölkerung dazu auf, die SBB und den Bund auf die Lärmsituation aufmerksam zu machen und gegen das laufende Plangenehmigungsverfahren eine Einsprache einzureichen. Gemeindeschreiber Benjamin Plüss stehe für Hilfe und Auskünfte zur Verfügung. «Wir wollen die Bevölkerung dazu ermuntern, etwas zu unternehmen, anstatt nur die Faust im Sack zu machen.»