Es war sonnig und angenehm warm damals im April 2018; die ideale Voraussetzung, um einen schönen, friedlichen Frühlingstag zu erleben. Unterwegs an der Aare waren, neben anderen Spaziergängern, die junge Frau Huber (Name geändert) mit ihrem Terrier und der ältere Fischereiaufseher Fischer (Name geändert).

Doch mit ihrer Begegnung war es mit dem Frieden zu Ende: Zwischen den beiden entzündete sich gegen Mittag ein Konflikt, der schliesslich vor den Schranken des Brugger Bezirksgerichts endete. Gerichtspräsidentin Chantale Imobersteg hatte über zwei fast identische gegenseitige Anklagen zu urteilen.

Doch der Terrier rannte weg

Angefangen hatte die Auseinandersetzung damit, dass Herr Fischer in seiner Funktion als Fischereiaufseher die Hundehalterin aufforderte, ihren Hund an die Leine zu nehmen. Die Leinenpflicht gilt während der Schonzeit, also vom 1. April bis 31. Juli. Doch der Terrier rannte weg, um die ankommende Mutter von Frau Huber zu begrüssen.

Zwischen Frau Huber und Herr Fischer begann ein Disput, bei dem Worte wie «alter seniler Schlafsack», «Sauhund», «dummes Weib» oder «blöde Kuh» gefallen sein sollen. Irgendwann soll Frau Huber Herrn Fischer mit beiden Händen weggestossen haben. Dieser hob seinerseits die Hand. Beide sollen sich dabei gegenseitig berührt haben. Frau Huber trug eine Verletzung neben dem Auge davon.

Die als Zeugin geladene Mutter von Frau Huber bestätigte, dass es Beschimpfungen gab. Wer aber was wem genau an den Kopf geworfen hatte, konnte sie nicht sagen. Schliesslich telefonierte Frau Huber der Polizei und Herr Fischer entfernte sich. Später trafen sich beide mit der Polizei bei einer nahen Brücke. Es folgten Einvernahmen und schliesslich die beiden Anklageschriften der Staatsanwaltschaft. In beiden Anklageschriften heisst es: «Die beschuldigte Person hat jemanden in anderer Weise durch Wort, Schrift, Bild, Gebärde oder Tätlichkeit in seiner Ehre angegriffen» und weiter: «Die beschuldigte Person hat gegen jemanden Tätlichkeiten verübt, die keine Schädigung des Körpers oder der Gesundheit zur Folge hatten». Frau Huber wurde zusätzlich wegen Missachtung der Leinenpflicht angeklagt.

Im Zweifel für den Angeklagten

Eingangs der Verhandlung bot der Anwalt von Herrn Fischer im Namen seines Mandanten an, die Klage zurückzuziehen, falls Frau Huber, die als Erste geklagt hatte, ebenfalls verzichte. Diese lehnte es trotz Nachfrage von Imobersteg jedoch ab. Frau Huber hatte keinen Anwalt zugezogen. Rund eine Stunde dauerten darauf die Verhandlung und die Einvernahme der Zeugin.

Nach einer weiteren Stunde für die Beratung verkündete Gerichtspräsidentin Imobersteg das Urteil: Frau Huber und Herr Fischer wurden von den Beschimpfungen und Tätlichkeiten freigesprochen. Beide Aussagen seien in sich schlüssig, sagte Imobersteg. Aber wer welche Schimpfwörter gebraucht hatte, liess sich auch nach Aussage der Zeugin nicht feststellen. Beide sagten, sie hätten keine Schimpfwörter verwendet, mit einer Ausnahme: Frau Huber gab zu, das Wort «Sauhund» verwendet zu haben.

Das Gericht ging von einer erregten Situation aus, in der auch die Tätlichkeiten eher fahrlässig als vorsätzlich erfolgten. Und deshalb gelte, so Imobersteg: «in dubio pro reo», im Zweifel für den Angeklagten, was Freisprüche und Kostenübernahme durch den Staat zur Folge hatte.

Damit blieb die Missachtung der Leinenpflicht als einziger relevanter Tatbestand übrig. Frau Huber wurde schuldig gesprochen und muss eine Busse von 100 Franken bezahlen oder einen Tag eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen. Dazu muss sie einen Anteil der Verfahrenskosten übernehmen.