Oberflachs

«Schlossgeist» von Schloss Kasteln geht in Pension

Wohnbereichsleiter Samuel Wanitsch geht in Pension: «Der Austausch im Team wird mir fehlen.»

Wohnbereichsleiter Samuel Wanitsch geht in Pension: «Der Austausch im Team wird mir fehlen.»

Der Ur-Aarburger Samuel Wanitsch kam schon früh mit Jugendlichen im Heim in Kontakt. Dass er nun sein Berufsleben Ende Schuljahr als Wohnbereichsleiter so gelassen abschliessen kann, freut den 65-Jährigen ganz besonders.

Hoch über der Verbindungsstrasse zwischen Oberflachs und Thalheim thront das Schloss Kasteln auf einem Felsen. Viele kennen das Schulheim vom Vorbeifahren. Seelenruhig schlendert Samuel Wanitsch über den Schlosshof. Vor 13 Jahren stand der Sozialpädagoge nach der Freistellung im Jugendheim Aarburg überraschend auf der Strasse. «Eigentlich ist es eine glückliche Fügung, dass mir diese Stelle ermöglicht wurde. Aber im ersten Moment war die Freistellung nach 21 Jahren auf der Festung Aarburg natürlich grauenhaft», sagt der gebürtige Aarburger, der kurz darauf auf Schloss Kasteln eine neue Stelle fand.

Das Schulheim erfüllt für den Kanton Aargau einen Leistungsauftrag. Es bietet Platz für 32 Schulkinder mit aussergewöhnlichem Verhalten aus schwierigen schulischen, sozialen und persönlichen Situationen. Das Schloss war bereits Mitte des 19. Jahrhunderts eine Rettungsanstalt für arme, verwaiste, verlassene oder verwahrloste Kinder. Als Wanitsch im Jahr 1999 seine neue Stelle antrat, stand viel Arbeit an. Nur eineinhalb Jahre zuvor übernahm Toni Bächli in einer schwierigen Situation die Gesamtleitung des Schulheims. «Damals lag einiges im Argen.» Gesamtleiter Bächli wollte kein «traditioneller Heimvater» sein und schuf ein Leitungsteam, zusammen mit Daniel Mosimann als Schulleiter und Wohnbereichsleiter Wanitsch.

Schloss und Wohnbereich wurden umfassend saniert. «Früher herrschten hier unschöne Zustände. Es gab an jeder Ecke Schäden. Eine neue Dekoration hing keinen Tag. Wenn eine Fensterscheibe kaputt war, ging schnell eine zweite in die Brüche», erzählt der zweifache Vater. «Der Stiftungsrat und die Verantwortlichen bei Bund und Kanton ermöglichten uns eine optimale Infrastruktur.»

2009 war das sanierte Schloss bezugsbereit. Drei Wohngruppen leben im Schloss und eine vierte im ehemaligen Personalhaus mit Blick aufs Schloss. Entstanden sind helle Räume. Die Kinder leben in Einer- oder Zweierzimmern. Aus dem alten Schwimmbecken wurde ein Bio-Schwimmbad, wo «sich die überhitzten Gemüter» im Sommer unkompliziert abkühlen können.

«Es ist eine der edelsten Aufgaben, die man haben kann. Der Auftrag ist zwar eine echte Herausforderung: 32 Kinder, die an ihrem Ort nicht mehr tragbar waren, sollen hier gemeinsam gefördert werden», sagt Wanitsch. Die meisten Kinder stammen aus dem Kanton Aargau. «Wenn es gelingt, eine Atmosphäre zu schaffen, in der es den Kindern wohl ist, so ist das wunderbar.»

Seit Wanitsch die zweimal täglich stattfindenden Austauschrunden eingeführt hat, verläuft der Alltag viel ruhiger als früher. «Unsere Arbeit können wir nur zusammen gut machen. Niemand soll sich auf dem Buckel der anderen profilieren wollen», sagt der Sozialpädagoge. Die Buben und Mädchen leben in der Regel mehrere Jahre im Schulheim. Am Wochenende und in den Ferien gehen sie nach Hause. Dreiviertel der Kinder haben keine intakte Familie. «Existenzielle Probleme führen oft zu Spannungen.» Wanitsch bezeichnet einige Schlosskinder als «Opfer der Konsumgesellschaft», weil Werte wie Liebe, Zärtlichkeit und Fürsorglichkeit in unserer Gesellschaft immer mehr auf der Strecke bleiben. Normale, gesunde Ernährung sei ebenfalls keine Selbstverständlichkeit. Auch Arbeitslosigkeit, Depressionen oder Suchtprobleme in der Familie können ein Kind aus der Bahn werfen.

Eine solche Institution ist für Wanitsch «ein Fiebermesser der Gesellschaft». Wenn er die Entwicklung beobachtet, wird ihm angst und bange. «Heute dominiert die Wirtschaft die Politik. Beide haben keine Ahnung, was in den Niederungen der Gesellschaft abgeht. Wir sehen hier in diese Nische.» Aktuell zeige man gerne mit dem Finger auf Griechenland oder Spanien. «Wir müssten aber sehr viel selbstkritischer werden – auch im Kollektiv», fordert der Sozialpädagoge.

Der junge Wanitsch besuchte die Verkehrsabteilung an der Kantonsschule und machte eine Sekretärenlehre. Der Heimleiter der Festung Aarburg, Fritz Gehrig, half ihm später, die Weichen für ein neues Berufsfeld zu stellen. Wanitsch machte eine Ausbildung in Heimerziehung in Basel. Das war nach den 68er-Jahren. Diese Zeit prägte ihn.

«Wenn man sich nur an Gewinnmaximierung und Partikularinteressen orientiert, bleibt ein Teil der Gesellschaft als Opfer auf der Strecke. Das führt früher oder später zu einem Bumerang.» Was wünscht sich der künftige Pensionär für die Zukunft? «Ich wünsche mir unseren Kindern zuliebe mehr Ursachenforschung als Symptombekämpfung.» Dazu brauche es eine breite Diskussion über Werte und Lebensqualität. Wanitsch wird mit einem lachenden und einem weinenden Auge Ende Schuljahr vom Schloss Kasteln gehen: «Der Austausch im Team wird mir fehlen.»

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