Brugg
«Serbien, das ist für mich Familie»: Dieser Aargauer trägt heute kein Schweizer Trikot

Der Doppelbürger David Jankovic aus Brugg kennt das Heimatland seiner Eltern nur aus den Ferien. Beim Spiel zwischen der Schweizer Nati und Serbien wird er zwar das serbische Trikot tragen, innerlich ist er aber zerrissen.

Janine Müller
Merken
Drucken
Teilen
David Jankovic fant zwar an der WM für Serbien, im Heimatland seiner Eltern zu leben, kann er sich aber nicht vorstellen.

David Jankovic fant zwar an der WM für Serbien, im Heimatland seiner Eltern zu leben, kann er sich aber nicht vorstellen.

Foto: Claudio Thoma / Aargauer Z

Brugg, eine ältere Wohnblocksiedlung im Westquartier. Wir klingeln im fünften Stock. Ein junger Mann öffnet die Tür, bittet höflich hinein. Im Gang steht eine Schaufensterpuppe, angezogen mit Fan-Utensilien des serbischen Klubs Partizan Belgrad. David Jankovic grinst und sagt: «Mein Vater ist Fan von diesem Klub.»

Der 21-jährige Detailhandelsfachmann wohnt seit seiner Geburt mit seinen Eltern und der älteren Schwester in Brugg. Er ist schweizerisch-serbischer Doppelbürger, vor gut zehn Jahren liess sich die Familie einbürgern. David Jankovic ist ein klassischer Secondo. Die Heimat seiner Eltern kennt er nur aus den Ferien. Wenn irgendwie möglich reist die ganze Familie zweimal im Jahr in das Dorf Glogovica, im Südosten des Landes gelegen.

Glogovica ist ein Bauerndorf. Wikipedia gibt eine Einwohnerzahl von gut 800 Menschen an. David Jankovic spricht eher von 200 bis 300 Einwohnern. Viele junge Menschen würden das Dorf verlassen. Die Zukunftsperspektive fehlt. Er hingegen möge in den Ferien dieses Landleben. «Jeder kennt jeden, es ist sehr familiär.» Regelmässig gibt es kleine Feste. Dann wird grilliert und geredet. «Das finde ich schön.» Er weiss aber auch, dass seine Familie jeweils auffällt, wenn sie sich in den Ferien im Dorf aufhält, schon nur aufgrund der Kleidung. «Viele denken wohl, dass wir sehr viel Geld haben», meint David Jankovic. «Aber diejenigen, die uns besser kennen, wissen, dass wir hart dafür arbeiten.» Auch der Dialekt verrate, dass er nicht in Serbien aufgewachsen ist.

«Serbien, das ist für mich Familie», sagt David Jankovic. Der Begriff Heimat fällt nicht. Der junge Mann kann sich ein Leben im Land seiner Eltern nicht vorstellen. «Die Umstände sind anders als in der Schweiz», sagt er. «Die Löhne sind tief, es ist schwierig, einen Job zu finden.» Es gibt ihm zu denken, dass die Jugendlichen nach der obligatorischen Schule nur wenige Möglichkeiten haben, einen Beruf zu erlernen. «Die Mädchen lernen häufig einen Pflegeberuf, während die Männer in der Autobranche einen Job suchen.» Viele müssten aber auf dem elterlichen Bauernhof aushelfen, weil sie sonst keine Arbeit finden.

Die RS als spannende Ausbildung

Da ist David Jankovic die Schweiz schon lieber. Denn die berufliche Zukunft sei ihm wichtig. «Ich schätze auch die Stabilität und Sicherheit in der Schweiz. Das ist gut, um später eine Familie zu gründen», sagt er. An der Schweiz mag er die Vielfalt der Möglichkeiten und der Landschaft. Er hat hier Skifahren gelernt «und die ganze Familie liebt Fondue», sagt er. Dafür seien die Serben eine richtige Sportnation, der Ehrgeiz sei grösser, meint er.

Der 21-Jährige hat in der Migros in Möhlin seine Lehre als Detailhandelsfachmann 2016 abgeschlossen. Anschliessend liess er sich zum Detailhandelsspezialist weiterbilden. Als Schweizer Bürger hat David Jankovic bald eine Pflicht zu erfüllen: Die Rekrutenschule ruft. Schon nach der Aushebung freute er sich, dass er als militärdiensttauglich eingestuft wurde. Er findet: «Als Schweizer sollte man diese Pflicht erfüllen.» Er sei gespannt auf die interessante Ausbildung und darauf, neue Kameraden und Kollegen zu finden. Etwas Unsicherheit schwingt dann aber doch mit: «Ich weiss ehrlich gesagt nicht so genau, was mich da erwartet.» Übrigens: Auch von Serbien hat er ein Aufgebot erhalten. «Das wollte ich aber nicht.»

Beim Fussball innerlich zerrissen

Wenn heute Freitag in Kaliningrad um 20 Uhr die Schweizer Nationalmannschaft auf Serbien trifft, dann zieht David Jankovic zwar das serbische Trikot an, innerlich ist er aber zerrissen. «Ich hatte schon vor der Auslosung befürchtet, dass die Schweiz und Serbien aufeinandertreffen könnten», erinnert er sich.

Für Serbien ist es nach 2010 erst die zweite Endrundenteilnahme. In Südafrika bezwangen die Serben im zweiten Spiel die Deutschen mit 1:0, verloren aber im ersten Spiel gegen Ghana und im dritten gegen Australien. Aufgrund der grösseren Erfahrung rechnet David Jankovic der Schweiz bessere Chancen aus, weiterzukommen. Vom Spiel selber erhofft er sich ein Unentschieden. «Hoffentlich gibt es ein faires Spiel ohne Ausschreitungen», ergänzt er. Anschauen wird er sich das Spiel gemeinsam mit der Schwester und Kollegen höchstwahrscheinlich im Public Viewing in Brugg.

Übrigens: Der 21-Jährige hat Glück, dass das Spiel heute Freitag ist. Denn am Montag heisst es: «Rekrut Jankovic!» – «Hier!»