Eigenamt
Sie drehen auch Extrarunden

Seit fünf Jahren chauffieren Freiwillige ihre Kunden zu individuellen Zielen in den Gemeinden Birr, Birrhard, Lupfig und Scherz. Nun soll das Angebot auf Brunegg erweitert werden.

Meret Radi
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Stefan Willi fährt die Stammkundinnen Heidy Wülser (links) und Marlies Huber zum Einkaufen. Meret Radi

Stefan Willi fährt die Stammkundinnen Heidy Wülser (links) und Marlies Huber zum Einkaufen. Meret Radi

Heidy Wülser schaut aus dem Autofenster und sagt: «Das Dorf muss ich mir genau anschauen. Ich komme ja nicht mehr so oft raus.» Sie und Marlies Huber nutzen den Fahrdienst Eigenamt einmal pro Woche. Heute lassen sich die Damen von Chauffeur Stefan Willi ins Zentrum von Birr fahren, um einzukaufen. Huber besucht anschliessend ihren Mann im Altersheim. Während der Fahrt plaudern die Damen angeregt mit dem Fahrer über die Leichtathletik-EM und den Blindgänger von Birrhard.

Im Zentrum angekommen, steigt Willi aus, öffnet den Damen die Türen und reicht ihnen die Taschen. «Der Fahrdienst ist eine super Sache, aber zu wenige wissen davon», bemerkt Huber, und die beiden Damen machen sich Richtung Migros auf.

«Ursprünglich wurde der Fahrdienst gegründet, um Leute aus dem Altersheim Eigenamt zum schwer erreichbaren Friedhof Rybetstal zu fahren», berichtet Gründer Walter Leder. Heute chauffieren er und sein Team an zwei Halbtagen pro Woche Fahrgäste zu ihrem gewünschten Ziel.

Die meisten wollen ins Zentrum, um Besorgungen zu erledigen. Auch für den Arzttermin oder den Coiffeurbesuch wird der Fahrdienst aufgeboten. Für die Mehrheit der Kunden ist der Dienst die einzige Möglichkeit, das Haus zu verlassen. «Der Weg ins Zentrum ist für mich mit dem Bus fast unmöglich», erklärt Fahrgast Huber.

Obwohl die Chauffeure auch mal Einkaufstüten tragen, gehe es beim Fahrdienst Eigenamt um mehr, als nur den Kühlschrank zu füllen.

Leder fügt hinzu, dass die Fahrer oftmals einen wichtigen sozialen Kontakt für die Senioren und Seniorinnen darstellen. Sie seien Gesprächspartner und aufmerksame Zuhörer. Wünscht ein Passagier beispielsweise, beim Grabbesuch begleitet zu werden, übernehmen die Fahrer das gerne. «Wir fahren auch schon mal eine Extrarunde, damit die Geschichte zu Ende erzählt werden kann», berichtet das Fahrerteam. Darauf erwähnt eine Fahrerin, dass sie einmal eine zusätzliche Schlaufe gefahren sei, um einer Dame die neue Pestalozzi-Statue auf dem Neuhof-Kreisel in Birr zu zeigen. «Sie muss doch wissen, was in ihrer Umgebung neu ist!»

Der Grossteil der freiwilligen Fahrer ist pensioniert und nimmt die Aufgabe als sinnvolle, abwechslungsreiche Beschäftigung wahr. «Und wer weiss», gibt eine der Fahrerinnen zu bedenken, «vielleicht ist man später selber froh, dass es den Fahrdienst gibt.» Stefan Willi ist vor drei Monaten zum Fahrerdienst gekommen. Seine Tochter, selbst auch Fahrerin, hat ihn auf die Idee gebracht, mitzumachen. «Ausbildung gab es keine», schmunzelt er. Durch unbekannte Strassen navigiert er sich mit der Hilfe eines Smartphones.

«Es ist nicht schwer, freiwillige Fahrer zu finden», erwähnt Leder. Da der Einsatzplan sehr flexibel ist, arbeiten die Fahrer je einen Halbtag im Monat. Man hätte schon noch Kapazitäten und spiele mit dem Gedanken, den Fahrdienst an weiteren Nachmittagen anzubieten, erläutert Leder.

«Ausserdem laufen Abklärungen, ob die Gemeinde Brunegg mit einbezogen werden soll», fügt er hinzu. Ein definitiver Entscheid folgt nächsten Monat. Momentan erhält der Fahrdienst pro Halbtag vier bis fünf Aufträge, die von einem Chauffeur erledigt werden. «Man könnte auch zwei Autos gleichzeitig losschicken», schlägt ein Fahrer vor. Die Motivation im Team ist beeindruckend.

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