Bezirksgericht Brugg
Seine Wohnung war eine Drogenhöhle: Letzte Chance für einen 42-jährigen Schweizer

Wegen qualifizierter Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz stand ein 42-jähriger Schweizer vor dem Bezirksgericht Brugg. In seiner Wohnung hat er Heroin- und Kokaingemische konsumiert. Er lieferte sie aber auch aus.

Michael Hunziker
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Er habe die Dealer gewähren lassen, um so zu Stoff für den Eigenkonsum zu kommen, beteuerte der Angeklagte. (Symbolbild)

Er habe die Dealer gewähren lassen, um so zu Stoff für den Eigenkonsum zu kommen, beteuerte der Angeklagte. (Symbolbild)

KEYSTONE/MARTIN RUETSCHI

Von einer Drogenhöhle ist die Rede gewesen am Bezirksgericht Brugg, von einem Gassenzimmer für Drogensüchtige. In einer Wohnung im Raum Brugg sind Heroin- und Kokaingemische sowohl konsumiert als auch portioniert und ausgeliefert worden – mehrmals täglich und über einen Zeitraum von mehreren Monaten im 2018. Einige Involvierte haben die Justiz schon wiederholt beschäftigt.

Diese Woche vor dem Gesamtgericht erscheinen musste Reto (Name geändert), in dessen damaligem Zuhause die Drogen gelagert wurden. Qualifizierte Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie mehrfache Vergehen gegen das Waffengesetz wurden dem 42-jährigen Schweizer als strafbare Handlungen zur Last gelegt.

Mit der Zeit geriet die Situation ausser Kontrolle

Er habe die Dealer gewähren lassen, um so zu Stoff für den Eigenkonsum zu kommen, führte Reto aus. Es habe sich dann eine Eigendynamik entwickelt. Mit der Zeit sei ihm die Situation entglitten, er habe nicht mehr viel zu melden gehabt. «Es ist immer mehr ausgeufert.» Schliesslich habe er die Dealer – «Leute aus dem Balkan» – und ihr Klientel loshaben wollen. Aber diese seien immer wieder zurückgekommen.

Er wolle das ganze Theater hinter sich lassen, versicherte Reto, sein Leben ohne Drogen meistern. Seit über einem Jahr konsumiere er kein Heroin mehr, betonte er. Bei den Fragen zu seiner Person zeigte sich der Beschuldigte auskunftsfreudig. Begleitet von zwei Polizisten erschien er im grauen Anzug mit weissem Hemd und Krawatte, drückte sich mit gewählten Worten aus.

In Retos Wohnung gefunden wurden neben Betäubungsmitteln auch Pistolen, Munition, Dolche oder Teleskopschlagstöcke. Wie er zu den Waffen gekommen sei, konnte er nicht sagen auf die Frage von Gerichtspräsident Sandro Rossi. «Die hat jemand gebracht und sie blieben liegen.» Die Angaben zu den Mengen der umgesetzten Drogen, zur Zahl der Abnehmer oder zum Reinheitsgehalt blieben ebenfalls vage.

Einer der Drogenläufer, der eine Weile bei Reto gewohnt hatte und der bereits verurteilt worden ist, sagte als Zeuge aus. Auch er antwortete auf die Fragen oft nur mit «gut möglich» oder «ich kann mich nicht erinnern» und «ich weiss es nicht».

Irgendeinmal macht der Körper nicht mehr mit

Der Staatsanwalt bezeichnete die Ausführungen des Beschuldigten als schwammig und widersprüchlich, als nicht glaubhaft. Für ihn war unbestritten, dass die Wohnung als Basis für die Drogenläufer zur Verfügung gestellt wurde. Er sprach von erheblichen Mengen über einen erheblichen Zeitraum und einer erheblichen kriminellen Energie. Von einer – weiteren – stationären Massnahme sei mangels Aussicht auf Erfolg abzusehen. Eine Freiheitsstrafe von vier Jahren erachtete der Staatsanwalt als angemessen.

Auch die Gutachterin hatte zu Beginn der Verhandlung erklärt, dass sie die Erfolgsaussichten einer Massnahme als eingeschränkt einschätze, eine wesentliche Veränderung beim Betäubungsmittelkonsum des Beschuldigten als unrealistisch zum jetzigen Zeitpunkt. Sie schlug eine vollzugsbegleitete Therapie vor. Der Verteidiger bezeichnete den Strafantrag der Staatsanwaltschaft als massiv überhöht, verwies auf nicht ausreichende Beweise. Eine teilbedingte Strafe von zweieinhalb Jahren sei adäquat. Es sei eine vollzugsbegleitende Massnahme auszusprechen.

Das Gericht ging von einem mittleren Verschulden aus, verurteilte den Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren. Diese wird zu Gunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben. Der Beschuldigte müsse sich bewusst sein, sagte Gerichtspräsident Rossi zum Schluss, dass der Körper irgendeinmal nicht mehr mitmache. Die stationäre Massnahme sei eine – letzte – Chance, um auch den 55., 60. oder 65. Geburtstag zu erleben. «Sie haben es in der Hand.»