Zu einem spektakulären Unfall kam es letztes Jahr am 6. November. Thomas (Name geändert) war mit einem nigelnagelneuen Sattelschlepper auf der Bözbergstrasse Richtung Effingen unterwegs. Es war kurz vor Mittag. Noch am Freitag zuvor absolvierte der damals 21-Jährige einen Kurs zur Bedienung des modernen Lastwagens. Gemäss eigenen Aussagen vor Gericht hat sich der Beschuldigte Thomas am Tag des Unfalls gut gefühlt. Geladen hatte er Zement in einer Art Mehl- oder Staubform, wie er auf Nachfrage von Gerichtspräsident Sandro Rossi sagte. «Entsprechend ist diese Masse immer in Bewegung, der Schwerpunkt nie am gleichen Ort.»

In der leichten Linkskurve, etwa 400 Meter nach dem Restaurant Vierlinden, passierte das Unglück: Thomas gelangte mit den rechten Rädern neben die Fahrbahn und in die Wiese. Er versuchte, noch zu reagieren, doch der Anhänger schlitterte weiter in die Wiese. Und weil diese vom Regen matschig war, sank der Anhänger ein, kippte und zog aufgrund des Gewichts auch den vorderen Teil des Lastwagens mit, der dann ebenfalls kippte. Um die Situation zu veranschaulichen, brachte der Chauffeur ein selbst gebasteltes Lastwagenmodell mit vor Bezirksgericht. Er selber verletzte sich damals leicht. Die aufwendige Bergung des havarierten Lastwagens und die Reinigungsarbeiten dauerten bis kurz nach 18 Uhr. Entstanden war ein Schaden von 300 000 Franken an Lastwagen und Wiese.

Nach dem Vorfall war Thomas drei Monate arbeitsunfähig. Weil ihm sein Chef keinen LKW mehr geben wollte, war er sogar einen Monat lang arbeitslos, bis der Chef ein Einsehen hatte und ihn doch wieder einstellte.

Arbeitslosigkeit droht

Vor Gericht war Thomas, weil er den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft nicht akzeptierte. Diese forderte einen Schuldspruch aufgrund Verletzung der Verkehrsregeln und eine Busse von 400 Franken. Die Geldbusse wäre für Thomas eigentlich kein Problem gewesen. Seine Befürchtung war, dass ein Schuldspruch Konsequenzen auf das Administrativverfahren hat. Konkret: Entzieht ihm das Strassenverkehrsamt aufgrund des Schuldspruchs den Führerschein, dann gibt es für Thomas keinen Platz mehr bei seinem Arbeitgeber. Weil er im letzten Januar erstmals Vater wurde, hätte das schlimme Folgen für seine junge Familie, die von seinem Einkommen abhängig ist.

Und so kämpfte der Chauffeur – gemeinsam mit seinem Anwalt – vor Gericht für einen Freispruch, beteuerte seine Unschuld. Seine Version der Geschichte: Er habe in der Kurve ausweichen müssen, weil ein Auto plötzlich auf seine Fahrspur kam. Mit seiner Reaktion habe er Schlimmeres verhindert, sprich eine Frontalkollision vermieden.

Kam Auto entgegen oder nicht?

Der Knackpunkt für das Gericht: Ein Zeuge, der rund 400 Meter hinter dem Lastwagen fuhr, sagte aus, dass er kein entgegenkommendes Auto gesehen hatte. Warum er das so genau sagen konnte: Er sah den Lastwagen kippen, realisierte, dass das ein Unfall ist, und scannte die Umgebung sofort nach anderen Personen ab, die ihn als Ersthelfer am Unfallort unterstützen könnten. Zudem konnte Thomas auch keine Angaben machen, wie das entgegenkommende Auto denn ausgesehen haben soll. Weder Marke noch Farbe sind ihm in Erinnerung geblieben. «Das ging alles so schnell, es waren Millisekunden», sagte der junge Chauffeur.

In seinem Plädoyer hielt der Anwalt des Chauffeurs fest, dass eine Verurteilung ein Desaster für die ganze Familie seines Mandanten wäre. Er forderte, dass das Verfahren einzustellen sei. Der Verteidiger wollte zudem dem Zeugen keinen Glauben schenken. «Ich will ihn nicht diskreditieren, vermute aber, dass sein Gehirn den Unfallhergang konstruierte, um die Situation zu verstehen.» Wenn einer am Autofahren sei, könne er doch nicht erstens einen Unfall beobachten und unmittelbar danach die ganze Gegend nach Helfern absuchen. «Der Zeuge ist wohl einer Illusion erlegen.»

Verschulden ist gering

Gerichtspräsident Rossi stellte die Glaubwürdigkeit des Zeugen nicht infrage. Er verurteilte den jungen Chauffeur wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln und zu einer Busse von 400 Franken. Die Verfahrenskosten und die Kosten für den Anwalt muss Thomas selber bezahlen. Rossi meinte: «Der Zeuge hätte ein entgegenkommendes Auto bestimmt realisiert.» Es gebe keine erheblichen Zweifel an den Schilderungen des Zeugen.

Zudem zeigte sich Rossi erstaunt, dass Thomas keine Angaben zum entgegenkommenden Fahrzeug machen konnte, «obwohl Sie es schon von weitem gesehen haben». Er gehe davon aus, dass der Unfall ohne externe Einwirkung passiert sei. Thomas habe sich pflichtwidrig unvorsichtig verhalten und die Verkehrsregeln verletzt. Aber: «Ihr Fehler liegt an einem kleinen Ort, das Verschulden fällt gering aus.» Entsprechend werde er im Urteil darauf hinweisen. Allenfalls werde dann das Strassenverkehrsamt nur eine Verwarnung aussprechen.