Er wird in diesem Jahr 42, doch das kann nicht stimmen. Der Mann wirkt mit seinem Lachen zu umwerfend bubenhaft und mit seinem wippenden Mozart-Zopf zu verspielt und ein bisschen schräg. So mutet jedenfalls sein Satz an: «Ich muss noch den Bach kehren.»

Was denn? Einen Bach will er kehren – doch wo ist er denn, der Bach? In der Musikwerkstatt Brugg jedenfalls nicht. Dafür befindet sich dort ein knallrotes Sofa, auf dem schwarz-weisse Kissen drapiert sind. Mit Noten. Aber die stehen auf dem Kopf, dabei handelt es sich um solche aus einer Suite von Johann Sebastian Bach. Das tut Marc Urech in der Seele weh, weshalb er «zuerst den Bach kehren» muss. Der Musiker lacht fröhlich auf.

Es ist Freitagabend, 18 Uhr. Die Musikwerkstatt an der Stapferstrasse 31 wird in 60 Minuten zu brodeln beginnen, weil dann die Probe mit dem Siggenthaler Jugendorchester SJO stattfindet. Vorne, an der Spitze, wird Urech stehen, der an diesem Abend nicht nur Dirigent, sondern auch Orchesterwart ist. Das bedeutet: Vor der Probe Stühle, Pulte, Cembalo und Pauken platzieren. Tempo, Tempo – und dennoch wirkt nicht gehetzt. Alles mutet vielmehr spielerisch leicht und befeuert von einem ansteckenden Enthusiasmus an. Diesen zeichnet den Badener, der über Ennetbaden nach Windisch kam, schon als Kind aus. Wer dem eloquenten, druckreifen Redner zuhört, merkt sofort: Musik ist sein Leben.

Instrumente als Spielzeug

Marc Urechs Vater war Gemeindeschreiber und der Musik verfallen. Er wirkte im Militärspiel mit, dirigierte über 20 Jahre die Musikgesellschaft Eintracht Windisch. Ein Foto dokumentiert, dass Sohn Marc schon als Zweijähriger neben dem Vater stand und «pinselte» – eine schicksalhafte Fügung? Jedenfalls wurde im Elternhaus derart «gmusiget», dass die vier Geschwister – drei Brüder und eine Schwester – die vielen verschiedenen Instrumente als Spielzeuge betrachteten.

Gab es Druck, ein Instrument zu spielen? Nicht die Spur. Jeder griff sich das, was gerade da lag, weil musizieren ebenso zum Leben gehörte wie essen und trinken. «Zwischen vier und sieben Jahren habe ich zu Hause die beste Hörbildung bekommen, die es gibt», sagt Urech und fügt hinzu: «Ich habe als Bub übrigens nie nach Noten, sondern immer auswendig gespielt.» Eine Fähigkeit, die ihm später neben seiner instrumentalen und stilistischen Vielseitigkeit an den Konservatorien in Luzern und Winterthur zupasskommt.

Mit 17 beginnt er sein Klarinettenstudium, wobei ihm bald klar wird: Er würde weder eine Orchesterstelle antreten noch eine Solistenlaufbahn einschlagen wollen. Weshalb nicht? Pfeilschnell kommt die Antwort. «Als Solist muss man eine freudvolle Sicherheit haben.» Sich hinstellen und damit aller Augen auf sich, den strahlenden Solisten, lenken? Nein. Was dann? «Musikvermittlung. Dort fühle ich mich wohl. Ich bin ein richtiger Teamplayer. Musizieren ist stets ein Teamprozess.»

Urechs Augen glänzen, als er betont, wie «unbezahlbar Menschen sind, die einander vertrauen und wertschätzen sowie aufeinander hören» – und das nicht nur in Orchestern, sondern ebenso in Kammermusikensembles oder Jazzformationen wie etwa «trio colore» oder «take four», denen Urech seit Jahren leidenschaftlich verbunden ist.

Keine Ermüdungserscheinungen

Gäbe es dieses «Freude herrscht» nicht schon – man müsste es erfinden, wenn der Musiker auf das SJO zu sprechen kommt. Mit 10 trat er in diesen Klangkörper ein; bis er 18 war, blieb er dort. Später kam er zurück – als Solist. Die «Wärme dieses Orchesters» wärmt ihn weiter, als er schon längst Dirigent des SJO ist. Wie er dazu gekommen ist? «Walter Blum, Gründer des SJO, hat mir Vertrauen geschenkt und mir diese verantwortungsvolle Aufgabe zugetraut.» Nein, der «pinselnde Bub» aus Kindertagen habe keine Rolle gespielt, wohl aber der Komponist Thüring Bräm, der ihn während des Studiums ermuntert habe: «Sie sollten dirigieren; das ist Ihre Passion.» Worin liegt der Reiz, das SJO zu leiten? «Die Arbeit ist völlig anders als mit einem Profiensemble, dem ich als Dirigent klipp und klar sagen kann: Das will ich. Beim SJO gibt es kein Richtig oder Falsch; wir alle suchen gemeinsam nach Lösungen.» Das ist Antriebsfeder genug, um selbst nach
14 Jahren weder Ermüdungs- noch Abnutzungserscheinungen zu zeigen. Urech bringt es auf den Punkt: «Dort, wo ich bin, bin ich mit jeder Faser.»

Und das nicht allein beim SJO, als Zuzüger beim Musikkollegium Winterthur oder als Klarinettenlehrer an der Musikschule Windisch und an der Musikwerkstatt, sondern auch als Hausmann in der Familie: «Sie gibt mir Stabilität, gibt mir das Gefühl, dass ich gebraucht werde.» Er strahlt, wenn er von seinen beiden Söhnen und seiner Frau erzählt – auch zu Hause ist Marc Urech eben ein richtiger Teamplayer.