Brugg-Windisch

Schweizer Diplomat rettete 62000 Juden – jetzt erhält er späte Ehre

Am Eröffnungsanlass der Wanderausstellung erinnerte sich der ungarische Zeitzeuge André Sirtes an seinen Lebensretter Carl Lutz. Weil er während des Zweiten Weltkrieges tausenden Juden Schutzbriefe ausstellte, entgingen sie dem Tod.

62 000 Menschen verdanken Carl Lutz ihr Leben. Der Schweizer Diplomat aus Walzenhausen (AR) stellte während des Zweiten Weltkriegs in eigener Regie gefährdeten Juden Schutzbriefe aus. Die Schweiz zollte Lutz lange wenig Respekt für seine Taten.

Jetzt wird dies anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar mit einer Wanderaustellung über den couragierten Schweizer nachgeholt. Noch bis zum 21. Februar macht die kleine Ausstellung erstmals in Brugg, Solothurn und Aarau halt.

Erinnerungen wach gehalten

Am Mittwochabend fand im Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch der Eröffnungsanlass statt. Urs Urech, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Pädagogischen Hochschule, sprach mit dem ungarischen Zeitzeugen André Sirtes.

Die Produktionsleiterin Margot Hug will mit der Ausstellung einen Beitrag dazu leisten, dass die Schrecken des Zweiten Weltkriegs nicht in Vergessenheit geraten: «Es geht darum, die Erinnerungen wachzuhalten in unserer Zeit.»

Als André Sirtes die Podiumsbühne betritt, ist es bereits ganz still im Raum. Der alte Mann spricht langsam und klar. Er drückt sich sehr bedacht aus. «Ich war damals, 1944, neun Jahre alt. Es fing alles mit dem gelben Stern an», beginnt Sirtes. Der Vater war damals schon tot – er wurde zwei Jahre zuvor nach Russland verschleppt und starb auf einem Minenfeld.

Es blieben noch die Mutter, er und seine zwei Brüder. «Wir waren eine ‹gekürzte› Familie», meint der 78-Jährige lächelnd. Im Oktober 1944 wurde die Mutter dann nach Dachau gebracht. Die Kinder kamen in ein Jugend-Konzentrationslager. Dort gelang neben dem jungen Sirtes auch 15 anderen Kindern die Flucht. «Wir schlüpften unter dem Hag hindurch und konnten so fliehen», erzählt der Ungar.

Carl Lutz kommt ins Spiel

Zwei Tage später stürmten Nazi-Schergen das Jugend-KZ und ermordeten willkürlich Häftlinge oder verschleppten sie nach Auschwitz. Nur wenige überlebten das systematische Abschlachten. Nach diesem Fluchtmoment kam er unter die Fittiche von Carl Lutz: Sirtes Bruder erhielt einen Schutzpass, da er invalid war.

Doch Lutz schrieb im Fall Sirtes die Namen aller Familienmitglieder auf den Schutzbrief – nicht nur den des Bruders. Im Jargon der Nationalsozialisten war eine «Einheit» eine jüdische Person. Der Diplomat jedoch interpretierte diesen Begriff vorsätzlich falsch und stellte pro «Einheit» einer ganzen Familie einen lebensrettenden Schutzbrief aus. Zurück in Bern sollte der Schweizer später deswegen als «schusseliger Beamter» betitelt werden.

Dem Tod entronnen

Carl Lutz liess in Budapest 72 Schutzhäuser für Menschen jüdischen Glaubens errichten. Dorthin unter Lebensgefahr begleitet wurden die Juden von Widerstandskämpfern. Die Familie Sirtes wurde im berühmtesten Haus untergebracht, dem «Glashaus». Sicher waren die jüdischen Gläubigen in diesen Bauten deshalb, weil auf jeder Hausfassade ein Schweizer Kreuz prangte.

Somit waren die Häuser als exterritoriales Schweizer Gebiet gekennzeichnet und nicht der Judenhetze der Nazis ausgesetzt. «Es war kein El Dorado, aber wir konnten mehr oder weniger ruhig dort leben», sagt Sirtes über die Schutzhäuser.

Traumatische Kindheit aufgearbeitet

Dass er Carl Lutz sein Leben verdankt, erfuhr der Ungar erst als Erwachsener, lange Zeit nach dem Krieg. Diese Tatsache nennt Sirtes auch als Grund, warum er seine traumatische Kindheit aufarbeiten konnte. «Als Kind war mir nicht bewusst, wie schrecklich das, was ich erlebt hatte, eigentlich war.»

Der 78-Jährige entkam mehr als einmal dem Tod. Eine Situation bleibt ihm jedoch besonders lebhaft in Erinnerung: Eines Tages wurden er und seine Freunde ans nahe Donau-Ufer verschleppt. «Wir wussten, dass dort regelmässig Exekutionen stattfanden. Just als der Kommandant auf den ersten Juden zielte, hörten wir über uns Lärm – es war ein Bombardement der Amerikaner.» Die Nazis seien dermassen erschrocken, dass die Kinder währenddessen das Weite suchten.

«Wer ein einziges Leben rettet . . .»

Als der Krieg endlich ein Ende gefunden hatte, erreichte sie die frohe Botschaft, dass ihre Mutter das KZ überlebt hatte. «Meine einst so schöne Mutter wog nach dem KZ nur noch 25 Kilogramm», erinnert sich Sirtes schmerzlich. Sie fand ihre Söhne über eine öffentlich zugängliche Liste aller Überlebenden wieder.

Noch zwei Jahre mussten vergehen, bis die zwei Buben zurück zu ihrer Mutter nach Ungarn konnten.

Später heiratete André Sirtes und zog mit seiner Familie für 13 Jahre nach Israel. Über Österreich konnten sie dank einer Tante schliesslich in die Schweiz einreisen. Auf einer Plakette bei der Carl-Lutz-Gedenkstätte prangt dem Helden zu Ehren ein Satz aus dem Talmud: «Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.» Carl Lutz rettete nicht nur ein Leben. Dank ihm überdauerten Generationen ungarischer Juden das Nazi-Regime.

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