«Ein weiterer Kreis in unserem Leben schliesst sich wieder. Mitte Oktober verlassen wir das Dorf und freuen uns auf eine neue Herausforderung. Uns zieht es in die Berge.» Diese Sätze schreiben Therese (63) und Klaus Kalt (bald 65) im Mitteilungsblatt der 400-Seelen-Gemeinde Mönthal. Es sind herzliche Worte und die Journalistin denkt sich beim Lesen: «Da steckt mehr dahinter.» Sie greift zum Telefonhörer, bittet die Kalts um einen Termin.

Einen Tag später wird sie von Therese und Klaus Kalt empfangen zu Hause in Mönthal. Wobei: So richtig ein Zuhause ist es nicht mehr. Die Zimmer sind leer geräumt, im Keller stapeln sich die Bananen-Schachteln. Am Briefkasten prangen bereits die Namen der künftigen Hausbewohner. Hin und wieder kommen Leute vorbei, die Sachen abholen, die die Kalts nicht mehr brauchen. Die Strahlen der Herbstsonne tauchen die leer geräumte Stube in goldenes Licht.

Durch die grossen Fenster tut sich der Blick auf das idyllisch gelegene Dorf auf. Kalts bitten den Besuch an den Tisch – den ältesten Gartentisch, den sie haben, der Rest der Möbel ist bereits in ihrem neuen Zuhause in Alpthal-Brunni im Kanton Schwyz. Dann beginnen sie zu erzählen, erklären, warum sie nach 22 Jahren aus Mönthal wegziehen und sich in den Bergen etwas Neues aufbauen wollen. Es ist eine Geschichte, die geprägt ist von loslassen und neu anfangen. Eine Geschichte, wie eine Familie trotz Schicksalsschlag weitermachen kann.

Das Leben umkrempeln

Die Geschichte beginnt Anfang der 1990er Jahre. Kalts sind mit ihrer Wohnsituation in Leibstadt, wo Klaus eine Sägerei führt, unzufrieden, obwohl er das Haus 1978 selber gebaut hatte. Dazu kam ein Snowboardunfall von Klaus, bei dem er sich einen Rückenwirbel brach. Zeit, das Leben umzukrempeln. Noch an den Stöcken machte sich Klaus auf die Suche nach Bauland. Die Bedingung: Es sollte möglich sein, dass er über den Mittag nach Hause kann, um die Frau und seine drei Söhne zu sehen. In Mönthal schliesslich kaufte die Familie eine Parzelle Bauland. Ein Neuanfang.

Das Haus baute Klaus mehrheitlich selber. «Jeder Balken hier ist durch meine Hände gegangen», sagt er, sein Blick schweift durch den Raum. «Die Treppe ist aus einer Esche gefertigt, die ich aus unserem Wohnzimmer gesehen habe.» Die Familie nahm ihr Glück selber in die Hand. «Wir hatten eine Wahnsinns-Energie in uns drin», erinnert sich Therese. Doch schon damals wussten die beiden: «Hier werden wir nicht alt.»

Die Familie Kalt integrierte sich rasch im Dorf. Therese war 16 Jahre lang in der Schulpflege tätig, gemeinsam mit Klaus stellte sie auch einen Ad-hoc-Chor mit Erwachsenen und Kindern auf die Beine, der jeweils auf Weihnachten hin Lieder einübte. An ihr erstes Weihnachtsfest im Dorf haben die beiden eine besonders schöne Erinnerung: «Es gab damals schon die Adventsfenster, wo man jeden Abend bei einer Familie zu Besuch kann», erzählt Therese. «Wir haben zu diesem Zeitpunkt noch nicht mitgemacht.»

Das sollte sich bald ändern. Denn an einem solchen Abend wurden die Kalts für ihre schöne Weihnachtsdekoration vor dem Haus gelobt. «Kurzerhand entschieden die Mönthaler dann, dass wir in diesem Jahr das Adventsfenster mit der Nummer 25 bestreiten sollten», fährt Therese fort und lacht. Klaus ergänzt: «Wir haben dann tatsächlich am 25. Dezember Gäste empfangen.»

Familie hält trotz Schicksal stand

Es waren aber nicht nur glückliche Zeiten, die Kalts in Mönthal erlebt haben. Ein Schicksalsschlag hat die Familie geprägt. Der mittlere Sohn war 19 Jahre alt, absolvierte eine Lehre als Polymechaniker. Er war mit seinem Töff unterwegs zu seinem Lehrbetrieb, als er in einer langgezogenen Kurve von einem entgegenkommenden Auto erfasst wurde, das von der Fahrbahn abkam. Er hatte keine Chance.

Therese und Klaus Kalt reden offen über das Geschehene. Sie haben so ihren Weg gefunden, damit umzugehen. «75 Prozent der Paare, die ein Kind verlieren, trennen sich», sagt Klaus. «Wir nicht, wir haben es geschafft.» Der liebevolle Umgang miteinander, den die beiden pflegen, ist Beweis genug dafür. Eine Collage mit Habseligkeiten des Sohns, die an schöne Erlebnisse erinnern, hängt noch im Treppenhaus. Sie wird am Schluss heruntergenommen und nach Alpthal-Brunni gezügelt.

Der Umzug ist durchaus mit Wehmut verbunden. Kalts verlassen ein Haus mit 8½ Zimmern und ziehen in eine Eigentumswohnung mit 4½ Zimmern. Von vielem trennt sich das Ehepaar. «Wer ein Kind loslassen musste, kann sich gut vom Materiellen trennen», sagt Klaus. Das Ehepaar weiss, wie loslassen geht. Es weiss aber auch, wie wichtig Pläne im Leben sind. «Man muss sich immer langfristige Ziele setzen, dann kommt man vorwärts», sagt Klaus. Er hat mit seiner Frau zehn Jahre auf eine Australienreise hin gespart. Mittlerweile haben sie mehrere Male Down Under besucht. «Wir sind Reisefüdli», sagt Therese und lacht.

Jetzt erfüllen sie sich zuerst den Traum vom Leben in den Bergen. Klaus wird Ende Oktober pensioniert, die Firma Kalt AG hat er längst seinem Sohn verkauft. In Alpthal-Brunni sind die vierfachen Grosseltern bereits gut vernetzt; sie sind in einer Bikegruppe dabei und der eine Sohn lebt mit seiner Familie in Einsiedeln.

Im ersten Jahr allerdings pendeln sie noch zwischen Alpthal-Brunni und Leibstadt, wo sie einen Estrich in eine kleine Wohnung ausbauen. Denn Therese, ausgebildete Kindergartenlehrperson, wird noch nicht pensioniert und gibt ihre Stelle als Logopädin an der Primarschule in Zurzach noch nicht auf. Auch ihre Praxis als Kinesiologin wird sie weiterhin führen. In einem Jahr aber werden sie definitiv dem Ruf der Berge folgen.