Fast genau vor einem Jahr kam es auf der Ortsverbindungsstrasse Lauffohr–Remigen auf Höhe der Verzweigung in Richtung Villigen-Dorf zu einer Kollision zwischen zwei Autos. Doch darum ging es an diesem Nachmittag vor dem Bezirksgericht Brugg nicht, sondern darum, dass eine der involvierten Fahrzeuglenkerinnen vergessen haben soll, ihren Blinker zurückzustellen.

Konkret soll Therese (Name geändert) ihren Mercedes an diesem Dezembertag von Stilli herkommend in Richtung Ortsverbindungsstrasse Lauffohr–Remigen gelenkt haben. «Nachdem die Beschuldigte nach rechts in die Ortsverbindungsstrasse eingebogen war, unterliess sie es pflichtwidrig und infolge einer Unachtsamkeit, unverzüglich nach dem Einbiegen den rechten Blinker zurückzusetzen, sondern beliess den Blinker bis zur Verzweigung in Richtung Villigen», heisst es im Strafbefehl, der Therese zu einer Busse von 60 Franken verurteilte und gegen den sie Einsprache erhob, weshalb sie vor Gerichtspräsident Sandro Rossi sass.

Zeugin will Blinker gesehen haben

An besagtem Dezembertag, als Therese auf der Ortsverbindungsstrasse in Richtung Remigen fuhr, kam von Villigen-Dorf her eine andere Fahrzeuglenkerin auf die Kreuzung zugefahren. Diese sah nach eigenen Aussagen, dass Therese blinkte, und nahm an, sie könne auf die Kreuzung fahren. Doch Therese bog nicht ab und es kam zur Kollision. Beide Frauen zogen sich kleinere Prellungen zu, an den Autos entstand Blechschaden. Für die Fahrzeuglenkerin, die als Zeugin vor Gericht aussagte, war klar, dass Therese geblinkt hatte. «Ich sah den Blinker zwei-, dreimal und sie fuhr relativ nahe am rechten Rand», so die Zeugin. Deshalb sei sie davon ausgegangen, die Beschuldigte biege ab und sie habe freie Fahrt.

Anschliessend befragte Gerichtspräsidentin Rossi die Beschuldigte, die trotz ihres Hörgeräts Mühe hatte, ihn zu verstehen. Die 70-Jährige war grau in grau gekleidet und erklärte, sie hätte an diesem Tag wie jede Woche ihre Mutter besuchen wollen. Sie kenne die Strecke.

Auf die Frage Rossis, wie genau sie geblinkt habe, als sie in die Ortsverbindungsstrasse eingebogen sei, entstand Verwirrung bei Therese. Rossi erklärte ihr, laut Bedienungsanleitung ihres Mercedes gebe es zwei Möglichkeiten, um zu blinken. Zum einen die Variante «Kurzblinken», bei der der Blinkerhebel nur angetippt wird und das Auto daraufhin dreimal blinkt, oder die Variante, bei der man den Blinkerhebel in eine andere Position bringt und das Auto daraufhin so lange blinkt, bis der Hebel zurückgesetzt wird. Therese konnte nicht mehr genau sagen, welche Variante sie an diesem Tag benutzt hatte, was vermutlich auch ihrer Nervosität geschuldet war.

Anwalt stellte Manöver nach

Ihr Anwalt hielt in seinem nachfolgenden Plädoyer fest, Therese habe zum Abbiegen selbstverständlich die Funktion des dauerhaften Blinkens gewählt. Er erklärte weiter, er habe das Manöver selber mit einem Mercedes des gleichen Typs nachgestellt. «Egal wie, das Auto stellt den Blinker selbstständig zurück, sobald das Lenkrad wieder gerade ist», so der Anwalt. Die Beschuldigte habe also nicht mehr geblinkt, als sie auf Höhe der Abzweigung in Richtung Villigen-Dorf mit der Zeugin kollidiert sei. Technisch sei der Vorwurf der Staatsanwaltschaft schlicht und einfach nicht möglich, weshalb er einen Freispruch für seine Mandantin forderte.

Nach einer kurzen Urteilsberatung verkündete Gerichtspräsident Rossi den Freispruch der Beschuldigten. Die Kosten des Verfahrens gehen zulasten des Staats und Therese wird eine richterlich genehmigte Entschädigung zugesprochen. Der Blinker diene der Koordination zwischen den Fahrzeuglenkern, sagte Rossi abschliessend. «Die Verkehrsteilnehmer sollten sich versichern, ob ein Blinker wirklich eine Richtungsänderung anzeigt, um solche Situationen zu vermeiden.»