Beim Bauernhof im Bezirk Brugg ist es zum Streit gekommen vor fast auf den Tag genau zwei Jahren. Der 58-jährige Hundehalter Franz soll den rund 20 Jahre jüngeren Landwirt Beat (beide Namen geändert) beschimpft und bedroht haben. Diese Woche standen die Männer vor dem Bezirksgericht Brugg.

Landwirt Beat, in grauem Pullover, war als Zeuge vorgeladen. In wenigen, ruhigen Worten schilderte er, was an jenem Morgen passiert war. Er sei gerade aus dem Stall gekommen, als er einen Hund habe herumlaufen sehen auf seinem Hofareal. Den Tierhalter erblickte er in einiger Entfernung auf seinem frisch angesäten Feld. Er habe dem Mann daraufhin zugerufen, er soll sein Grundstück verlassen. Das habe er, betonte Beat, anständig gemacht. Der Hundehalter allerdings habe aggressiv reagiert, ihn als «Scheiss-Bauern» bezeichnet und gedroht, ihm den Bauch aufzuschlitzen.

Seine Aufforderung habe er wiederholt, fuhr der Landwirt fort. Er sei auf Distanz geblieben, denn es sei ihm definitiv unwohl gewesen. Er habe das Gefühl gehabt, der Hundehalter meine es ernst mit der Drohung, bestätigte er auf Nachfrage von Einzelrichterin Gabriele Kerkhoven. Deshalb habe er die Polizei informiert. Als der Hundehalter sich schliesslich «ziemlich zügig» quer über das Feld davon machte, fuhr ihm Beat mit dem Velo hinterher und konnte auf dem Parkplatz die Autonummer aufschreiben.

Wird Opfer zum Täter gemacht?

Hundehalter Franz, in kariertem Hemd, trat bestens vorbereitet und redefreudig auf. Er stellte nicht in Abrede, dass er auf dem Land des Bauern gestanden habe. Es habe sich aber um eine Weide gehandelt, auf der er sich habe aufhalten dürfen, erklärte Franz und erwähnte den entsprechenden Artikel aus dem Zivilgesetzbuch. In diesem steht, dass das Betreten von Wald und Weide in ortsüblichem Umfange jedermann gestattet sei. «Ich bin kein Verrückter, der dem Bauern die Ernte kaputt macht.» Er habe mit seinem Hund trainiert – was er praktisch jeden Tag mache – und das Apportieren geübt.

Der Landwirt habe ihn bei der Arbeit mit seinem Tier gestört, habe gepfiffen, sei in schnellem Marschschritt auf ihn zugekommen und habe ihn auf vulgäre Art angesprochen, hielt Franz weiter fest. Dass es zu einem Disput gekommen war, bestätigte er. Auch räumte er ein, dass er nicht freundlich reagiert habe. Aber auch wenn er sich nicht an den genauen Wortlaut erinnerte: «Scheiss-Bauer» habe er sicher nicht gesagt. «Ich weiss, wie man mit Leuten umgeht.» Dass er dem Bauer gedroht habe, den Bauch aufzuschlitzen, stimme ebenfalls nicht. Und die Aussage, dass sich sein Hund auf dem Hofareal herumlief, sei erfunden. Denn sein Hund gehorche, «macht, was ich will».

Gegen den Strafbefehl habe er Einspruch erhoben, weil dieser völlig unbegründet, die Geschichte konstruiert sei, führte Franz aus. Die Aussagen seien nicht plausibel. Faktisch sei nichts vorgefallen, die Vorwürfe seien unberechtigt und lächerlich. Vielmehr habe der Landwirt ihm belästigt und gestört und behindert bei der Arbeit mit seinem Hund. Da er sich nicht habe vertreiben lassen, sei der Bauer wütend geworden und habe die Polizei gerufen. Kurz: Das Opfer werde eindeutig zum Täter gemacht.

Kritik an Strafverfolgungsbehörden

Franz forderte einen Freispruch. Im gleichen Atemzug kritisierte er die Strafverfolgungsbehörden, vermutete einem Vergeltungsakt wegen eines früheren Vorfalls, eine Hexenjagd gegen seine Person, nannte die Stichworte Vorverurteilungen und verdrehte Tatsachen.

Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven sprach den beschuldigten Hundehalter von Schuld und Strafe frei. Denn der Sachverhalt und der exakte Wortlaut der Auseinandersetzung seien umstritten, es stehe Aussage gegen Aussage, lautete ihre Begründung. Zum Schluss ging sie auf die Vorwürfe gegen die Strafverfolgungsbehörden ein: Mit seinen Unterstellungen bewege er sich am Rande eines strafbaren Verhaltens, redete Gabriele Kerkhoven dem Hundehalter ins Gewissen und mahnte zur Vorsicht. Sonst sehe sie ihn möglicherweise bald wieder vor Gericht.