Eigentlich will Markus Schneider nicht, dass andere erfahren, dass heute sein Geburtstag ist. Was gäbe es schon gross zu feiern? Man ist ein Jahr älter, das wars. «Es wäre cool, wenn jetzt Halbzeit wäre», sagt er, «aber das ist ja nicht realistisch.» Dazu sorge «die 5 am Rücken», dass man als alt abgestempelt werde. Und es gibt einen weiteren Grund: «In der Schweiz wird erwartet, dass derjenige, der Geburtstag hat, eine Runde Getränke ausgibt. Dabei sollte es ja umgekehrt sein.»

Das soll nun nicht den Eindruck erwecken, er sei nicht grosszügig. Markus Schneider nimmt sich selber einfach nicht zu wichtig, will lieber unauffällig bleiben. Dabei ist seine Bedeutung für Brugg gar nicht unerheblich: Immerhin gilt der Wurststand, den er führt, als der Brugger Treffpunkt schlechthin. Ein unkomplizierter Ort, an dem vom Randständigen bis zum Bankier alle willkommen sind. «Eine Institution» sei er, sagt einer seiner Stammkunden, der von seinem Wohnort Baden regelmässig nach Brugg zu «Schneidi’s Imbiss» fährt, weil ihm die Stimmung dort besonders zusage. «Und weil in Baden nichts läuft», wie er hinzufügt. «Schneidi» vom Wurststand am Neumarkt sei gar so etwas wie «der Stadtseelsorger», hört man andere sagen, vielleicht etwas übertrieben. Er selber sagt dazu: «Jeder, der bei seiner Arbeit mit Menschen zu tun hat, ist das auf irgendeine Art.»

Sein Rezept ist dabei gar nicht so aussergewöhnlich oder durchdacht: Markus Schneider ist einfach offen und freundlich, gibt sich ganz normal so, wie er ist. Ähnlich unspektakulär wie die Speisen, die er serviert. Hinter Wurstgrillieren verbirgt sich – jetzt ohne Wurstliebhabende vor den Kopf stossen zu wollen – ja keine komplizierte Wissenschaft: Auf den Grill legen, warten, umdrehen, wieder warten, servieren. Aber gerade in der Einfachheit liegt oftmals die Kunst. Den Unterschied macht wohl die Hingabe. Und die Würze: Als während des Gesprächs ein Mann – wieder ein Stammkunde – eine Currywurst bestellt, legt sie Markus Schneider behutsam auf den Papierteller, schneidet sie sorgfältig in mehreren Scheiben und streut grosszügig Currypulver darüber. Und betreffend Würze: Die italienische Salsiccia in «Schneidi’s Imbiss» hat es in sich, schliesslich wird sie von der Wohler Metzgerei Braunwalder speziell für den Stand am Brugger Neumarkt produziert. Das Rezept dafür stammt vom verstorbenen Italiener Giovanni Pulvirenti, der den Stand jahrelang geführt hatte. «Er war eine Legende», sagt Markus Schneider.

Von Stelios Sterkoudis vermittelt

Nach ihm führte der Grieche Christos Sterkoudis den inzwischen kultigen Wurststand weiter. Markus Schneider ist nun der Dritte. Vor elf Jahren wurde er von seinem früheren Schulkollegen Stelios Sterkoudis angefragt, ob er den Stand nicht übernehmen wolle. Ihn kennt man etwa vom Engagement mit seinem Bruder Seigi in der Zürcher Partyszene. Unter anderem haben sie dem Restaurant im «Kaufleuten» neues Leben eingehaucht.

Die Anfrage kam damals zum richtigen Zeitpunkt: Der gelernte Bäcker und Konditor arbeitete beim Backwarenhersteller Hiestand in Lupfig, der bereits am Kriseln war. «Mein Bauchgefühl sagte mir, dass es meinen Job bald nicht mehr geben würde.» 2012 ist seine Vermutung dann auch eingetroffen: Hiestand schloss den Standort Lupfig, Markus Schneider sprang rechtzeitig ab. Sechs Jahre hatte er dort gearbeitet, zuvor war er elf Jahre bei Disch in Othmarsingen angestellt. «Ich bin eine treue Seele», sagt er. Wie lange will er den Imbissstand am Neumarkt weiter führen? «Zu Beginn sagte ich mir: zehn Jahre. Aber mit 50 ist es wohl schwierig, einen anderen Job zu finden. Auch wenn ich es immer gut hatte mit meinen Arbeitgebern.» Wenn möglich werde er den Stand also weitere rund zehn Jahre betreiben.

Immerhin dort ist nun tatsächlich Halbzeit also, zur Freude seiner grossen Stammkundschaft, mit der er jeweils rasch Duzis macht. Als während des Gesprächs der Wind stärker bläst, eilt ihm eine seiner treuen Kundinnen zur Hilfe. Gemeinsam binden sie die ausrollbare Dachblache fest. Er sei freundlich, zugänglich und unkompliziert, sagt sie über ihn. «Normal halt. Es braucht nicht viel.» Zudem seien bei ihm die Preise günstiger als etwa in einer Bar. Zur breiten Kundschaft gehören aber nicht immer nur besonders tolle Menschen. Er musste Personen auch schon wegschicken. «Ich habe hier für geordnete Verhältnisse gesorgt», sagt er, der sonst wie die Ruhe selbst ist.

«Mein Leben ist hier»

Nach der Pensionierung wird Markus Schneider wohl nach Thailand ziehen, wo er seit Jahren hinfliegt und von wo seine Ex-Frau und seine Adoptivtochter stammen. «Ich fühle mich dort sehr zuhause», sagt er, der auch seinem Lieblingsreiseziel offenbar die Treue hält. Spuren davon findet man auf der Theke seines Imbissstandes: Die goldige Buddha-Statue mit der Trinkgeldschale etwa, links und rechts davon steht auch je ein silbriger, asiatischer Löwe: Der eine schaut, dass es genug zu essen gibt und der andere für genügend Geld, erklärt er. Sonst ist der Stand simpel eingerichtet. Am Holzhäuschen hängen die Speisekarte und eine M-Budget-Uhr, daneben stehen die Gasflaschen und ein Petflaschensammelbehälter. 72 Stunden pro Woche verbringe er in diesen Quadratmetern. «Mein Leben ist hier.»

Am Abend nach der Arbeit wartet bei ihm zu Hause in Birr jeweils sein Hund: «Eine kleine giftige Diva, die jeden beisst.» In Birr ist er auch aufgewachsen als eines von vier Kindern. In den wenigen Stunden Privatleben schaut der ZSC-Fan Eishockeyspiele. Den Pullover der New York Rangers, den er beim Gespräch an hatte, habe er vor 20 Jahren von einem Kollegen bekommen. Im Winter kämen mehrere Schichten Kleider hinzu, plus drei Paar Wollsocken, zwei lange Thermounterhosen, Schal und Mütze. Die Kunden kämen trotzdem. «Weniger, aber sie kommen.»

Besonders schön am Neumarkt findet Markus Schneider, dass alle einander kennen und helfen. Mit den Chefs und Angestellten der benachbarten Geschäfte habe er es gut. Während des Gesprächs kommt ein Mitarbeiter vom Coop zu ihm an den Stand. «Ich bestelle gerade Bier beim Lieferanten. Soll ich auch für dich bestellen?», fragt ihn dieser. «Ich habe hier viele gute Menschen kennengerlernt. Solche, die ich nicht missen will, auch nach meiner Pensionierung.» Der angebliche Stadtseelsorger Markus Schneider gibt viel – und erhält offenbar auch viel zurück.