Mirjana Tokic stellt den Blinker und wartet, dass sie auf die Zurzacherstrasse in Brugg einbiegen kann. Feierabendverkehr, Stau, langes Warten. Dann endlich gehts vorwärts. Mirjana Tokic – in elegantem Schwarz gekleidet, perfekt geschminkt, Brille mit schwarzem Rand – schlägt den Weg Richtung Windisch ein.

Die Vernetzerin besucht ein junges bosnisches Ehepaar in Windisch. Es ist ein Begrüssungsbesuch. Das Ziel: Die neuen Einwohner der Gemeinde sollen erfahren, wie das Leben hier so läuft, was es zu tun und lassen gilt. Die Themen Abfallentsorgung, Vereinsleben und Kulturangebot stehen genauso auf der Liste wie die Billag-Gebühren und die Jod-Tabletten. Mirjana Tokic erklärt den jungen Leuten in ihrer Sprache, wie das alles funktioniert.

«Wissen Sie», sagt Mirjana Tokic in perfektem Schweizerdeutsch, den Blick konzentriert auf den Strassenverkehr gerichtet, «es motiviert mich, wenn ich sehe, wie dankbar und erleichtert diese Menschen nach diesen Gesprächen sind. Darum mache ich diesen Job gerne.» Am Zielort angekommen klingelt sie, spricht eine serbokroatische Begrüssung in die Sprechanlage. Es surrt, Mirjana Tokic sagt: «Hvala – danke» und tritt ein. Im dritten Stockwerk öffnet ein Mann mit grauen Filzpantoffeln, die mit einem Schweizer Kreuz verziert sind, die Türe. Dahinter steht seine Frau, etwas schüchtern streckt sie dem Besuch die Hand zur Begrüssung hin.

Auf dem Sofa nehmen Tokic und das Ehepaar Platz, im Fernseher läuft die SRF-Tagesschau. Der Mann ist in der Ostschweiz aufgewachsen und hat ein Studium absolviert. Er ist bestens in die Schweizer Gesellschaft integriert, in der Gemeinde allerdings noch nicht. Seine Frau ist frisch aus Bosnien-Herzegowina in die Schweiz eingereist. Die ersten Sprachkurse hat sie erfolgreich abgeschlossen. Die junge Frau, die in ihrem Heimatland Pharmazie studiert hat, will sich möglichst rasch in den Arbeitsprozess integrieren, doch zuerst muss es mit der Sprache noch besser klappen.

«Ich fühlte mich total verloren»

Diese Situation kennt Mirjana Tokic nur zu gut. Als sie im Jahr 1994 wegen des Kroatienkriegs von Kroatien in die Schweiz, genauer nach Brugg, kam, sprach sie kein Wort Deutsch. «Ich bin wie vom Himmel gefallen», erinnert sie sich. «Ein fremdes Land, eine fremde Sprache. Ich fühlte mich total verloren und verlassen.» Mehr zur ersten Zeit in der Schweiz und zur Flucht mag sie nicht erzählen. «Das ist Geschichte», winkt sie ab. Bei der Integration hatte ihr kaum jemand geholfen. «Ich hatte beispielsweise keine Ahnung, wofür diese Jod-Tabletten sind. Ich dachte, dass ich die brauchen muss, wenn der Krieg bis in die Schweiz kommt», erzählt sie und lacht.

Nach ihrer Ankunft in Brugg lernte Mirjana Tokic etwas Deutsch, erhielt einen Job als Produktionsmitarbeiterin in einer Firma. «Es war eine einfache Arbeit», sagt sie. «Ich habe Dichtungen für Fenster zurechtgeschnitten und zusammengeklebt.» Sie lernte ihren Mann Ivo kennen, wurde nach sieben Jahren in der Schweiz schwanger.

Nach der Geburt der Tochter, die heute die Kantonsschule besucht, musste Mirjana Tokic ihr Handgelenk operieren lassen. Ihren Job musste sie kündigen. Doch die Kroatin gab nicht auf. Sie besuchte Deutschkurse, verbesserte sich rasch. Bei der Ecap – ein gemeinnütziges und nicht gewinnorientiertes Institut für Erwachsenenbildung und Forschung – stiess sie auf eine Ausbildung zur interkulturellen Übersetzerin und Interpretin. «Das hat mich interessiert», sagt sie. «Weil ich selber schlechte Erfahrungen gemacht habe, hatte ich das Bedürfnis, anderen Migranten zu helfen.»

Mirjana Tokic absolvierte die zweijährige, berufsbegleitende Ausbildung. Noch heute erhält sie Aufträge als interkulturelle Übersetzerin. Sie geht in Spitäler, in Schulen, übersetzt und vermittelt für Menschen aus ihrem Sprach- und Kulturkreis. Während der Ausbildung bei der Ecap lernte sie Kathrin Potratz, die heute den Treffpunkt Integration Windisch-Brugg leitet, kennen. Als 2009 der Treffpunkt in Windisch gegründet wurde, holte Potratz Tokic mit an Bord. Seither wird die Kroatin für Begrüssungsbesuche, aber auch für sogenannte Beratungsgespräche eingesetzt.

Kinder müssen selbstständig sein

Das junge bosnische Ehepaar lernte Mirjana Tokic am Neuzuzügerapéro kennen. Die beiden willigten sofort für ein Begrüssungsgespräch ein. «Das läuft nicht immer so einfach ab», sagt Mirjana Tokic später auf der Rückfahrt.

Beratungsgespräche finden dann statt, wenn beispielsweise die Schulleitung wünscht, dass eine Vernetzerin eingesetzt wird. Dann nämlich, wenn die Lehrpersonen merken, dass die Eltern eines Migrantenkindes sich nicht an den Schulaktivitäten wie Elternabenden beteiligen oder die Kindergärtnerinnen feststellen, dass ein Kind die Schuhe noch nicht selber binden kann.

Es ist die Aufgabe von Mirjana Tokic, diesen Eltern beizubringen, dass ihr Kind selbstständig werden muss, damit es in der Schule bestehen kann. «Viele Ausländer leben mit mehreren Generationen unter einem Dach», erklärt Mirjana Tokic. «Da kommt es vor, dass die Grossmutter auf die Kinder schaut und diese halt zu sehr verwöhnt.» Sie müsse dann den Eltern zu verstehen geben, dass sie ihrem Kind keinen Gefallen tun, wenn sie es so erziehen.

Eltern holen sich keine Hilfe

Mirjana Tokic weiss, wie sich die Eltern fühlen. Sie kann erklären, warum diese nicht an Elternabenden teilnehmen. «Die grösste Hürde ist die Sprache», sagt sie. «Diese Eltern schauen die Briefe von der Schule gar nicht an, weil sie grundsätzlich davon ausgehen, dass sie es nicht verstehen.» Viele kämen nicht auf die Idee, die Klassenliste anzuschauen und sich Hilfe bei einer Familie mit derselben Sprache zu holen. «Hier helfen wir», führt Tokic aus. «Wenn die Eltern in ihrer Sprache mal gehört haben, was es mit diesen Briefen und Einladungen auf sich hat, funktioniert es danach meistens besser.» Jeweils zweimal trifft die Vernetzerin die Familie.

Auch das junge bosnische Ehepaar ist an diesem Abend froh, dass Mirjana Tokic erklärt, warum sie Billag-Gebühren bezahlen müssen und wofür die Jod-Tabletten sind. Die Frau zeigt Interesse an einem Sprachkursangebot des Treffpunkts Integration. Mirjana Tokic verabschiedet sich mit einem guten Gefühl von den beiden. «Sie werden es sicher einfacher haben, weil sie eine gute Ausbildung haben», sagt die Vernetzerin.

Und trotzdem: Der Weg in die Schweizer Gesellschaft wird vor allem für die junge Frau noch steinig sein. Das weiss Mirjana Tokic aus eigener Erfahrung nur zu gut. Sie selber hat ihren Weg gefunden, arbeitet heute in einem 80-Prozent-Pensum im Verkauf und nimmt weiterhin Aufträge als Vernetzerin und interkulturelle Übersetzerin an. Das liegt ihr am Herzen, denn niemand soll dieselben Erfahrungen machen wie sie damals, 1994.