Klaus Vogt gilt in Fachkreisen als Wegbereiter und Protagonist der Schweizer Wohnkultur. 1973 zierte die neue Stube der Familie Vogt aus Scherz das Cover der Zeitschrift «Das ideale Heim» und löste Diskussionen zum Wohnen aus. Der gelernte Bootsbauer, Designer und Architekt nannte sein von ihm entworfenes Doppeleinfamilienhaus mit Einliegerwohnung «ein gut bewohnbarer Rohbau». Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Raumaufteilung im Reihenhaus aus Kalksandstein wurde im Lauf der Jahre mehrmals den Bedürfnissen der Bewohner angepasst. Türdurchgänge wurden zugemauert und später wieder freigelegt – die Wände zum Teil gestrichen.

Kaum Veränderung erfuhr hingegen das Treppenkino in der Mitte des Hauses. Hier versammelten sich in den 70er-Jahren die Hausbewohner und verfolgten gemeinsam die Skirennen am Fernsehen. In der Zwischenzeit wurde der Bildschirm im Treppenhaus zwar grösser und flacher; er bildet aber für Klaus Vogt und seine Ehefrau Rosmarie noch immer das Fenster in die weite Welt. «Auf den Klappstühlen, die an der Wand befestigt sind, schauen wir manchmal die Tagesschau oder einen Krimi. Diese Einrichtung hat den Vorteil, dass der Wohnraum nicht durch den Fernseher dominiert wird», sagt der 76-Jährige und schmunzelt. Der gelernte Bootsbauer nutzt jeden freien Winkel aus.

Erster Scherzer Kindergarten

Vogts sind Nomaden im eigenen Haus. Angefangen haben sie am östlichen Ende des Hauses. Dort lebten sie, bis zwei der drei Söhne ausgezogen waren. In der zweiten Wohnung war eine befreundete Familie zu Hause und in der Mitte eine Einzelperson. Im Parterre entstand auf private Initiative ein Kindergarten für alle Kinder aus Scherz.

Dieses Projekt stiess im Dorf am Anfang auf grossen Widerstand und der Souverän lehnte damals an der Gmeind einen Kostenbeitrag über 800 Franken ab, erzählt Rosmarie Vogt. Heute befindet sich in diesem Raum ihr Winteratelier, wo sie mit unterschiedlichsten Materialien wie Papier Mache, Karton, Holz, Farben und Lacken dreidimensional arbeitet. Ab Februar sind einige ihrer Werke im Aarauer Rathaus und in Döttingen ausgestellt.

Als Vogts vor über 20 Jahren in die kleinste Wohnung zogen, war der Zeitpunkt gekommen, sich von persönlichen Gegenständen zu trennen und wieder neu einzurichten. Der ovale Holztisch im Wohnzimmer hat der älteste Sohn entworfen und realisiert; die verschiedenen, selbstdesignten und -gefertigten Stühle und Schränke aus Holz, Stahl und Kunststoff erinnern die Besucherin sofort an die erste Ausstellung über Klaus Vogt, die im November des vergangenen Jahres im Architekturforum in Zürich von Design+Design durchgeführt wurde, und sein Lebenswerk würdigte.

Nach Ausstellung Hocker-Neuauflage

«Mir war es immer wichtig, als Bootsbauer das Handwerk zu erhalten», sagt Klaus Vogt und trinkt einen Schluck Kaffee. «Wenn ich als Architekt arbeite und Möbel brauche, möchte ich die Gelegenheit nicht verpassen, selber das passende Stück zu entwickeln und herzustellen.» Vor dieser Herausforderung stand er auch, als nicht alle Bücher und Bildbände im Regal in der kleineren Wohnung Platz fanden. Klaus Vogt passte die Regalhöhe kurzerhand der Raumhöhe an und baute eine Bibliotheksleiter, die sich dank einem Rolllager auf einer Metallstange quer durch das Wohnzimmer schieben lässt. Für die Enkel war es ein Spielzeug.

Mit der Ausstellung in Zürich wurde einer seiner Holz/Metall-Hocker neuaufgelegt. Klaus Vogt wurde mit Bestellungen überrannt. Einzelteile für insgesamt rund 50 Hocker warten momentan in seiner Werkstatt neben Rosmaries Atelier darauf, zusammengesetzt zu werden. Es sind längst nicht nur die Stühle und Hocker, mit denen sich der Designer in Fachkreisen einen Namen gemacht hat.

Mindestens so bekannt sind auch seine Rollladenschränke und der Schrank Squadra, der an einen Bastelbogen erinnert. Allen Möbelstücken gemeinsam sind die ästhetische und platzsparende Form sowie die hohe Funktionalität und der Komfort.Eigenschaften also, die bei knappem Wohnraum und dichter Architektur mehr denn je gefragt sind. Seine Rollschränke wurden während Jahren von der Firma Thut AG in Möriken-Wildegg produziert. Heute wird nur noch der Endlossofa-Klassiker DS-600 für de Sede in Klingnau, an dessen Entwicklung Klaus Vogt beteiligt war, hergestellt.

Über Umwege nach Scherz

Würde es ihn nicht reizen, einige seiner Prototypen serienmässig herstellen lassen und zu vermarkten? Neuauflagen wären theoretisch schon noch möglich, räumt Klaus Vogt ein. Bloss wären diese mit erheblichem Aufwand und Kosten verbunden, bis man die passende Produktionsstätte gefunden hätte. Auch zweifelt der Designer daran, ob die Kunden dafür viel Geld ausgeben würden. «Bevor es Ikea gab, konnte man relativ einfach Möbel entwerfen und herstellen lassen. Seit der Discounter im Land ist, kann man mit dem Geld für ein fertiges Ikea-Möbel nicht mal mehr das Material für eine Massanfertigung bezahlen», so Vogt.

Der gebürtige Zürcher kam über Umwege nach Scherz. 1962 schloss er sein Studium als Innenarchitekt an der Kunstgewerbeschule Zürich ab. In Wohlen hatte die Familie Vogt dank einer Bauleitung ihren ersten Wohnsitz im Aargau. 1972 war Klaus Vogt Mitbegründer der Architekturgemeinschaft Fosco, Fosco-Oppenheim, Vogt. Diese realisierte in Scherz nach den gleichen Grundsätzen wie das Haus der Familie Vogt die Genossenschaftssiedlung «Höli». Und als ob es noch jemanden wundern würde, beherbergte die Überbauung den Dorfkindergarten, bevor dieser im alten Schulhaus eine definitive Bleibe bekam.