Bezirksgericht Brugg

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: Er packte sie von hinten an der Taille – nun folgt das Urteil

Der Beschuldigte hat das Opfer umklammert und an sich gezogen (Symbolbild).

Der Beschuldigte hat das Opfer umklammert und an sich gezogen (Symbolbild).

Ein früherer Angestellter eines Brugger Geschäfts musste sich wegen sexueller Belästigung vor dem Bezirksgericht verantworten. Mit Folgen.

Sie haben – für eine kurze Zeit – im gleichen Geschäft in Brugg gearbeitet. An einem späteren Samstagnachmittag im Januar des vergangenen Jahres soll Mario seiner Arbeitskollegin Sophia (beide Namen geändert) zu nahe gekommen sein. Diese war im ersten Obergeschoss damit beschäftigt, Waren einzusortieren. Um an den oberen Bereich des Schranks zu gelangen, streckte sie sich mit den Armen über dem Kopf nach oben.

In diesem Moment ist Mario von hinten an sie herangetreten, hat sie mit beiden Händen an der Taille gepackt und an sich gezogen, heisst es in der Anklageschrift. Er habe sie gefragt, was sie an diesem Abend mache und ob sie in den Ausgang gehe. Die überraschte Sophia habe die Hände von sich gestossen, sich direkt in die Toilette begeben und die Türe hinter sich verschlossen. Mario sei ihr auf dem Weg dorthin gefolgt. Beim Versuch, die Türe zu öffnen, habe er zweimal die Falle betätigt.

Das Opfer wirkte aufgebracht und nervös

Sexuelle Belästigung wurde ihm als strafbare Handlung zur Last gelegt. Die Haare kurz geschoren, erschien der 39-Jährige im gestreiften Pullover und in blauen Jeans vor dem Bezirksgericht Brugg. Links von ihm nahmen der Verteidiger und die Italienisch-Dolmetscherin Platz, im Zuschauerbereich seine Ehefrau. Neben Sophia, dem Opfer, wurden zwei weitere seiner ehemaligen Arbeitskolleginnen als Zeuginnen befragt.

Diese bezeichneten den beschuldigten Mario als offen, gesprächig und kontaktfreudig. Er habe immer wieder Fragen gestellt, auch von sich und seinem Privatleben erzählt. Unangenehm sei gewesen, sagten sie übereinstimmend, dass er manchmal hinter ihnen stand und sie über längere Zeit intensiv beobachtete, sie anstarrte. Sie hätten seine Blicke gespürt.

An diesem Samstagnachmittag vor einem Jahr sei Sophia in den Verkaufsraum ins Erdgeschoss gekommen und habe erzählt, dass der Beschuldigte sie angefasst habe. Sie habe aufgebracht gewirkt, nervös. Sophias Ausführungen hätten in diesem Moment glaubhaft gewirkt, sagte die eine Zeugin. Im Nachhinein, räumte sie ein, sei sie sich aber nicht mehr ganz sicher. Denn Sophia habe das Geschäft ein paar Monate später in einer unschönen Art und Weise verlassen. Es seien viele Lügen ans Licht gekommen. Unter anderem erzählte Sophia von einem Todesfall in der Familie, der nie stattgefunden hat.

Diese Lüge sei nicht recht gewesen, sie schäme sich dafür, gab Sophia in der Befragung durch Gerichtspräsident Sandro Rossi zu. Beim Vorfall mit Mario gebe es aber keinen Grund, die Unwahrheit zu sagen. Die blonde junge Frau – sportlich elegant in Schwarz gekleidet – sprach mit leiser Stimme. Als nicht störend habe sie empfunden, als sie ihr damaliger Arbeitskollege Mario auf ihre Lippen ansprach und sich danach erkundigte, ob sie Botox gespritzt habe.

Auch als er einmal in der Mittagspause bei einem Videoanruf die Kamera seines Mobiltelefons auf sie gehalten habe und seinem Kollegen «die hübsche Frau» gezeigt habe. Zu weit gegangen sei Mario allerdings, als er sie mit beiden Händen an der Taille gepackt und sie an sich herangezogen habe. Es sei sehr schnell passiert, habe nur wenige Sekunden gedauert. Sie sei erschrocken, habe Angst gehabt. «Ich wollte nicht von ihm berührt werden, wollte so schnell wie möglich weg.»

Der Beschuldigte weist die Vorwürfe von sich

Mario erhielt nach dem Vorfall die Kündigung. Heute sei er arbeitslos, sagte der Beschuldigte. Die Vorwürfe wies er von sich. Es sei hart, mit diesen Beschuldigungen zu leben, eine Qual für die ganze Familie mit den zwei Kindern. An diesem Samstagnachmittag habe er die Abfallkörbe geleert. Kontakt zu Sophia habe er nach der Mittagspause keinen gehabt.

Welchen Grund diese haben könne, ihn zu belasten, fragte Einzelrichter Rossi. Er wisse nicht, warum sie eine Geschichte erfinde, die nie vorgefallen sei, antwortete Mario. Dass gewisse seiner Aussagen missverständlich sein könnten, liege daran, dass es schwierig sei für ihn, sich präzis auszudrücken in deutscher Sprache. Er habe kein Interesse an Sophia, sondern nur etwas Nettes sagen wollen, versicherte Mario. Für den Verteidiger stand fest, dass sich die Aussagen des Opfers – er sprach von Behauptungen und Unterstellungen – nicht beweisen lassen.

Der Beschuldigte habe sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Das Opfer hätte sich, wäre tatsächlich etwas vorgefallen, bemerkbar machen und Hilfe rufen können. Auch seien keine Videoaufnahmen der Überwachungskameras im Geschäft vorhanden. Kurz: Es gebe keine Zeugen, aber viele Zweifel, so der Verteidiger. Der Beschuldigte habe zu keinem Zeitpunkt sexuelle Hintergedanken gehabt und sei von Schuld und Strafe freizusprechen.

Verurteilt zu Busse von 600 Franken

Das Gericht kam zu einem anderen Schluss. Die Videoüberwachung habe den Vorfall zwar nicht aufgezeichnet. Das Opfer aber habe nicht eine simple Geschichte erzählt, um den Beschuldigten anzuschwärzen, sondern den Vorfall detailreich und ohne übermässige Belastungen geschildert. Das Gericht ging deshalb davon aus, dass der Beschuldigte das Opfer umklammert und zu sich gezogen hat, wobei es zum Körperkontakt kam. Von einem externen Beobachter könne dieses Umklammern mit dem Heranziehen nicht anders gedeutet werden wie eine sexuelle Handlung.

Der Beschuldigte muss nicht nur die Busse von – wie von der Staatsanwaltschaft gefordert – 600 Franken sowie die Gerichtsgebühr von 2600 Franken bezahlen, sondern sich auch an den Kosten der Strafuntersuchung beteiligen.

Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

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