Beyza Tut ist eine richtige Powerfrau. Früher sang sie auf Profiniveau, heute ist sie dreifache Mutter und seit 15 Jahren Besitzerin ihres eigenen Schönheitssalons «Hair & Beauty Beyza». «Ich war immer mutig und hatte den Drang, weiter zu kommen, etwas zu bewegen», sagt sie, «dachte aber nie, dass ich mal selbstständig werde.»

Die Lehre zur Coiffeuse hatte sie eben erst abgeschlossen und hatte eigentlich ein gutes Angebot für eine Stelle in Zürich erhalten. Dann fuhr die damals 20-Jährige eines Tages in Windisch an einem leerstehenden Lokal vorbei. Schon drei Wochen später machte sie dort ihr Geschäft auf. «Meine Eltern staunten nicht schlecht, als ich an dem Tag nach Hause kam und sagte, ich mache mich selbstständig.»

Dabei hätte es auch ganz anders kommen können. Wie kommt eine ehemalige Realschülerin dazu, sich mit 20 selbstständig zu machen? Blättert man Beyza Tuts Geschichte um etwa zehn Jahre zurück, trifft man auf ein scheues Mädchen, das in der Schule nicht besonders gut war. Vor allem Mathematik machte ihr Mühe, weshalb ihr Primarlehrer sie in die Kleinklasse schickte.

Vom Kleinklasse-Lehrer gerettet

«Mein Kleinklasse-Lehrer hat mich dann gerettet und auch gesagt, dass ich nie dorthin gehört hätte.» In der Realschule blühte sie schliesslich auf – vor allem dank ihrer Leidenschaft, dem Singen. «Das gab mir Kraft. Ich konnte dann sagen, dass ich zwar nicht gut in Mathe bin, aber unglaublich gut singen kann», erzählt sie. In der Fernsehsendung Popstar Schweiz kam sie später bis in die letzten acht, passte als typische Solokünstlerin aber nicht in das Konzept einer Popband, die die Sendung formen wollte, sagt sie.

Heute schickt ihr ehemaliger Reallehrer immer wieder Schüler bei ihr vorbei zum Schnuppern und um sich von ihr inspirieren lassen. «Ich bin stolz, in die Langmatt in die Schule gegangen zu sein, und will allen Realschülern Mut machen. Sie müssen herausfinden, wo ihre Stärken sind und auf diese stolz sein.»

Einmal fast aufgegeben

Kennt man einmal seine Stärken, steht einem aber noch viel Arbeit bevor. In den ersten Jahren in Windisch habe sie nur geschuftet und Rechnungen bezahlt. Der Ausgleich in ihrem Leben war auch da wieder die Musik. Einmal stand sie kurz davor, das Geschäft aufzugeben. «Mein Vater hatte schon interessierte Nachfolger gefunden, aber mein Ego liess es einfach nicht zu.» Ab dem Zeitpunkt, als sie entschieden hatte, weiterzumachen, habe sich die Situation dann zu bessern begonnen. «Ich arbeitete einfach noch härter, stand manchmal bis zu 15 Stunden lang im Geschäft, besuchte Weiterbildungen.» Ihr Vater half bei der Buchhaltung, ihre Mutter übernahm von Beginn an die Manicure im Salon. «Die Unterstützung meiner Eltern war fundamental.»

Die grosse Wende kam mit dem Campus-Bau. Als klar war, dass ihr Geschäft abgerissen würde, machte sie sich auf die Suche nach einem neuen Ort und fand ihn an einer der besten Adressen: am Bahnhofplatz in Brugg. «Ich habe mich beworben und beim Hausbesitzer immer wieder nachgehakt, bis er mir die Chance gegeben hat.» Im September 2007 bezog sie ihr neues Geschäft mit moderner Einrichtung, darunter sogar Massage-Stühle für die Kunden.

Dort lief es dann so gut, dass sie sich nach fünf Jahren zum ersten Mal einen Lohn auszahlen konnte. «Wie bedeutend das war, verstehen wohl nur diejenigen, die dasselbe durchgemacht haben wie ich», sagt sie. «Dieses 15-Jahr-Jubiläum bedeutet mir deshalb extrem viel. Wir haben hier alles von null auf aufgebaut.» 2007 hat sie auch geheiratet. «Der krönende Abschluss meiner Musikkarriere war dann, als ich meinem Ehemann ein Lied gesungen habe und er dann an der Hochzeit mehr geweint hat als ich», erzählt sie lachend.

«E starchi Brugg, en schwarze Turm»

Heute verbringt Beyza Tut die ersten drei Wochentage zu Hause bei ihren Kindern. «Als Mutter gebe ich wirklich alles.» Dank ihnen habe sie gelernt, strukturierter vorzugehen. «Wenn man etwas erreichen will im Leben, ist eine klare Agenda unglaublich wichtig.» Mit den Jahren wurde ihr Geschäft zunehmend professioneller, das Team immer besser eingespielt. Nach 15 Jahren gönnt sie sich nun zum ersten Mal zwei Wochen Ferien nach Weihnachten.

Ihr Geschäft zu vergrössern oder einen weiteren Laden aufzutun, kommt derzeit nicht infrage. Brugg will sie aber auf jeden Fall treu bleiben, auch wenn ein Geschäft im grösseren Baden locker möglich wäre. «E starchi Brugg, en schwarze Turm», beginnt sie zu singen und bestärkt, wie sehr sie mit der Stadt verwurzelt ist, in der sie aufgewachsen ist. «Brugg hat Potenzial und bereits viele gute Geschäfte, viele Leute, die sich Mühe geben. Unser Städtchen hat es verdient, dass hier etwas läuft.»

Zudem spüre sie, dass sie in Brugg noch etwas bewegen könne. Mit den Hochzeitsmessen etwa, die sie weiterhin veranstalten will. Die Bevölkerung sei zunehmend offener und gerade mit den Wahlen jetzt gäbe es politisch «einen besonders spannenden Moment». «Es ist schön, dass die Brugger gemerkt haben, dass sie einen frischen Wind wagen dürfen.» Keine andere Region wäre für sie infrage gekommen, auch wenn sie nun in Fislisbach wohnt. «Mein Ehemann ist halt Badener», sagt sie.

Aktuell bereitet sie das Jubiläumsfest vor, bei dem sie ihre Stammkunden verwöhnen will. «Da bin ich schon ein bisschen die grossherzige Südländerin», sagt sie, die als Tochter türkischer Eltern in der Schweiz geboren wurde. Türkisch sprechen könne sie noch, kulturell sei sie aber eindeutig Schweizerin, und mit ihrem Ehemann, der ebenfalls türkische Wurzeln hat, spreche sie Schweizerdeutsch. «Meine mütterliche, quirlige Seite ist wahrscheinlich schon türkisch beeinflusst. Die Türkei ist ein schönes Land, aber definitiv nicht mein Zuhause.» Das ist natürlich Brugg.