Stilli
Scannen, schrumpfen, drucken: Bei ihr kommt jeder klein raus

In ihrem Fotostudio in Stilli fertigt Ulrike Kiese Menschen im Taschenformat an. Sie wagt – im wahrsten Sinne – den Sprung in eine neue Dimension. «Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Jede Person ist eine Inspiration», sagt sie.

Michael Hunziker
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Ulrike Kiese: «Die Figur hält ein Leben lang»
6 Bilder
Bei Ulrike Kiese kommt jeder klein heraus
Kann sich sehen lassen: Der Geschäftsmann im Mini-Format
Schicht für Schicht modelliert: Das fertige Ergebnis in 3D-Drucker

Ulrike Kiese: «Die Figur hält ein Leben lang»

Mathias Marx

Als Fotografin rückt Ulrike Kiese Frauen und Männer, Babys und Teenager, Hochzeitspaare und Schwangere ins beste Licht.

Neuerdings stellt sie in ihrem Studio dreidimensionale Miniatur-Figuren her, produziert also detail- und massstabgetreue Abbilder ihrer Modelle.

«Skulpturen haben mich schon immer fasziniert», sagt Ulrike Kiese und fügt an: «Die 3-D-Figuren sind eine perfekte Ergänzung zur Fotografie. Es wird möglich, die Einzigartigkeit einer Person, ihre Haltung und ihren Ausdruck zu verewigen.»

Momentan stosse das Angebot zwar auf Interesse, aber: «Alles ist neu und vielerorts ist deshalb eine gewisse Skepsis zu spüren.» Es sei, davon ist sie überzeugt, jedoch nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Hemmschwellen abgebaut seien.

Gips, Vinyl, Polymeren und Keramik

Der Scan-Vorgang für eine 3-D-Figur dauert rund drei bis vier Minuten und kann im Fotostudio oder - bei ganzen Gruppen - direkt vor Ort vorgenommen werden. Die Oberfläche der Person wird dabei digital erfasst, als Gitternetz aus Millionen von Polygonen. In der Folge werden die Daten über mehrere Software-Programme nachbearbeitet. Der 3-D-Drucker modelliert die Figur Schicht für Schicht in mehreren Hundert Durchgängen mit feinstem Pulver - einer Mischung aus Gips, Vinyl, Polymeren und Keramik - und beschichtet sie mit der Farbe. Die fertig ausgedruckte Figur wird vorsichtig von überschüssigem Material befreit und ausgehärtet und hält, so Ulrike Kiese, «ein Leben lang». (mhu)
www.pocketsizeme.ch

Alles begann Ende 2012. Die Fotografin, die ihr Studio seit sieben Jahren am Aareufer in Stilli betreibt, erfuhr per Zufall von einem Projekt in Tokio.

Für die Herstellung einer Wandtapete wurden dort Menschen gesucht, die sich als Motiv zur Verfügung stellten und einscannen liessen. Ulrike Kiese war begeistert und begann zu recherchieren.

Sie stiess auf die geeigneten Geräte – Scanner und 3-D-Drucker – die eine Oberflächenstruktur aufnehmen und wiedergeben können. Der grosse Haken: Eine Anschaffung stellte sich als nicht ganz günstiges Unterfangen heraus.

Das Feuer aber hatte die Fotografin gepackt. Im Mai dieses Jahres rief sie die Firma PocketSize Me AG ins Leben.

Dann gings ans Probieren und Erfahrungen sammeln. Die Lernphase sei intensiv gewesen, sagt Ulrike Kiese rückblickend. Die Vorstellung, ein Objekt könne einfach per Knopfdruck in Sekundenschnelle reproduziert werden, sei komplett falsch. «Es gab einige Schwierigkeiten.»

Am Anfang waren die Hauttöne der Figuren einmal zu gelb, einmal zu grau. «Ein schwarzer Anzug stellte sich als Herausforderung für den Scanner heraus, weil das Gerät keine Kontraste erkennen konnte.»

Die leuchtend rote Hose und die edle hellblaue Bluse hatten dunkle Flecken, weil die Stellen beim Scan-Vorgang im Schatten lagen. Und mit gewissen Frisuren – einer Löwenmähne beispielsweise – hatte der 3-D-Drucker seine liebe Mühe.

«Es sah am Schluss aus, als trage die Person eine Mütze», sagt Ulrike Kiese mit einem Lachen. Mittlerweile, rund 300 Miniatur-Figuren später, sind die Probleme gelöst und die Fotografin verfügt über viel Routine.

Trotzdem, betont sie, stecke hinter jeder Figur nach wie vor viel harte Arbeit.

Auf den leistungsstarken Computern kämen bis zu fünf Softwareprogramme zur Nachbearbeitung zum Einsatz, jedes Detail – vom Ohrläppchen bis zur Falte im Arbeitskittel – müsse beachtet werden.

Das dreidimensionale Abbild sei von einem ganz besonderen Reiz, dem man sich kaum entziehen könne, steht für Ulrike Kiese fest.

«Die Figuren machen Freude. Sie wirken richtiggehend als Magnet.» Genau aus diesem Grund hofft sie, vor allem Firmen ansprechen zu können.

«Ob Verwaltungsratspräsident oder Coiffeuse, ob bei der Kasse oder am Stand an einer Messe, ob auf dem Schreibtisch oder in der Vitrine: Die Figuren sind ein Sympathieträger.»

Je nach Grösse – 10 bis 20 Zentimeter – seien die Preise ab 390 Franken überdies fair und verträglich, so die Fotografin.

Auch die Hausfrau, die Sportlerin oder der Schauspieler, die Familie oder die Trachtengruppe hätten die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten, sich selbst zu begegnen oder sich selbst zu verschenken. «Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt», sagt Ulrike Kiese. «Jede Person ist eine neue Inspiration.»

Kein Wunder, hat die Fotografin bereits eine Vision. Sie möchte einmal die gesamte Bevölkerung eines – kleinen – Dorfes als Miniatur-Figuren anfertigen.

«Die Knacknuss besteht darin, dass wirklich jeder mitmachen und sein Einverständnis geben muss.»

Wer weiss, was Ulrike Kiese mit ihrer Energie, ihrer Begeisterung umsetzen kann. Herausforderungen scheinen sie jedenfalls nicht abzuschrecken.

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