Brugg
Schule in den 1940er-Jahren: «Wir hatten keine Angst vor dem Krieg»

Walter Bachmann (90) erarbeitete zusammen mit Traugott Riniker (†) und dem Jahrgang 1928 eine Chronik. Sie beschreibt die Schulzeit der Klasse in der Bezirksschule Brugg während der Kriegsjahre 1940 bis 1944.

Ina Wiedenmann
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Walter Bachmann (Jahrgang 1928), hat gemeinsam mit dem mittlerweile verstorbenen Traugott Riniker eine Klassenchronik.

Walter Bachmann (Jahrgang 1928), hat gemeinsam mit dem mittlerweile verstorbenen Traugott Riniker eine Klassenchronik.

Ina Wiedenmann

Vorsichtig blättert Walter Bachmann (90) Fotoalben und dick bepackte Ordner mit Zeitungsartikeln, Schriftstücken und Listen durch, die ihn an alte Schulzeiten und an Traugott Riniker erinnern. Er schaut auf und betont: «Ohne Traugott wäre diese Chronik nicht entstanden». Mitte August ist Riniker verstorben.

Dann widmet sich Bachmann wieder den Unterlagen. «Drei solche Ordner habe ich für die Chronik durchgesehen», sagt er an seinem Wohnzimmertisch in Aarau und wirkt mit seinem blauen Hemd und der dezent gestreiften Krawatte sehr aufgeweckt. Seine Frau Anna (89) kommt kurz ins Zimmer und schaut nach dem Rechten.

«Ich war der Schreiberling in meiner Klasse», erklärt Bachmann mit seiner tiefen, weichen Stimme. Daher war er an der Zusammenfassung der Erinnerungen massgeblich beteiligt. «Unterstützt wurde ich von Peter Berthelé im Bereich Redaktion und Gestaltung sowie von Hugo Schmid im Bereich Druck», sagt er weiter. Dies sind zwei jüngere Bezirksschulkameraden, die sehr zum Gelingen der Chronik beigetragen haben.

Der Krieg war wie ein Schachspiel

Ein Blick zurück in die Zeit von damals: Im Album vor ihm betrachtet er ein Klassenfoto aus dem Jahre 1944. Darauf schauen alle Knaben seiner Klasse 4A hoffnungsvoll in die Zukunft. Walter Bachmann sitzt auf dem Klassenfoto vorne rechts, Riniker steht unterhalb des Lehrers Jakob Häuptli. «Traugott Riniker war mein bester Freund», erklärt Walter Bachmann und wirkt nachdenklich. «Die Klasse war an sich sehr homogen. Bei uns gab es keine Aussteiger», sagt der Chronikautor. «Wir hatten während der Schulzeit auch keine Angst vor dem Krieg. 1939 und 1940 war das Ringen für uns wie ein Schachspiel.» Aber es folgte für alle eine entbehrungsreiche Zeit mit rationierten Lebensmitteln und kontingentierten Materialien wie Kleider, Kohle, Leder oder Öl.

Vorne rechts sitzt Walter Bachmann, Traugott Riniker steht vor dem Lehrer. Walter Bachmann (Jahrgang 1928), hat gemeinsam mit dem mittlerweile verstorbenen Traugott Riniker eine Klassenchronik. Sie beschreibt deren Schulzeit in der Bezirksschule Brugg (1940 bis 1944) während der Kriegsjahre.

Vorne rechts sitzt Walter Bachmann, Traugott Riniker steht vor dem Lehrer. Walter Bachmann (Jahrgang 1928), hat gemeinsam mit dem mittlerweile verstorbenen Traugott Riniker eine Klassenchronik. Sie beschreibt deren Schulzeit in der Bezirksschule Brugg (1940 bis 1944) während der Kriegsjahre.

Ina Wiedenmann

Walter Bachmann ist im nördlichen, kinderreichen Dorfteil von Windisch aufgewachsen, dem heutigen Unterwindisch. Es sei eine lärmige Gegend gewesen mit viertelstündigem Glockenschlag der Dorfkirche, ratternden Zügen, den Fabriksirenen und lauten Motorbremsen der Spinnerei- und Kieswerk-Lastwagen. Sein Vater war Rebbauer, seine Mutter kam aus einem Bauernhaus und hatte ihn und seine Schwester Margrit streng erzogen.

In der Chronik schreibt er: «Einige meiner späteren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden lernte ich bereits im Kindergarten der Spinnerei Kunz (Gfätterlischuel im Schache) kennen.» Seinen Schulweg legte er zu Fuss zurück, zweimal täglich je eine halbe Stunde von Windisch nach Brugg und wieder zurück. Den Hinweg habe er meist trabend, den Rückweg eher trödelnd zurückgelegt. Und er schreibt über seine Schuhe. Die Eltern hätten seine Schuhsohlen mit allen möglichen Materialien stabilisiert, weil Leder und Gummi rar und nur mit Beziehungen aufzutreiben waren.

Die Kriegsjahre schweissten den Jahrgang so zusammen, dass er sich auch nach Ende der Schulzeit immer wieder traf: sei es bei Klassentreffen, «Metzgeten», «Blätzfesten» oder bei monatlichen «Höcks» in den Brugger Restaurants. Das Wiedersehen tat ihnen gut. An der letzten Klassenzusammenkunft vor fünf Jahren hatte Traugott Riniker den Mitschülern vorgeschlagen, die Schulerlebnisse des Jahrgangs zu publizieren. Seither kam der Jahrgang nicht mehr zusammen. «Riniker hatte noch die erste Version unserer Chronik in den Händen», erzählt Bachmann und scheint an seinen Freund zu denken.

Anker in einer besonderen Zeit

Das Vorwort der Klassenchronik verrät, dass im Jahr 1940 knapp 100 Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 1928 in die Bezirksschule Brugg eintraten. Sie waren damals 12 Jahre alt. Drei Klassen entstanden: eine Knaben- und eine Mädchenklasse sowie eine gemischte Klasse. «Erstbezler wurden sie genannt», so Bachmann. 20 von ihnen leben heute noch, zehn haben ihre Erlebnisse für diese Chronik aufgeschrieben. Sie scheint wie ein Anker in eine besondere Zeit zu sein.

Der Jahrgang 1928 verliess vor 74 Jahren die Bezirksschule Brugg. Jeder ist danach seinen eigenen Weg im Leben gegangen. Sie wurden Botschafter, Monteur, Buchdrucker, Stadtrat oder Lehrer. Walter Bachmann hat viele Jahre bei der Kantonalbank gearbeitet, wie auch sein Freund Traugott Riniker. Behutsam klappt Bachmann den Ordner wieder zu, legt die Alben zur Seite und erhebt sich mithilfe seiner Krücken vom Tisch. Die Hüfte macht ihm zu schaffen.

Die Buchvernissage findet statt am Donnerstag, 1. November, um 18.30 Uhr im Singsaal der Bezirksschule Brugg. Es spricht Titus Meier, Historiker, Bezirksschullehrer und selbst ehemaliger Schüler dieser Schule. Der Chor der Bezirksschule Brugg umrahmt musikalisch den Anlass. Die Autoren des Buchs sind Traugott Riniker und Walter Bachmann, es handelt sich bei ihnen um Brugger Bezirksschüler mit Jahrgang 1928, die von 1940 bis 1944 die Bezirksschule besuchten. (iwi)