Schinznach-Dorf
Schauspielerin Andrea Spicher : «Ich habe den schönsten Beruf der Welt»

Die Schauspielerin hat den Armin-Ziegler-Preis erhalten. «Ich wollte schon in meiner Kindergartenzeit Schauspielerin werden», sagt die 25-jährige Andrea.

Ursula Burgherr
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Das Auto, das sich Andrea Spicher aus dem Preisgeld erworben hat, ist ein alter T3 VW-Bus.

Das Auto, das sich Andrea Spicher aus dem Preisgeld erworben hat, ist ein alter T3 VW-Bus.

Ursula Burgherr

Ihr mädchenhafter zartblauer Tülljupe im Petticoatstil wippt bei jedem Schritt, sie hat ihre Haare zu einem lockeren Dutt hochgesteckt und ist völlig ungeschminkt. Andrea Spicher mag es im Privatleben natürlich; auf der Theaterbühne trägt sie oft genug dicke Make-up-Schichten. Zum Gespräch trifft man sich im frisch umgebauten Haus ihrer Eltern in Schinznach-Dorf.

Im Garten plätschert ein Brunnen, der Blick fällt auf ein riesiges Hochbeet voller Blumen. Andrea ist mit ihrem älteren Bruder Nicola in der Nachbarschaft aufgewachsen. Geboren wurde sie in Oberflachs, verbrachte eine behütete und unbeschwerte Kindheit auf dem Lande. Die Eltern führen eine gutgehende Schreinerei in Brugg und haben die Talente und Berufswünsche ihrer Sprösslinge immer gefördert.

2000 Bewerbungen, 10 freie Plätze

«Ich wollte schon in meiner Kindergartenzeit Schauspielerin werden», sagt die 25-jährige Andrea, und ihre hellgrünen Augen sprühen vor Energie. Aber wer glaubt schon, dass die Träume eines kleinen Mädchens von Dauer sind? Sie muss laut herauslachen, wenn sie an ihre erste Hauptrolle im Schultheater als Räuber Knatter Ratter denkt. Im Gegensatz zu ihren Kindergarten- und Primarschulgspänli, die sich in ihren kindlichen Fantasien alle auch eine Zukunft im Film oder auf der Bühne ausmalten, war es ihr jedoch ernst.

In der Internatsschule Ecole d’Humanité auf dem Hasliberg stürzte sie sich auf die kreativen Fächer, und es war nur eine logische Fortsetzung, dass sie an der FMS Basel für ihre Diplomausbildung die Fachrichtung Schauspiel und Tanz wählte. Ihr nächstes Ziel war, sich den Platz an einer der rund 20 staatlichen Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum zu ergattern. «Ich studierte meine Vorsprechrollen ein und ging auf Bewerbungstour. Aber die Konkurrenz war riesig. Auf 10 freie Ausbildungsplätze gab es jeweils 2000 Aspirantinnen und Aspiranten», erzählt Andrea. Da gilt es auch, mit Ablehnung umzugehen und nach einem Tiefschlag weiterzumachen, als ob nichts gewesen wäre.

Die Schauspielschulen Zürich, Rostock und Ludwigsburg wollten sie aufnehmen. «Ich entschied mich für Deutschland, weil ich mir eine akzentfreie Hochsprache aneignen wollte», erzählt sie. Die ehemals ostdeutsche Hafenstadt Rostock wurde dreieinhalb Jahre ihre Homebase, bis sie ihr Schauspieldiplom in der Tasche hatte.

Für ihr nächstes Ziel, ein Festengagement bei einem Theater, musste Andrea Spicher sich wieder mit unzähligen begabten, erfolgshungrigen Schauspielschülerinnen messen. Und schwang mit ihrem Talent beim Theater Münster obenauf. Dort bekam sie den ersehnten Zweijahresvertrag und zeigt seit 2016 die ganze Bandbreite ihres schauspielerischen Könnens. Sie spielte mehrere Rollen in Joël Pommerats Drama «La Révolution: Wir schaffen das schon», in dem es um Terror und Rechtspopulismus geht. Im Lustspiel «Leonce und Lena» von Georg Büchner gab sie die Rosetta. Für den Part der Lore in Laura Naumanns «Demut vor Deinen Tagen Baby» bekam sie nun den Aufmunterungspreis der Stiftung Armin Ziegler.

Diese mit 5000 Franken dotierte Auszeichnung wird seit 1999 alle zwei Jahre an drei bis fünf hervorragende junge Schweizer Schauspieltalente vergeben. Eine tolle Motivation, um weiterzumachen. Die Aktrice kämpft mit starkem Lampenfieber. «Das fängt schon vier Stunden vor einer Aufführung an», gesteht sie. Obwohl die hübsche junge Frau mit ihrem entwaffnenden Lächeln wie ein absolutes Sonnenkind wirkt, leidet sie unter Selbstzweifeln. «Ich stelle extrem hohe Ansprüche an mich», bekundet Andrea. Trotzdem habe sie den schönsten Beruf der Welt gewählt. Jetzt ein paar Tage bei ihren Eltern zu verbringen, ist für sie wie Ferien.

Der Bühnenalltag sei streng: «Jeden Tag Proben in Vierstundenblöcken – auch am Samstag. Wenn abends keine Vorstellungen sind, wird geprobt. Dazu kommt stundenlanges Textlernen. Es ist schwierig, daneben noch Freundschaften zu pflegen.» Nächstes Jahr läuft ihr Vertrag mit dem Theater Münster ab. Dann geht es in die nächste Bewerbungsrunde. Andrea Spicher hat ihren Kindheitstraum verwirklicht und ist Schauspielerin geworden. Mit allen Konsequenzen.