Remigen
Schauspielschüler: «Ein Semester ist wie ein Rausch»

Winzersohn Dominic Hartmann aus Remigen absolviert ein Schauspielstudium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) – jetzt gibt es über die Ausbildung sogar eine Doku.

Janine Müller
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Dominic Hartmann im Stadtpark Brugg.

Dominic Hartmann im Stadtpark Brugg.

Janine Müller

Dominic Hartmann ist nicht zu übersehen. Baumlang, ganz in Schwarz gekleidet, Bart, schwarzes Cap. Der zwei Meter grosse Remiger fällt auf. Allerdings nicht nur mit seinem Auftritt, sondern auch mit seinem Berufswunsch: Der 24-Jährige absolviert ein Schauspielstudium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Eine aussergewöhnliche Wahl. Aussergewöhnlich? «Nein», findet Dominic Hartmann.

Er rückt in einem Café auf dem Neumarktplatz in Brugg einen Stuhl zurecht, sitzt ab, bestellt einen Kaffee und zündet sich eine Zigarette an. Dann erklärt er, warum er seinen Berufswunsch so gar nicht aussergewöhnlich findet. «Mit Schauspielern beginnt jeder schon früh. Es gibt Rollenspiele im Chindsgi, Theater in der Schule», führt Dominic Hartmann aus. «Jedes Kind macht mit, fast so, wie bei einem Grümpelturnier im Fussball.» Aber klar, Schauspieler werden trotzdem nur wenige, unter anderem, weil die Plätze rar sind.

Auch Dominic Hartmann, der in einer Winzerfamilie aufgewachsen ist, stellte sich früher eine andere Berufskarriere vor. Oberstufe, Lehre – das war der Plan. «Ich habe viel geschnuppert», sagt er. «Im KV, als Koch, als Polygraf. Vieles hat mir grundsätzlich gefallen, aber nichts so richtig.» Auch das Winzern sei nicht das, was ihn beruflich erfüllt, obwohl er mit dem Rebbau aufgewachsen ist.

Dominic Hartmann entschied sich, das 10. Schuljahr zu machen und absolvierte anschliessend die Fachmittelschule. Theater und Schauspiel waren bis dahin kein grosses Thema. Er nahm lediglich Gesangsunterricht an der Schule. Nach der FMS gönnte er sich eine Auszeit, reiste für ein halbes Jahr nach England. Da sei ihm ein Licht aufgegangen. «Ich merkte, dass mir das Leben auf und auch neben der Bühne gefällt, dass ich etwas in die Richtung machen möchte», erklärt Dominic Hartmann. Zurück in der Schweiz, gründete er mit einem Freund ein Cabaret. Sie spielten einige Male vor Publikum, richtig ambitioniert gingen sie aber nicht ans Werk.

Die Mutter ermutigte ihn

Es war dann eine Freundin, die Dominic Hartmann dazu brachte, an den Infotag der Schauspielschule zu gehen. «Sie drückte mir den Zettel für die Infoveranstaltung in die Hand. Zuerst nahm ich es nicht wirklich ernst, im Unterbewusstsein muss ich aber viel darüber nachgedacht haben», erinnert sich der Remiger.

Es brauchte dann noch die Mutter, die ihn dazu bewegte, den Vorkurs Theater zu besuchen. «Danach war der Fall klar», sagt Dominic Hartmann und lächelt. «Ich merkte: Das ist es! Ich hatte das Gefühl, dass alles, was ich zuvor gemacht habe, keinen Sinn ergeben hat. Beim Theater war alles dabei: tanzen, singen, sich bewegen, schöne Texte, die Möglichkeit, kritisch und objektiv zugleich zu sein.»

Dominic Hartmann machte im Mai 2014 Aufnahmeprüfungen an zwei Schulen, darunter auch an der ZHdK. Bei beiden rutschte er via die Warteliste rein, er entschied sich für die ZHdK. Für den Remiger geht ein grosser Traum in Erfüllung. «Ich habe das Glück, dass ich das im Leben gefunden habe, wonach ich unbewusst gesucht habe», sagt er.

Er macht keinen Hehl daraus, dass es ihn auch immer vom ländlichen Remigen weggezogen hat. «Obwohl es natürlich meine Heimat ist und es mir durchaus gefällt, wenn ich wieder einmal auf Besuch bin», sagt Dominic Hartmann. «Remigen gehört zu mir wie Zürich.»

Er zog in die Limmatstadt, begann das Studium. Ein Studium, das ihn an seine Grenzen bringe würde, psychisch und physisch. «Es geht einem an die Substanz», sagt der Student. «Man reflektiert viel, lernt sich selber immer wieder neu kennen.» Kritik gehört zum Tagesgeschäft, von aussen und an sich selbst, jeder Student wird ständig beobachtet. Dominic Hartmann musste lernen, auf der Bühne verletzlich und traurig zu sein, also jene Gefühle zu zeigen, «die genauso zu uns gehören, wie Freude», sagt er selber.

Kameras störten nicht

Jedes Semester sei wie ein Rausch, «man lebt drei bis vier Monate in diesem Mikrokosmos», so Hartmann. Danach brauche er jeweils etwas Zeit, um sich ans «normale» Leben zu akklimatisieren.

Begleitet wurde Dominic Hartmann im Studium auch von vielen Kameras. Das Schweizer Fernsehen hat an der ZHdK eine Dokumentation über die Studenten und deren Ausbildung gedreht. «Ich habe zugesagt, als ich für die Dreharbeiten angefragt wurde», sagt Dominic Hartmann. «Viel überlegt habe ich mir dabei nicht. Ich dachte einfach: ‹Wow cool, eine Doku über diese Ausbildung, das ist toll›.» Er habe den Gedanken gut gefunden, dass man die Studenten mal sieht und den Zuschauern bewusst werde, was in diesem Studium gemacht werde. Eine Belastung seien die Dreharbeiten nicht gewesen.

Die SRF-Doku-Serie «13 Schauspielschüler» zeigt dann auch, wie Dominic Hartmann mit den Folgen eines Unfalls mitten im ersten Studienjahr zu kämpfen hatte. «Es war eine schreckliche Erfahrung in einer Zeit, in der ich total unter Leistungsdruck stand», erzählt er. «Ich fühlte mich ohnmächtig, frustriert, depressiv.» So viel sei verraten: Dominic Hartmann gelingt es trotzdem, das erste Jahr durchzustehen. Mittlerweile denkt er bereits an das Masterstudium.

«13 Schauspielschüler» TV-Ausstrahlung ab 13. Juli um 22.25 Uhr auf SRF 1.