Brugg
Schweiz und Deutschland: Die Unterschiede machens interessant

Hochrhein und Aargau, Nachbarn oder Konkurrenten? – so lautete die Frage am Business-Lunch.

Michael Hunziker
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Beim Stichwort Grenze denken viele zuerst an die regelmässigen Staus am Zoll.

Beim Stichwort Grenze denken viele zuerst an die regelmässigen Staus am Zoll.

Walter Schwager

Die Grenze markiere die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland. Und genau diese Unterschiede seien es, die das Leben interessant machen, sagte Martin Albers, vormaliger Oberbürgermeister von Waldshut-Tiengen. Gestern Donnerstagmittag hat er am Business-Lunch der Vereinigung Christlicher Unternehmer der Schweiz (VCU) referiert unter dem Titel «Der deutsche Hochrhein und der Kanton Aargau – Nachbarn oder Konkurrenten?» in den Räumlichkeiten des Berufs- und Weiterbildungszentrum Brugg (BWZ).

Die Grenze beeinflusse den Alltag und bringe, lautete Albers’ Fazit, viele Vorteile. Diese gelte es herauszustreichen. Die Nachteile dagegen müssten gemildert werden, so gut es geht. «Ohne die Schweiz wäre es nicht so toll am Hochrhein», stellte Albers fest. Allerdings, fügte er an, erlebe die deutsche Bevölkerung eine starke Abhängigkeit von der Schweiz. Und eine solche sei weniger angenehm.

Das Thema sei nicht ohne Brisanz, sagte Louis Dreyer, Präsident der VCU-Regionalgruppe Aargau/Solothurn. Er erwähnte die regelmässigen langen Staus, die Einkaufstouristen sowie den starken Franken. Letzterer, erklärte Albers, stelle eines der grossen Hindernisse dar, die Region voranbringen zu können. Der Hochrhein sei wunderbar, verfüge über eine reiche Kulturlandschaft.

Fast jeder Zehnte ist Grenzgänger

Der Referent zeigte auf, dass fast jeder Zehnte im Landkreis Waldshut Grenzgänger ist, dass die Zahl in den letzten Jahren stetig gestiegen ist. Rund 7000 fahren täglich in den Aargau – allerdings entspreche diese Zahl nur einem Bruchteil derjenigen, die in der Schweiz pendeln nach Basel oder Zürich. Deshalb sei der Verkehr kein grosses Thema an der Grenze, hielt Albers fest. «Der Aargau hat andere Verkehrsprobleme zu lösen als die Brücke in Koblenz.»

Der frühere, langjährige Oberbürgermeister verwies auch auf das Gefälle beim Bruttoinlandprodukt pro Kopf, das in Waldshut nur etwa halb so hoch ist wie im Aargau. «Wir sind emotional in einer verzwickten Situation.» Denn der Landkreis sei eingeklemmt zwischen den grossen Wirtschafts- und Machtzentren im Norden und Süden – ähnlich wie der Aargau, der sich zwischen Zürich und Basel befindet. Einst seien Schweizer Firmen in den deutschen Grenzraum gezogen, dorthin, wo sich Arbeitskräfte und Rohstoffe befanden. Heute sei Waldshut ein Abwanderungsgebiet.

In der Regel leben Schweizer und Deutsche nebeneinander, ohne viel Notiz voneinander zu nehmen, fuhr Albers fort. Es gebe wenige, dafür heftige Konkurrenzverhältnisse. Beim Einkauf führe die Grenze zu Ungleichheiten. Von diesen profitieren zwar die Geschäfte in Waldshut und am Hochrhein, bei der Bevölkerung dagegen würden sie als ungerecht empfunden. Beim Thema Tourismus, legte der Referent dar, werden im Schwarzwald viele Tagesgäste aus der Schweiz gezählt, bei den Übernachtungen seien aber vor allem die Deutschen vertreten. Was wäre, wenn die Grenze nicht dort wäre, wo sie jetzt ist, fragte Albers. Im Schwarzwald würde es, so seine Schlussfolgerung, düsterer und leerer aussehen. Ohne Grenze, äusserte sich Albers ebenfalls überzeugt, wäre auch die Autobahn anders gebaut worden.

EU-Beitritt? Unbedingt

Die Grenze sei massiv in den Köpfen vorhanden, seit Ende des Zweiten Weltkriegs habe sich nicht viel verändert, obwohl grosse Anstrengungen unternommen wurden, führte der Referent aus. Bei der Planung einer neuen Brücke, machte er ein Beispiel, seien etliche Behördenvertreter involviert. «Bei der Grenze darf jeder mitreden.» Trotz grossem Aufwand: «Das macht Spass und gibt spannende Begegnungen.» Gerade solche finden seiner Ansicht nach viel zu selten statt.

Neben strittigen Themen wie Wissenschaft und Bildung, Gesundheit, Endlager oder Fluglärm gebe es auch etliche Gemeinsamkeiten und verbindende Elemente. Albers nannte die Stichworte Polizeiarbeit oder Strommanagement. Es gebe überdies die Zusammenarbeit im Kleinen, wie bei den Schulpartnerschaften. Und gerade dort, im Kleinen, lasse sich vieles bewerkstelligen.

Ob er einen EU-Beitritt der Schweiz befürworten würde, wurde Albers nach seinem lebhaften und unterhaltsamen, rund einstündigen Referat gefragt. Unbedingt, antwortete dieser nach kurzer Bedenkzeit, denn es gebe Probleme, die auf nationalstaatlicher Ebene nicht zufriedenstellend gelöst werden könnten.