Umiken/Villnachern

Schulunterricht dank Hilfe aus dem Aargau: Die Reportage aus dem afrikanischen Nirgendwo

Seit Jahren unterstützen die reformierte Kirchgemeinde sowie eine Familie eine kleine Primarschule im Dorf Bouara im westafrikanischen Land Niger – eine Reportage.

Um 6 Uhr morgens hupt ein Auto vor dem Tor. Ich lege ein hellblaues Tuch über den Kopf, ziehe eine Faserpelzjacke an und schlüpfe in die Flipflops. Obwohl wir uns im Niger befinden, einem Binnenstaat in der Sahelzone, ist es draussen kühl.

Die Stadt Zinder liegt noch im Halbschlaf. Die Strasse führt fadengerade Richtung Osten. Unser Ziel: Bouara, ein kleines Dorf im westafrikanischen Busch, rund 70 Kilometer von Zinder entfernt. Eine Stunde später biegen wir von der asphaltierten Strasse ab. Eine Sandpiste schlängelt sich zwischen den trockenen Sträuchern Richtung Norden.

Am Horizont tauchen zwei Gebäude auf. Es ist die Primarschule von Bouara. Sonst weit und breit kein Haus, keine Strasse, keine Strassenlampe, kein Strommast. Die Menschen von Bouara wohnen in einfachen Strohhütten. Sie leben von der Viehzucht und bauen in der Regenzeit Hirse an.

Schulweg dauert bis eine Stunde

Hier steht seit fünf Jahren eine Schule. Eine Schule, die es ohne die Unterstützung aus dem Aargau nicht gäbe: Seit vielen Jahren sammeln die Reformierte Kirchgemeinde Umiken sowie die Familie von Jörg und Pia Stämpfli aus Villnachern Spenden für das Dorf im westafrikanischen Busch.

Dank der Unterstützung aus der Region Brugg konnte in Bouara ein zementierter Brunnen gebaut werden – und im Jahr 2012 die zwei Klassenzimmer. «Ecole Harouna Doua», steht da auf dem Schild am Eingangstor. Harouna, nach dessen Name die Schule benannt wurde, ist in Bouara aufgewachsen.

Als junger Mann kam er schwer krank in die Schweiz, konnte hier operiert werden und kehrte in sein Dorf zurück. Später war er mehrmals zur Nachbehandlung in Villnachern bei der Familie Häusermann zu Besuch. Vor zwei Jahren, nach mehrjähriger Krankheit, ist der inzwischen über 40-jährige Mann verstorben.

Als wir ankommen, treffen die ersten Kinder bei der Schule ein. Bis zu einer Stunde sind sie unterwegs, um am Unterricht teilnehmen zu können. Im Vergleich zu anderen öffentlichen Schulen sind die Klassenzimmer gut ausgerüstet: mit Schulbänken, einer Wandtafel, genügend Schulmaterial. Und die Lehrer sind anwesend. An vielen öffentlichen Schulen im Niger tauchen die Lehrer nicht einmal zum Unterricht auf.

Am Mittag gibt es für alle Kinder eine warme Mahlzeit, die nur dank der Unterstützung aus der Schweiz möglich ist. «Ohne diese warme Mahlzeit würden viele Eltern ihre Kinder gar nicht zur Schule schicken», sagt Moutari, der lokale Projektverantwortliche.

Sie riskieren Leib und Leben

Der Niger gehört zu den ärmsten Ländern weltweit. Die Alphabetisierungsrate beträgt gemäss Unesco nur rund 15 Prozent. Eine Frau bringt durchschnittlich 7,6 Kinder zur Welt. Viele Jugendliche haben die Schule nicht abgeschlossen und können keine Berufsausbildung absolvieren. Die Perspektivlosigkeit unter den jungen Menschen ist gross.

Viele Männer suchen einen Ausweg und verlassen ihr Heimatland – Richtung Libyen, Richtung Mittelmeer. Sie riskieren dabei Leib und Leben. Der Niger steht in den Grenzregionen vermehrt unter dem Einfluss der radikal-muslimischen Boko Haram. So haben im Jahr 2015 in den Städten Niamey, Zinder und Diffa Plünderungen und Brandschatzungen stattgefunden, mehrheitlich ausgeführt von jungen Banden, die von der Boko Haram zur Gewalt angestiftet wurden. Eine Schulbildung ist eine Möglichkeit, die Kinder vor der Radikalisierung zu schützen und die Perspektivlosigkeit der jungen Menschen zu verringern.

Neben der Schule wurde vor kurzem ein kleiner Hühnerhof errichtet. Auch dieser ist dank der Unterstützung aus der Schweiz entstanden. Zurzeit tummeln sich rund 700 Junghennen im Hühnerstall. «Ziel ist es, dass die Dorfgemeinschaft eine gewisse Selbstständigkeit erlangt», erklärt Moutari.

Durch den Verkauf der Eier sollen sie in Zukunft die Kosten für das Mittagessen der Kinder selber tragen können. «Zudem können die Kinder ein unternehmerisches Denken lernen», sagt Moutari, «damit sie später den Mut und die Kreativität haben, für sich selber einen Lebensunterhalt zu verdienen.»

Es ist ein Zeichen der Freundschaft

Ein Schulgarten mit jungen Moringabäumen befindet sich direkt vor den Klassenzimmern. «So erfahren die Kinder, wie man Bäume und Gemüse pflanzt und was es braucht, damit sie gut gedeihen können», erklärt Moutari.

Inzwischen treffen die Eltern der Kinder sowie die Dorfältesten bei der Schule ein. Die Dorfgemeinschaft spricht ihre Dankbarkeit gegenüber den Unterstützern in der Schweiz aus und übermittelt Grüsse an all die Menschen aus dem Aargau, die ihren Kindern die Schule ermöglichen. Es sind Worte der Dankbarkeit – und vor allem ein Zeichen der Freundschaft, welche die Menschen aus Bouara und die Menschen aus der Region Brugg seit vielen Jahren verbindet.

*Tabea Baumgartner (27) ist in Brugg aufgewachsen. Sie studierte Geografie und Geschichte und arbeitete mehrere Jahre als freie Mitarbeiterin für die Aargauer Zeitung. Bereits in den Jahren 2008 und 2010 besuchte sie den westafrikanischen Staat Niger. Eben war sie erneut im Niger unterwegs und besuchte unter anderem die Primarschule in Bouara.

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