Aargauer Geiger
Sebastian Bohren: «Ich habe keine Angst»

Stetig wird er internationaler: Der Umiker Geiger Sebastian Bohren erklimmt eine Sprosse nach der anderen auf der Karriereleiter .

Elisabeth Feller
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Jung sind beide: Der Geiger Sebastian Bohren und der Campus.

Jung sind beide: Der Geiger Sebastian Bohren und der Campus.

Emanuel Freudiger

Er liebt es, Schnippchen zu schlagen. An Mozarts 250. Geburtstag hat er kein Werk des Gefeierten gespielt. Dafür jenes eines weiteren Frühvollendeten: Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert. Nicht das spukhafte in e-Moll, sondern das quirlige in d-Moll. In Sebastian Bohrens Augen blitzt es amüsiert auf, spricht man ihn darauf an. Tempi passati. Das liegt lange zurück. Zwar erst acht Jahre, aber die schätzt der Aargauer Geiger wie eine Reise von der Erde zum Mond ein. Was hat sich nicht alles zwischen 2006 und 2014 ereignet.

Aus dem hoch talentierten, einst für Hard Rock schwärmenden Teenager mit einer späteren, temporären Vorliebe für ein dandyhaftes Outfit ist ein ernsthafter junger Musiker geworden, der eine Sprosse nach der anderen auf der Karriereleiter erklimmt: nicht rasant, sondern bedachtsam.

Beim diesjährigen Solistenkonzert im Luzerner KKL mit Karol Szymanowskis Violinkonzert Nr. 2 hatte der 26-Jährige derart überzeugt, dass ein Kritiker schrieb: «Sebastian Bohren tritt mit grosser Stilsicherheit und künstlerischer Kontrolle aus dem Ensemble hervor. Er spielt seine Stradivari reif und voll, zeichnet die langen Linien emotionell, ausladend ist das Vibrato. Fast besessen folgt er der irren Dichte der Komposition, nur wenig Luft bleibt zum Atmen übrig.» Natürlich geht ein solches Lob wie Honig runter, doch sich davon blenden lassen – nein. Sebastian Bohren arbeitet weiter eisern: an neu einzustudierenden Partituren und an sich selbst. Nach Lehrjahren bei Violinpädagogen wie Jens Lohmann, Zakhar Bron und Igor Karsko, studiert er derzeit an der Musikhochschule München in der Meisterklasse mit Ingolf Turban. Betreut wird er jedoch auch von Ana Chumachenco, aus deren Talentschmiede schon viele weltbekannte Geiger und Geigerinnen wie etwa Veronika Eberle, Julia Fischer und Lisa Batiashvili hervorgegangen sind. Weltkarriere: welch grosses Wort. Sebastian Bohren nimmt es nicht in den Mund. Er weiss, wie beinhart eine Musikerlaufbahn ist; er weiss, wie vieles von Umständen und Menschen abhängig ist. Er weiss aber auch, dass er selbst aktiv werden muss, will er vorankommen.

Schon früh hat er erkannt, «dass keiner auf mich wartet», ergo hat er die Organisation von Konzerten selbst in die Hand genommen. Seit kurzem ist er Mitglied des Stradivari Quartetts, tourt mit diesem in Europa sowie China und spielt ein Instrument des berühmten Cremoneser Geigenbauers Antonio Stradivari, das ihm die Stiftung Habisreutinger zur Verfügung gestellt hat: King George III. Sebastian Bohren pflegt einen ebenso respekt- wie freundvollen Umgang mit dem musikalischen König.

Die Geschichte, die mit diesem Instrument verknüpft ist, gleicht einem Krimi. «König Georg III. war Eigentümer der Stradivari, die er einem schottischen Offizier schenkte», sagt Bohren und fährt fort: «Dieser fiel 1813 als Kavallerist unter Wellington in der Schlacht von Waterloo. Seine Geige blieb unversehrt: Man fand sie in der Satteltasche seines Pferdes.» Dass er die King George III. nun spielen darf, ist für Bohren ein Traum. «Aber das Spielen auf einem solchen Instrument ist nicht gratis zu haben. Es ist harte Arbeit.» Der Aargauer beschreibt die King George «als golden und tief, doch ich will etwas mehr Silber erreichen». Konkret: «Diese Geige soll noch etwas schlanker und brillanter werden.» Wie das klingt, wird man am 26. Oktober in der Stadtkirche Brugg und 2015 auch beim Boswiler Sommer hören können. Dort ist Sebastian Bohren Festival Artist und wird in dieser Eigenschaft mit den Chamber Aartists die Violinkonzerte von Schumann (Leitung: Heinrich Schiff) und Beethoven spielen.

Da nimmt er sich den Mount Everest der Violinliteratur vor. «Ich habe keine Angst davor», sagt er und das klingt nicht nach Überheblichkeit, sondern nach Selbstbewusstsein, realistischer Selbsteinschätzung und Entflammbarkeit. Diese Mischung ist es, die Sebastian Bohren selbstkritisch, aber auch enthusiastisch immer wieder nach den Sternen greifen lässt. Er schwärmt von der im kommenden Frühling anstehenden
CD-Einspielung des Beethoven-Solitärs auf der Insel Rheinau – «mit kleinem Ensemble und ohne Dirigenten». Nichts weniger als eine «massstäbliche Aufnahme» soll es werden. «Man muss den Mut des Einfältigen drangeben», sagt Sebastian Bohren mit poetischer Inbrunst.